Umbruch in allen Akten

Zwischen zwei Welten, die sich nicht mehr so fremd sind: Grazia Pergoletti spielt seit dieser Saison wieder im Ensemble von Konzert Theater Bern – aber die freie Szene und ihr Club 111 lassen sie nicht los. Diese Woche ist Premiere von «Remake 68».

Freie Szene im Hippienest: Grazia Pergoletti (Mitte) im Sit-in mit Sibylle Aeberli (links) und Meret Matter.

Freie Szene im Hippienest: Grazia Pergoletti (Mitte) im Sit-in mit Sibylle Aeberli (links) und Meret Matter. Bild: PD / Yoshiko Kusano

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1968? Da war sie vier Jahre alt. 1968 war nicht Grazia Pergolettis Revolution. Später, als junge Erwachsene, lebte die Tochter eines Vaters aus Assisi und einer Mutter aus Deutschland in besetzten Häusern, damals noch in Basel. Die bewegten 80er-Jahre, das war eine andere Geschichte. «Wir waren komplett Anti-68 – fährt ab mit den Hippies», sagt die 53-jährige Schauspielerin.

Jetzt bringt sie und ihr Club 111 im Schlachthaus «Remake 68» auf die Bühne, eine Hommage zum 50-Jahr-Jubiläum von 1968.Pergolettis Karriere ist eine Geschichte von Um- und Auf­brüchen. Nach dem Vorkurs an der Basler Kunstgewerbeschule zog Pergoletti nach Bern, um in der Theaterwerkstatt 1230 eine Schauspielausbildung zu machen.

Sie war dabei, als die Reitschule erkämpft wurde, ein Ort der freien Kulturszene. Meret Matter, mit der sie den Club 111 gründete, hatte sie im Lorrainebad kennen gelernt. Das Tojo in der Reitschule war die erste Heimat der Theatergruppe.

Versöhnt mit den Hippies

Pergoletti hat sich längst mit den zuvor belächelten Hippies versöhnt. «Ich habe erst später gemerkt, wie einschneidend 68 war und was die 68er ins Rollen gebracht haben, auch für die Frauen.» Versöhnt hat sie sich auch mit dem «Establishment», gegen das sie als junge Frau protestiert hat – wobei sie einräumt: «Ich stand als Kulturschaffende eher etwas am Rand, als Kunstgewerbepunk mit Neonpullöverli.»

Die Versöhnung ging so weit, dass sie ins grosse bürgerliche Theater wechselte, ins Stadttheater Bern. 2004 bis 2007 hatte sie ihr erstes Engagement im Schauspielensemble. Unter Theaterchef Stefan Suske war was los. «Wir hatten interessante Regieteams am Haus, das wurde in Bern viel zu wenig wahrgenommen», sagt sie.

Bei der Premiere von Christoph Fricks «Der Sturm» verliessen Dutzende Abonnenten türenknallend den Saal. «Heute würden die Leute eine solche Produktion hinnehmen», sagt Pergoletti überzeugt.

Gegen die Kruste

Das Schauspiel unter Suske war auch so eine Zeit des Umbruchs, «vieles war noch viel verkrusteter». Mittlerweile habe sich nicht nur das Publikum verändert, auch das Haus – etwa in seiner Haltung gegenüber der freien Szene.

Noch gegen Ende seiner langen Intendanz (1991 bis 2007) redete Eike Gramms abschätzig über sie. «Er konnte sich zur Äusserungen hinreissen lassen, die freie Szene bestünde aus Leuten, die es nicht geschafft hätten.»

Doch akzeptierte Gramms, der vor drei Jahren verstarb, dass Pergoletti weiterhin in eigenen Projekten im Club 111 mittat. Als dann Erich Siedler Schauspielchef wurde, gab es für Pergoletti keinen Platz mehr im Ensemble.

Seit der letzten Spielzeit, als KTB-Intendant Stephan Märki interimistisch die Schauspielsparte führte, ist Pergoletti wieder am Haus zu sehen. Märki hat die 53-Jährige unter anderem deshalb zurückgeholt, weil er das Ensemble altersmässig besser durchmischen wollte.

Die Theaterensembles sind vielerorts zu jung, das hat auch mit den finanziellen Möglichkeiten der Häuser zu tun: Gestandene Schauspieler sind teurer als junge Kräfte frisch ab der Schauspielschule. Heute ist das Berner Ensemble vorbildlich durchmischt. Von dieser Änderung hat Pergoletti profitiert. «Mit zunehmendem Alter muss man sich mit anderen Seiten des Lebens auseinandersetzen. Gewisse Dinge kann man als junge Schauspielerin schwer erspielen», sagt sie.

Im Stadttheater: Pergoletti als Bösigerin in «Verdingbub». Bild: PD / Christian Kleiner

Zwei Rollen hatte Pergoletti bisher in dieser Saison, beide Male war sie stark: In «Der Verdingbub» (Regie: Sabine Boss) spielte sie Mutter «Bösiger». Und in der viel gelobten Musiktheaterproduktion «Alzheim» wirkte sie als Mariann mit.

Nach ihrer Club-111-Produktion «Remake 68» schliesst sich für Pergoletti ein weiterer Kreis. In der letzten Theaterproduktion der Saison bei Konzert Theater Bern wird sie im Frühling in «Coco» über die Berner Transsexuelle mitspielen. Pergoletti hat Coco persönlich gekannt. Sie spielte gar in einer Produktion des Clubs 111 mit, in «Spaceboard Galuga» (1991). Die fünfteilige Theater­serie war aufsehenerregend, weil formal neu – mit Coco als Engel.

«Nicht ganz ohne»

1991 war es auch, als das Schweizer Fernsehen «Traum Frau Coco» des Dokumentarfilmers Paul Riniker zeigte – 660'000 Zuschauer sahen den Film, der Eve-Claudine Lorétan, so hiess Coco nach der Geschlechtsanpassung, landesweit bekannt machte. Vor zwanzig Jahren nahm sich Coco das Leben.

Dass Coco nun von Konzert Theater Bern ins Bewusstsein der Stadt zurückgeholt wird, findet Pergoletti «spannend und nicht ganz ohne: So lange ist das auch noch nicht her, und es gibt viele Leute, die eine enge Geschichte haben mit ihr.» Die Aussenseiter und Aufständischen von früher stürmen die damalige Hochburg der konservativen bürgerlichen Kultur? Das war einst undenkbar. Heute sind sich die Welten näher als je zuvor.

«Remake 68»:ab Freitag im Schlachthaus-Theater, Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.01.2018, 16:29 Uhr

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