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Vom Stalin-Bejubler zum Musicalschreiber

Der tschechische Dramatiker und Schriftsteller Pavel Kohout ist bis heute voller Tatendrang. Nun wird er 85.

«In den letzten zwei Jahren war wieder Theater angesagt»: Musiker Kohout. (Bild vom 7.10.2010)
«In den letzten zwei Jahren war wieder Theater angesagt»: Musiker Kohout. (Bild vom 7.10.2010)
Keystone

Das Theater ist seine Welt. Sein eigenes Leben zwischen Stalin und Vaclav Havel war nicht weniger dramatisch. Pavel Kohout begann als Stalin-Verehrer und wurde später einer der führenden Köpfe des Prager Frühlings, gefeierter Bühnen-Autor und politischer Exilant. Viel hätte nicht gefehlt, dann wäre der Schriftsteller kurz vor seinem 85. Geburtstag am kommenden Samstag, 20. Juli, auch noch Kulturminister in Tschechien geworden.

Paparazzi fotografierten Kohout vor dem Regierungssitz in Prag mit einer Aktentasche unter dem Arm. Gerüchte machten an der Moldau die Runde, doch am Ende übernahm ein anderer das politische Amt.

«Gespür für raffinierte Dialoge»

Ruhestand kennt Kohout nicht. «In den letzten zwei Jahren war wieder Theater angesagt», resümiert er. An seiner Heimatbühne, dem Prager Theater in den Weinbergen, feierte im April seine neue Musikrevue über den legendären Sänger Karel Hasler Uraufführung. Der tschechische Patriot Hasler starb 1941 im KZ Mauthausen.

Seit zwei Jahren zeigt die Bühne zudem eine Cyrano-Adaption, die Musicalelemente mit Songs des Rappers Xindl X verbindet. Kohout modernisierte den Text mit Alltagssprache. Die Kritik war gemischt, aber das Publikum liebt das Stück mit Dagmar Havlova-Veskrnova in einer Hauptrolle, der Witwe des gestorbenen Präsidenten Vaclav Havel.

Gerade bei seinen Inszenierungen klassischer Werke komme Kohouts originelle dramatische Handschrift zur Geltung, meint der Theaterkritiker Ondrej Cerny. Kohouts Adaptionen des «Schwejk» und von Capeks «Krieg mit den Molchen» wurden in Deutschland viel gespielt. «Dabei konnte er auf ideale Weise seinen Sinn für dramatische Kürzung, Montage und schnellen Schnitt, sein Gespür für raffinierte Dialoge und grosse Erzählungen anwenden», sagt Cerny.

Junger Schreiber sozialistischer Gedichte

Kohouts eigenes Leben hat alle Dramatik eines Theaterstücks. Als er im deutsch besetzten Prag 13 Jahre alt war, habe sein Vater die Attentäter von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich mit Lebensmitteln versorgt. «Damals ahnte ich nichts, heute halte ich das Attentat für die tollste Leistung des europäischen Widerstands», erinnert sich Kohout an die Zeit im Protektorat.

Nach dem Krieg trat der Jungjournalist der kommunistischen Partei bei und wurde zu einem gefeierten Jubelschreiber schematischer sozialistischer Gedichte. In Tschechien haben sehr viele ihm das bis heute nicht verziehen. Die bildhübsche Schauspielerin Alena Vranova aus dem Märchenfilm «Die stolze Prinzessin» heiratete Kohout auf eigenen Wunsch am Geburtstag Stalins. Es war das Traumpaar des Sozialismus - doch die Ehe zerbrach.

Erfolgreichster Theaterautor seines Landes

Die heutige Occupy-Bewegung kommt Kohout ähnlich naiv vor, wie er es selbst einmal war. Wofür er sich nach dem Krieg begeisterte, habe sich als plumper Vorwand für Machtbegierde erwiesen. Doch zugleich meint Kohout: «Der Sozialismus war und bleibt eine rettende Idee, die den wilden Kapitalismus gezähmt hat.»

In den 1960er Jahren wurde Kohout zu einem der führenden Köpfe des Prager Frühlings, eines Versuchs, den Sozialismus von innen heraus zu reformieren. Die kurze Zeit relativer Freiheit endete mit dem Einmarsch von Panzern der sozialistischen «Bruderstaaten». Kohout wandelte sich zum Dissidenten, engen Vertrauten des Dramatikers Vaclav Havel und Erstunterzeichner der Charta 77, die mehr Bürgerrechte einforderte. Sein Vaterland rächte sich 1979 mit der Zwangsausbürgerung. Im Westen kamen seine Stücke bis zur Wende insgesamt auf 450 Erstaufführungen und rund 11'000 Vorstellungen. Das macht Kohout zum erfolgreichsten Theaterautoren seines Landes.

SDA

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