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«Theater ist die beste Medizin gegen Abstumpfung»

Isabelle Menke und Elisa Plüss treten im neuen Jelinek-Stück «Am Königsweg» auf. Sie sagen, es sei hochaktuell.

Jede Wahrheit wird infrage gestellt: Die Schauspielerinnen Isabelle Menke (links) und Elisa Plüss. Foto: Doris Fanconi
Jede Wahrheit wird infrage gestellt: Die Schauspielerinnen Isabelle Menke (links) und Elisa Plüss. Foto: Doris Fanconi

Vier Männer und vier Frauen waren es an der Hamburger Uraufführung von «Am Königsweg» im Herbst. In Zürich hingegen ist das furiose Stimmengewirr von Elfriede Jelinek mit acht Frauen besetzt. Die älteste und die jüngste dieser Formation haben uns, warm eingepackt in flauschige Pullis, nach einer «Königsweg»-Probe von ihrem Tasten im zugigen Textgelände erzählt: Die 1963 in Bremen geborene, in Salzburg ausgebildete überzeugte Wahl-Zürcherin Isabelle Menke und die 1989 in Zürich geborene Elisa Plüss, die einst in einem Theaterspielclub der Marthaler-Intendanz vom Spielvirus infiziert wurde.

Haben Sie im Theaterbetrieb #MeToo-Erfahrungen gemacht?

Elisa Plüss: Typischerweise eher im Alltag, wo der latente Sexismus immer noch Courant normal ist. Aber beim Vorsprechen an einer Schauspielschule fiel tatsächlich ein ganz mieser Spruch des Prüfers, nach dem Motto, ich solle mich mal richtig sexy anziehen, dann klappe das mit der Aufnahme besser . . . Da haben sich dann die anderen Studentinnen mit mir solidarisiert.Isabelle Menke: Bei meiner Schauspielausbildung Mitte der Achtziger beging ein Lehrer oft krasse Grenzüberschreitungen. Gleichzeitig war er jedoch ein sehr guter Lehrer, weshalb man in eine Stockholm-Syndrom-artige Abhängigkeit geraten konnte. Ich war froh, dass ich schon 23 war und mich besser abgrenzen konnte als die Jüngeren. Aber wirklich nervig waren meine Erlebnisse zuvor, als aspirierende Regisseurin Anfang der Achtziger. Im Opernregiestudium nannten mich die Kommilitonen regelmässig «die Kleene». Und ich hatte damals das Gefühl, ich werde als angehende Regisseurin vor allem deswegen gefördert, weil ich jung, weiblich und irgendwie begabt bin. Aber ich wollte sowieso auf die Bühne wechseln. Da sind die Verhältnisse wenigstens von Anfang an klar.

Sind sie das?

Menke: Am Ende des Tages trägt der Regisseur die Verantwortung. Er hat die Weisungsbefugnis und -pflicht. Diese Ausgangslage machte mich freier. Andererseits: Natürlich wird man in jedem Probenprozess verletzt. Man muss sich einlassen, ausstellen, Vorschläge machen, die dann vielleicht gar nicht gewünscht sind. Und jeder Regisseur, jede Regisseurin kommuniziert auf andere Art. Als Schauspielerin muss ich erst mal zur Übersetzerin werden: die Ungeduld wegübersetzen, das vermeintlich Diktatorische als konstruktives Coach-Verhalten herübersetzen. Und manche schweigen nur – was auch inspirierend sein kann. Man versucht wechselseitig, die produktivste Umgangsform herauszufinden. Regisseurin Karin Henkel etwa bringt ihre Ensembles zum Blühen. Ihr gelingts, jenen vielleicht letzten Ort für direkte Wahrheit zu schaffen.

Was für eine Wahrheit meinen Sie?

Menke: Die des Theaters: Wenn das, was im Moment auf den Brettern stattfindet, lebt. Wenn es pulsiert. So, dass es den Solarplexus trifft und verzaubert, selbst wenn die Geschichte blutig und tragisch ist. Man öffnet eine Tür und tritt in eine andere Welt.Plüss: In die Realität einer guten Theateraufführung muss man eintauchen können: Sie muss einen berühren. Es ist ein Raum der Begegnung, auch mit der Sprache. Plötzlich wird ihr liebloser Alltagsgebrauch durchbrochen, wir erleben ein fantasievolles Wörterwachstum. Wie oft auch bei Marthaler. Mehr kann man nicht verlangen.Menke: Theater ist die beste Medizin gegen Abstumpfung: dieses Erschrecken, wenn ich dich in deine Puppenmaske schlüpfen sehe!

