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Umzingelt von Mimosen

Über diejenigen Leute, die nur darauf warten, etwas absichtlich misszuverstehen.

Seit ich Theater mache, wurden Stücke von mir mit Petitionen belegt. In Brasilien sorgte der Bürgermeister von Rio de Janeiro persönlich dafür, dass drei meiner Performances nicht ­gezeigt werden konnten, in Paris unterschrieben 10'000 Anhängerinnen einer katholischen Kleinpartei eine Petition gegen meine Arbeit, in Russland darf ich seit meinen «Moskauer Prozessen» nicht mehr einreisen. Und in meiner Heimatstadt ­St. Gallen wurde vor zehn Jahren das Stück «Der St. Galler Lehrermord» gleich ein ganzes Jahr vor Probenbeginn abgesagt.

Als Begründung wurde jeweils angeführt: zu krasse Szenen würden die Gefühle der Zuschauerinnen und die Würde der Beteiligten verletzen. Nach einem Gespräch mit den Beteiligten – oder einem Probenbesuch – waren diese Projektionen zwar meistens ausgeräumt, nur war dann der Schaden bereits angerichtet. Denn im Vergleich zum offenen intellektuellen Schlagabtausch schafft diese mithilfe moralinsaurer Petitionen oder dekontextualisierter Zitate und ­Videoausschnitte befeuerte Pseudo-Betroffenheit eine Stimmung der Angst. Umzingelt von Mimosen, die nur darauf warten, etwas absichtlich misszuverstehen, endet die Meinungsfreiheit zwar nicht; aber irgendwie vergeht einem die Lust, sie wahrzunehmen. Denn alles, was man sagt oder tut, kann aus dem Kontext gerissen und gegen einen verwendet werden.

Der berühmteste Fall ist der von Pussy Riot, den ich 2013 in den «Moskauer Prozessen» wieder aufrollte. Die Frauenband war nach einem einminütigen Auftritt in der Moskauer Erlöserkathedrale nicht etwa dafür verurteilt worden, dass sie die Mutter Gottes dazu aufrief, sie vom ehemaligen KGB-Agenten Putin zu befreien. Nein, man warf ihnen völlig absurderweise das Gegenteil, nämlich die «Verletzung der Gefühle Gläubiger» vor. Dass es Pussy Riot darum gegangen war, die skandalöse Allianz zwischen orthodoxer Kirche und Putin-Diktatur anzuprangern und dass zum Zeitpunkt ihres Auftritts die Erlöserkathedrale sowieso leer gewesen war: weg mit diesen unpassenden Kontexten! Die Worte «Gefühle» und «verletzt» reichten aus, die für Putin gefährliche politische Debatte in moralischen Unsinn zu verschieben – und Pussy Riot zu verurteilen.

Das war vor zehn Jahren, und damals war das noch ein durchsichtiger KGB-Trick. Heute ist diese aggressive Hypersensibilität dabei, zum Common Sense zu werden. Kein Stück oder Film kann mehr produziert werden, ohne mindestens fünf Triggerwarnungen: Denn wer weiss schon, wer eine Szene möglicherweise auf sich selbst bezieht – oder sich gleich, was noch beliebter ist, zur Anwältin instrumentalisierter Opfergruppen aufschwingt? Da lobe ich mir Künstlerinnen wie die Radikal-Choreografin Florentina Holzinger, die vergangene Woche einem Journalisten sagte: «Das Publikum sollte nie wissen, was als ­Nächstes kommt.»

Als einzige Triggerwarnung schlage ich deshalb vor: Das ist Kunst, es wird verwirrend. Also entspannt euch! Und «ohnmächtig werden oder rausgehen», wie Holzinger vorausschauend hinzufügt, kann man ja immer.

Hinweis:

Dieser Artikel erschien zuerst am 8. März, dem Weltfrauentag. Aus diesem Anlass verwenden wir darin – wo immer möglich – statt des generischen Maskulinums das generische Femininum. Zum Beispiel: Patientinnen statt Patienten.

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Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOS – App für Android – Web-App
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