Überdrehtes Liebesspiel

Bern

Konzert Theater Bern eröffnet die Opernsaison mit einem sicheren Wert: Mozart. «Cosi fan tutte» ist unterhaltsam, überdreht und witzig inszeniert.

<b>Sie spielt sie alle an die Wand:</b> Oriane Pons als Fiordiligi in Mozarts «Cosi fan tutte». Sie spielt sie alle an die Wand: Oriane Pons als Fiordiligi in Mozarts «Cosi fan tutte».

Sie spielt sie alle an die Wand: Oriane Pons als Fiordiligi in Mozarts «Cosi fan tutte». Sie spielt sie alle an die Wand: Oriane Pons als Fiordiligi in Mozarts «Cosi fan tutte».

Marina Bolzli@Zimlisberg

Es ist wohl noch nicht oft vorgekommen, dass Konzert Theater Bern einen Statisten im Fitnesscenter suchte. Doch diesmal gab es nur ein Kriterium: Der Mann musste muskulös sein. Seit Sonntagabend ist auch klar, warum. Amor sass auf der Bühne des Stadttheaters. Amor hatte nichts anderes zu tun, als Muskeln spielen zu lassen und Pfeile zu schiessen.

Liebespfeile trafen an diesem Abend wahrlich viele Herzen. Mozarts Oper «Cosi fan tutte» feierte Premiere. Es war ein vergnügliches und unterhaltsames Liebeswirrspiel. Es ist die erste von drei Inszenierungen der Oper. Auch in Zürich und Lausanne steht «Cosi fan tutte» zeitgleich auf dem Programm.

In Bern hat Regisseur Maximilian von Mayenburg die Oper von 1790 in die heutige Zeit verlegt. Gar nicht so abwegig, schliesslich ist es dank dem Internet so leicht wie noch nie, Partner zum Fremdgehen oder Lieben zu suchen. Bei der aktuellen Qual der Wahl fällt es schwer, sich festzulegen.

Wartet nicht vielleicht irgendwo noch jemand Besseres? Könnte man nicht etwas verpassen? Zu Mozarts Zeiten waren die Liebesdinge nicht weniger kompliziert. Man fragte sich, ob die Auserwählte auch die Richtige sei – und ob sie treu sein würde. Denn junge Männer waren übermütig – und junge Frauen liessen sich auf Spielereien ein.

So machen es alle Frauen

Guglielmo (Michal Marhold) und Ferrando (Nazariy Sadivskyy) sind davon überzeugt, dass ihre Freundinnen tugendhaft und treu sind. In jugendlichem Übermut lassen sie sich auf eine Wette mit dem zynischen Don Alfonso (Todd Boyce) ein: Der behauptet, jede Frau sei untreu. «So machen es alle Frauen», sagt er – eben: «Cosi fan tutte».

Für 24 Stunden überlassen sich die beiden Freunde dem Geschick von Don Alfonso. Der bringt die Schwestern Fiodiligi (Oriane Pons) und Dorabella (Eleonora Vacchi) mithilfe des opportunistischen Zimmermädchens Despina (Orsolya Nyakas) und etwas Zauberei dazu, sich in dieser Zeit in zwei Fremde, die eigentlich ihre verkleideten Freunde sind, zu verlieben.

Am Schluss wird der Schwindel von Don Alfonso aufgedeckt, die Liebenden sind desillusioniert und die anschliessende Hochzeit bekommt eine bittere Note.

Im Berner Stadttheater wird Don Alfonso zum Barkeeper, der galant hinter dem Tresen steht, während die vier Liebenden sich betrunken aneinander festhalten. Sogar Amor hat den Kopf auf den Tresen gelegt.

In diesem alkoholgetränkten Ambiente lassen sich die zwei Männer auf die Wette mit Don Alfonso ein, die beiden Frauen bekommen das nicht mit, weil sie dösen oder – man muss es so nennen – kotzen. Schon wird Amor aus dem Raum gebeten, denn die Männer fahren weg, sie müssen in den Krieg, wie Don Alfonso den Frauen erklärt.

Noch stehen sie auf dem Tresen, der sich langsam entfernt, von der Bühne gefahren wird. Ein Bild, das bleibt. Überhaupt trägt die Bühne (Christoph Schubiger) viel zum Gelingen des Abends bei.

Mal ist es ein Spiegelkabinett, in dem die Frauen sitzen und von Zimmermädchen Despina mit Nutella gefüttert werden, mal ist es ein Zauberwald aus glänzenden Luftballonen, die vom Zyniker Don Alfonso alle zerstochen werden. Und schliesslich ist es wieder die Bar, die alles auflöst und sogar das zweimalige Kotzen vertretbar macht.

Tinder lässt grüssen

Und dann ist da vor allem die grossartige Oriane Pons. Sie hätte eigentlich die Rolle der Despina gespielt, aber weil Elissa Huber als Fiordiligi krankheitshalber ausfiel, sprang sie kurzfristig ein. Und wie sie einspringt! Sie wuchtet mit ihrer Stimme, mit ihrer Präsenz, gesanglich und im Schauspiel, alle anderen an die Wand.

Sie leidet, sie zaudert, sie liebt. Und trifft damit mitten in die Herzen des Publikums. Der Rest des Ensembles legt eine solide Leistung hin. Orsolya Nyakas, die als Despina einsprang, zeigt einen guten Einstand im Ensemble von Konzert Theater Bern. Die vielen slapstickartigen Einlagen meistert sie bravourös.

Es ist eine lust- und humorvolle Inszenierung, eine Spur überdreht. Da treten auch mal alle Männer des Chors als Doubles von Guglielmo und Ferrando auf, und die Frauen wischen wild nach links und rechts. Tinder lässt grüssen!

Solche Anlehnungen passen zum jungen Regisseur und zum Thema. Schliesslich ist es jugendlicher Übermut, der die Liebenden überhaupt in diese missliche Situation führt. Und da hat auch Amor, muskelbepackt oder nicht, nicht mehr viel auszurichten.

Nächste Vorstellung: So, 21.10.,18 Uhr, Stadttheater, Bern.

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