Und ewig lockt die Wasserfee

Mit der «Melusine» schuf Thüring von Ringoltingen eines der ersten Schweizer Bücher – und Weltliteratur aus Bern. Nun kommt das Buch im Multimediaformat auf die Bühne.

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Eigentlich hiess er Zigerli. Thüring von Ringoltingen (ca. 1415–1483) stammte von einer Simmentaler Familie ab, die durch Käsehandel reich wurde. Sie siedelte ungefähr 1350 in die Stadt Bern über. Weil in «Zigerli» der angestrebte Aufstieg in den Stadtadel nicht gerade anklang, legte die Familie bald den glamourfreien Namen ab und übernahm das bereits ausgestorbene Geschlecht der Ringoltingen.

Damit stiegen Ansehen und Einfluss. Thüring wurde wie bereits sein Vater ein wichtiger Mann der Stadt. Er war mehrmals Schultheiss und wurde zum Pfleger des Münsterbaus ernannt. Dieser zog sich ab 1421 mehr in die Länge als in die Höhe.

Alte Sage, neu erzählt

Dann, 1456, verewigte er sich als Autor und schrieb die Geschichte der Sagengestalt Melusine in Prosaform nieder. Als Vorlage nahm er den Versroman des Franzosen Couldrette, der ungefähr um 1400 entstanden war. Doch was der Berner Patrizier schuf, war viel mehr als eine Übersetzung, schliesslich musste sich das Buch abheben: Zur Geschichte über das Märchenwesen Melusine packte er die aktuelle europäische Grosswetterlage samt Schlachten und Herrschern.

Am Schluss hatte er ein überfrachtetes Bild seiner Zeit geschaffen, das auf heutige Augen einen etwas wirren Eindruck hinterlässt. Eine Theatergruppe nimmt den Stoff nun wieder auf (siehe ­Kasten).

Samstags die Verwandlung

Selbst führt er ein: «und ob ich den synn der materyen nit gantz nach dem welschen buoch gesetzt hab. So hab ich doch die substantz der materyen so best ich kond begriffen.» Er verspricht beste Unterhaltung: Melusines Geschichte sei «noch frömder und aventürlicher» als die ihm bekannten Romane.

Protagonist Reymond lädt zu Beginn mit dem Totschlag seines Vetters auf der Jagd Schuld auf sich. Ein Unfall zwar, aber einer, der verarbeitet sein will. Am nächsten Morgen trifft der Betrübte in einer schönen Waldlichtung am «Turstbrunnen» die Wasserfee Melusine. Er ist verzückt von ihrer Schönheit, sie vermag ihn zu trösten. Und sie verspricht ihm Ehre und Glück, falls er sie heirate. Eine Bedingung hat sie allerdings: Samstags müsse er sie immer ihre Wege gehen lassen, sonst sei sein Glück vorbei.

Denn Melusine ist eine Mischung eines sterblichen Menschen und eines überirdischen Wesens, die verbunden ist mit einer Verwandlung. Bei der Melusine geschieht die Metamorphose beim samstäglichen Bad: Ihr Unterkörper wandelt sich zur Schlange.

Dann das Unglück

Es kommt zur Heirat, und zunächst ist das Glück kaum fassbar: Neben unbegrenzter Mittel verfügt Melusine über eine ebenso schrankenlose Gebärfreudigkeit. Sie bringt 10 Söhne auf die Welt. Dass jeder eine andere Missbildung hat (verschiedenfarbige Augen, eine Löwenpranke, die aus der Backe ragt, einen Eberzahn) ist dabei kein Grund zur Besorgnis. Die Söhne sind äusserst erfolgreich und erobern halb Europa.

Die Wendung zum Schlechten tritt ein, als Reymonds Bruder zu Besuch kommt und Melusines samstägliche Geheimniskrämerei verdächtig findet. Reymond lässt sich dazu hinreissen, seine Frau durch ein Guckloch beim Bade zu beobachten – er sieht die Verwandlung. Zwar bereut er seinen Treuebruch, doch letztlich kommt es zum schmerzlichen Abschied der Melusine. Sie fliegt durch ein Fenster, und alle sehen nun ihren Schlangenleib.

Pionier des Buchdrucks

Thüring von Ringoltingen war ein Pionier. Nicht nur brachte er mit seiner Geschichte Schwung in die Ritterprosa, sondern auch in den Buchdruck, den letzten technologischen Schrei des 15. Jahrhunderts. Er liess sein Werk in Basel bei Bernhard Richel setzen und drucken.

