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Wenn Goethe Schillers «Tell» aufführt

Was macht Regisseur Oliver Stein mit den über 100-jährigen Tell-Freilichtspielen? Der Augenschein an der Premiere zeigt ein authentisches Theater.

Eine Szene mit dem Volk aus der neuen Tell-Inszenierung von Regiseeur Oliver Stein, sie sich der Authentizität verschrieben hat.
Eine Szene mit dem Volk aus der neuen Tell-Inszenierung von Regiseeur Oliver Stein, sie sich der Authentizität verschrieben hat.
Dany Rhyner

Das gabs in der über 100-jährigen Geschichte der Tellspiele Interlaken noch nie: In Kursen bei Peter Kumate Aebi, einem versierten Kampfkunstprofi, lernten die Tellspieler zuschlagen und Hellebarden und Heugabeln so einsetzen, dass es echt aussieht. «In erster Linie geht es mir um Authentizität», versprach Schauspieler und Regisseur Oliver Stein, der für die diesjährige Inszenierung «Tell, die Legende lebt!» verantwortlich zeichnet.

Das Volk von Uri, Schwyz und Unterwalden leidet unter Österreichs Vögten so sehr, dass es sich wehrt. Deshalb werden die brutalen und längst nicht ausgestorbenen Mittel einer Diktatur eingesetzt: Man straft Unschuldige hart anstelle von Aufmüpfigen, die man nicht findet, man foltert, man versenkt unbequeme Bürger nachrichtenlos in Kerkern.

Das Team hinter den Tellspiel-Kulissen: Theo Schmid, Schauspieler und Co-Autor der Neufassung, Fabian Dobler, Musik, Komposition und Produktion, Kampfkunstlehrer Peter Kumate Aebi und Regisseur Oliver Stein. (Bild: Anne-Marie Günter)
Das Team hinter den Tellspiel-Kulissen: Theo Schmid, Schauspieler und Co-Autor der Neufassung, Fabian Dobler, Musik, Komposition und Produktion, Kampfkunstlehrer Peter Kumate Aebi und Regisseur Oliver Stein. (Bild: Anne-Marie Günter)

Unvergesslich in der Inszenierung 2019 dürften die Schreie von Arnold von Melchtal sein, dem die Augen ausgestochen werden. Tanzende und spielende Kinder sind fast unverzichtbare Elemente eines jeglichen Freilichttheaters. Bei den Tellspielen haben sie Tradition, mitspielende Mütter und Väter nehmen die Kinder jeweils mit. 2019 spielen und tanzen sie auch, aber nicht mehr direkt vor den Schergen der Vögte. Ein Detail: Tells Buben rangeln ein wenig und mögen keine Küsse.

Dichterfürsten unter sich

Die Tellspiele 2019 beginnen mit einer leeren Bühne. Zu sehen sind wie immer mittelalterliche Holzhäuser und ein halb gebauter Burgbergfried vor hohen Laubbäumen, die jedes Jahr ein wenig höher sind. Musik erklingt, Typ klassisches Orchester intoniert hehre Alpenwelt. Über die Zuschauertribüne kommen Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe. Aus Kostengründen verzichten sie nach und nach auf die meisten Instrumente für ihre Intromusik. Oliver Stein ist Fan der grossen Klassiker und gibt mit ihnen in seiner Inszenierung einen ganz eigenen Rahmen. Tatsächlich hat Goethe 1804 das letzte Drama seines Freundes in Weimar uraufgeführt: Es dauerte fünf Stunden und hatte mit viel alpenländischem Kolorit grossen Erfolg.

Goethe macht sich aber bei Tell 2019 nicht nur um die Kosten des Orchesters, sondern auch über anderes Sorgen: Wie kann man Tells Sprung aus Gesslers Schiff im stürmischen Vierwaldstättersee inszenieren? Jahrzehntelang erzählte Tell in Matten in Schillers Versform nur davon. Vor vier Jahren hat Ueli Bichsel zum ersten Mal mit Menschen als Wellen das Bild dazu geschaffen. Stein hat, auch dank Licht- und Tontechnik, eine andere, aber ebenfalls wirkungsvolle Lösung gefunden.

Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller diskutieren, wie das Freiheitsdrama richtig aufzuführen ist. (Bild: Anne-Marie Günter)
Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller diskutieren, wie das Freiheitsdrama richtig aufzuführen ist. (Bild: Anne-Marie Günter)

Zu Freilichttheatern gehört Humor. Oliver Stein setzt ihn subtil ein, etwa wenn Goethe und Schiller sich selbst und gegenseitig zitieren. Oder wenn die beiden den Hut bewachenden Söldner sich uneins sind, ob man dem Hut seine Reverenz erweisen oder beweisen muss. Die Tellspiele wären nicht die Tellspiele, wenn nicht Bewährtes erhalten bliebe. Wo kann sonst so viel Alpenkolorit gezeigt werden wie auf dem Bödeli, wo Aufführung für Aufführung Simmentaler Kühe und Ziegen über die Bühne ziehen?

Körperliches Liebesdrama

Mehr in den Fokus rückt Stein den neben dem Apfelschuss und dem Rütlischwur dritten Erzählstrang von Schillers «Tell»: die Liebesgeschichte zwischen dem Urner Landesfürsten Rudenz und dem Edelfräulein Berta. So viel körperlich gezeigtes Liebesdrama ist eher ungewohnt und angesichts der hierzulande auf Laienbühnen eher zurückhaltend gezeigten Liebesbeweise beeindruckend.

Wie die Darsteller überhaupt beeindrucken: Stein hat, wie er es angekündigt hat, an der Authentizität gearbeitet. Die Bilder sind gegenüber den letzten Jahren etwas karger geworden, die schauspielerischen Leistungen subtiler: Man sieht Gessler förmlich erstarren, als ihm Tell sagt, wofür er den zweiten Pfeil gebraucht hätte. Subtil und geigenlastig unterstützt die Musik von Fabian Dobler die Aufführung, die sich selbst zitiert: Man hat ja Instrumente gespart.

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