Im Stück «Am Königsweg» wird Donald Trump beim orangenen Schopf gepackt, aber sein Name fällt nie. Prominente Frauen wie Hillary Clinton, Melania Trump und die Autorin Jelinek selbst haben auch namenlose Auftritte. Wieso?

Menke: Elfriede Jelinek ist am Puls der Zeit und greift zugleich darüber hinaus. Und auch zurück in die Antike. Wir projizieren heute ja alles in den König hinein: Er ist der Schuldner, der Schuldige. Wir debattieren über jeden seiner Tweets. Bei Jelinek wird er daher auch als «Opferlamm» gehandelt: Er ist ein Instrument, funktioniert als Aufmerksamkeits- und Ablenkungsmaschinerie. Viele haben ihn gewählt, und wir spielen alle im System mit, machen es uns leicht. Und «Am Königsweg» zeigt uns, wie wir uns quasi als geblendete Voyeure am Strassenrand postieren statt uns einzumischen.Plüss: Im Schatten der Trump-Hysterie passiert viel. Kaum einer guckt hin: Kriege. Flüchtlingsdesaster. Sklavenmärkte in Libyen. Es ist so simpel, in den Trump-Empörungschor einzustimmen.Menke: Das Stück spricht vom König als «versöhnendem Opfer» und von unserer «besinnungslosen Ohnmacht». Nichts ist eindeutig, die Seherinnen sind so blind wie die Könige. Keiner weiss in Zeiten von Fake-News und ständig revidierten News, wer über die Wahrheit verfügt. Ob es sie überhaupt gibt. Aber genau dieses Zweifeln gehört hier zur weiblichen Identität: Statt schnelle Lösungen und strikte Zuordnungen zu bieten, lassen die Stimmen die Welt verrutschen. Jede Wahrheit wird infrage gestellt. Und die männlichen Stimmen scheinen die Öffentlichkeit zwar zu beherrschen, aber am Ende sind sie genauso schwach.

Sind die Frauen denn schwach?

Plüss: Was mich bei «Am Königsweg» so fesselt, ist diese unverbrämte Hilflosigkeit vor der Aufgabe, die Dinge darzustellen: diese Distanz zur Wirklichkeit der Dinge. Dieses «Keine Ahnung». Es bezieht sich nicht nur auf die Frauen. Aber klar ist schon: Die unterworfene, blinde Seherin als Symbol der Ohnmacht ist – eine Frau.Menke: Das wütende Ohnmachts- gefühl spürte ich in der Wahlnacht im November 2016: als die Amerikaner lieber eine Art Monstrum wählten als eine – zugegeben problematische – Frau. So was sitzt tief.

Sie sagten, es werden in der Zürcher Inszenierung Puppen auftreten?

Menke: Die verschiedenen Stimmen, die unterschiedlichen Lesarten von Motiven und Sätzen kriegen bei uns buchstäblich eigene Gesichter.Plüss: Wir sind mit dem Material auch jetzt noch ziemlich unterwegs. Ich höre da jeden Tag neue Sätze: Beim Spielen verwandelt sich der Text – und wir uns mit ihm. Spielen bedeutet auch, Sprache in Körper und Bewegung aufzunehmen und zu übersetzen. Man könnte Hunderte Abende aus dem Textdickicht hauen. Das Regieteam brachte eine vorgefilterte Version mit, mit der wir weiterarbeiteten. Da gibts die Autorinnen- und die Königsstimme, Mahnerinnenstimmen und ihre Konterparts. Wir experimentieren täglich damit.Menke: Genau hinhören ist der Punkt bei den Jelinek-Texten. Gelesen wirken sie oft erschlagend, abstrakt, verwirrend. Aber beim Zuhören werden sie leicht und durchsichtig. Ihre vielen Schichten werden freigelegt, die Bedeutungsebenen und Tonlagen. Der knallharte Humor. Ich spiele seit einigen Jahren Jelineks «Rechnitz» – und die Sätze werden immer toller! Und «Königsweg»-Regisseur Stefan Pucher ist einer, der mit grosser Lust zuhört. Er überzieht den Text nicht mit vorgefassten Interpretationen, sondern lässt ihn atmen.

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