Die «Melusine» gehört somit zu den ersten Schweizer Büchern, die auf deutsch erschienen sind. Johannes Gutenberg erfand ab 1450 die Druckerpresse, 1464 wurde in Basel die erste Druckerei in Betrieb genommen. Als Erstes wurde die Bibel in Latein gedruckt, ein Jahrzehnt später dann in Thürings deutsche Prosa. Die Erfindung des Buchdrucks gilt als Beginn der Renaissance. Der Berner Thüring von Ringoltingen drehte gewissermassen mit an der Zeitenwende.

Das reich illustrierte Buch wurde bald im ganzen deutschsprachigen Raum gelesen. Der Stoff, der sowohl Mystik wie tiefen Glauben beinhaltet, fasziniert anhaltend: Die «Melusine» wird bis weit ins 18. Jahrhundert im ganzen deutschen Sprachraum gelesen. Gut möglich, dass der Erfolg bescheidener ausgefallen wäre, wenn auf dem Buch­deckel «Thüring Zigerli» gestanden hätte.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 13.01.2016, 11:21 Uhr

Theater

Sie «küssen das Berner Melusinen-Buch aus dem antiquarischen Schlaf»: Die Gruppe Mikroskop-Theater stellt die Geschichte Thüring von Ringoltingens auf die Bühne. Dies tut sie allerdings nicht in einem klassischen Theater, sondern in einer Multimediaperformance, die der Aargauer Dramaturg Lorenz Belser zusammengestellt hat. Schauspieler Hanspeter Bader spielt einen Offizier in Uniform, der das Melusinen-Buch findet, worauf die Geschichte ihren Lauf nimmt. Videokünstlerin Tine Beutel hat aus den aufwendigen Illustrationen animierte Bilder gefertigt. Und die Berner Musikerin Maru Rieben steuert per Computer die Klänge bei.
Das Stück wird erstmals in Bern gezeigt, schon letztes Jahr war es in Baden zu sehen. Kein Zufall: Thüring von Ringoltingen war von 1441 bis 1443 auch Landvogt der Grafschaft ­Baden.mfe

«Melusine»: Mi, 13.?1., Fr., 15.?1., und Sa, 16.?1., 20.30 Uhr, Tojo- Theater in der Reitschule, Bern.

Warum die Ehe zwischen Mensch und Melusine scheitern muss

Wer sich in Zeiten unverbindlicher Liebe nach romantischen Rittern sehnt, sollte mal kurz innehalten. Taucht man in die sogenannten Melusine-Stoffe ein, wird schnell klar: Auch Ritter sind alles andere als unfehlbar. Seit dem Mittelalter, als Melusine – halb Frau, halb Schlange ­– das erste Mal aus den Fluten des Meeres auftauchte, wurde sie von ihrem Geliebten betrogen. Der Ritter ist schuld, dass die Ehe zwischen Mann und Wasserfee – einem Sinnbild für das Weib und seine angebliche Naturhaftigkeit – zum Scheitern verurteilt ist. Zuerst ist der Ritter geblendet von der Anmut und Fröhlichkeit des ihm unbekannten Wesens. Es folgt eine Phase der Erziehung. Das Naturkind braucht eine Seele, sprich muss christianisiert werden. Dann geschieht der Verrat – der Ritter bricht sein Versprechen und sieht zu, wie seine ihm Ruhm und Reichtum bringende Frau sich verwandelt. Es trifft den Frevler die Rache der Natur. Basierend auf Friedrich de la Motte Fouqués «Undine» (1811) wird in der Literatur des 20.?Jahrhunderts daraus ein Theaterstück mit ironischen Untertönen. Der dümmlich gezeichnete Ritter Hans findet in Jean Giraudoux’ «Ondine» (1939) zuletzt den Tod, die Wasserfee vergisst ihn. Traditionell ist es aber die Melusine, die sich verleugnet und vernichtet, um den Ritter zu retten. Kein Wunder, fand der Stoff auch Eingang in die feministische Literatur. In «Undine geht» (1961) gab Ingeborg Bachmann der Sagengestalt in Form eines Monologes eine Stimme. Zu grossen Opfern ist auch Christian Andersens kleine Meerjungfrau bereit. Dar­auf basiert wiederum Walt Disneys «Arielle, die Meerjungfrau». Die konsequent optimistischen Amerikaner machten das Unmögliche wahr: Am Ende wird Hochzeit auf einem Schiff ge­feiert. So können Menschen und Wasserwesen gemeinsam an der Zeremonie teilnehmen. Helen Lagger

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