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Von der Fee zum Menschen geküsst

Das diesjährige Weihnachtsmärchen ist aus solidem Holz geschnitzt: Der von Andri Schenardi mit Witz und Geist gespielte Pinocchio erweist sich als perfekte Identifikationsfigur für die kleinen Theaterbesucher.

Gutes Zureden hilft: Die Blaue Fee (Milva Stark) bändigt den frechen Pinocchio (Andri Schenardi), der ihr verspricht, endlich ehrlich zu sein.
Gutes Zureden hilft: Die Blaue Fee (Milva Stark) bändigt den frechen Pinocchio (Andri Schenardi), der ihr verspricht, endlich ehrlich zu sein.
zvg/Philipp Zinniker

Auf der Bühne steht ein Stück Holz mit einem langen Astauswuchs. Zumindest die Erwachsenen, die ihre Kinder ins «Weihnachtsmärchen» begleitet haben, ahnen, wer daraus in Bälde geschnitzt werden wird: die Marionette Pinocchio, die 1881 entstandene Schöpfung von Carlo Collodi. Der italienische Autor schuf seinen Bengel aus Holz, der sich moralisch entwickeln muss, um schliesslich Mensch zu werden, ursprünglich für eine Wochenzeitung.

Auf den ersten Blick erscheint «Pinocchio» vor allem als eine mit fantastischen Elementen angereicherte Kindergeschichte, die den Eltern beim Erziehen helfen soll. Neuere Deutungen erkennen in dem «Holzkopf» jedoch durchaus eine moderne Narrenfigur, die auch die Erwachsenen in einen Prozess der Selbstreflexion zu verwickeln vermag.

Spitzbube und Blaue Fee

So oder so: Mit dieser Geschichte setzen Ingrid Gündisch (Inszenierung) und Karla Mäder (Dramaturgie) auf einen Stoff, der nichts von seiner Faszination eingebüsst hat. Nach den letztjährigen Weihnachtsmärchen, die entweder auf einer schwachen Story beruhten oder fragwürdig umgesetzt wurden, gelingt es «Pinocchio», auf kurzweilige und intelligente Art zu punkten. Dem spitzbübisch-schlaksigen Andri Schenardi ist die Rolle wie auf den Leib geschneidert. Die Inszenierung bleibt eng an der literarischen Vorlage, streicht aber einige Schauplätze heraus und lässt die im Original mehrmals intervenierende Fee nur gerade einmal auftreten. Dafür hat es dieser Auftritt in sich: Milva Stark schwebt als Blaue Fee auf einem Trapez sitzend aus dem mit bunten Lampenschirmen behängten Himmel herunter und treibt Pinocchio das Lügen aus, indem sie seine Nase wachsen lässt, wenn er die Unwahrheit sagt.

Banker und Gangsta-Rapper

Zum Leben erwacht ist Lügenbold Pinocchio in der Schreinerstube des armen Schusters Gepetto (Marcus Signer), der sich ihm als sein Vater vorstellt. Doch der freche Kerl hat keine Lust, von Gepetto Respekt zu lernen. Er verlangt nach einem Lesebuch, um wie ein richtiger kleiner Junge die Schule besuchen zu können. Der Wissensdurst ist jedoch schnell verflogen, als Pinocchio auf ein kleines Marionettentheater stösst. Hier ergeben sich poetische Theater im Theater – Momente, bei denen sich Andri Schenardi unter die Kinder ins Publikum setzt, bis die an die Commedia dell’Arte angelehnten Holzfiguren ihn als einen der Ihren erkennen. Gemeinsam mit Pinocchio können sie den langbärtigen Theaterdirektor Feuerfresser (Marcus Signer in einer Doppelrolle) überlisten. Doch der Feuerfresser ist noch die kleinste Herausforderung für Pinocchio. Die eigentlichen Bösewichte sind der Fuchs (Jonathan Loosli) und der Kater (Philip Hagmann).

Sie symbolisieren falsche Freunde, die man meiden sollte, und versprechen das schnelle Geld, das sie Pinocchio in Wahrheit nur stehlen wollen. Da ist es ganz passend, dass der schlaue Kater in seinem grauen Anzug an einen aalglatten Banker erinnert, während der Fuchs wie ein dummer «Gangsta Rapper» daherkommt, der selbst mehr Opfer als Täter ist. Die Gegenfigur dazu ist die als alter, würdiger Herr gezeichnete Grille (Thomas Pösse), die Pinocchio den Weg der Tugend predigt. Aus solidem Holz geschnitzt ist nicht nur das Figurenensemble, sondern auch die an moderne Architektur erinnernde Drehbühne (Helke Hasse), die mal die Vorstellung eines Waldes, mal einer Wohnstube und zuletzt gar eines Walfischbauches evoziert. In dieser Holzkonstruktion wohnt witzigerweise ein für die musikalische Untermalung sorgender Holzwurm (Michael Frei), der gleich mehrere Instrumente beherrscht.

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