Theater auf der Sprachgrenze

Das Bieler Théâtre de la Grenouille spielt erfolgreich zwischen Genfer- und Bodensee – und meistert die Tücken der Mehrsprachigkeit kreativ. Heute hat «Counting Out» Berner Premiere.

Teenies im Krieg: Caroline Imhof (links) und Danae Dario vom Théâtre de la Grenouille.

Teenies im Krieg: Caroline Imhof (links) und Danae Dario vom Théâtre de la Grenouille.

(Bild: zvg)

Michael Feller@mikefelloni

Besuch im Bieler Champagne-Quartier. In der Nähe des alten Stadions Gurzelen wird in der Kulturfabrik gearbeitet. Im Parterre der ehemaligen Uhren­manufaktur probt die Rock­band Puts Marie. «Vous pouvez ­commencer comme toujours», ruft eine Etage höher Regisseu­rin Charlotte Huldi. «Mercre­di, Jeudi, Vendredi, Mittwoch, Donnschtig, Fritig – drü Täg us üsem Läbe», beginnt eine der ­beiden jungen Hauptdarstellerinnen. Es ist Durchlaufprobe des mehrsprachigen Stücks «Counting Out». Französisch und Deutsch wechseln sich ab, bald wird auch griechisch gesprochen. Irgendwie versteht man alles.

Biel ist stolz auf seine Zweisprachigkeit, und doch geht man oft getrennte Wege. Die Deutschschweizer gehen ins Stadttheater, für die Frankophonen gibt es die Spectacles français. Das Théâtre de la Grenouille macht Theater für ein junges Publikum, aber eigentlich Schauspiel für alle. Seit über 30 Jahren spielt es mit der Sprachgrenze, erfolgreich und immer wieder herzerwärmend. Die Gruppe tourt vom Lac Léman bis an den Bodensee.

«Stücke, die ich wichtig finde»

Die Regisseurin und künstlerische Leiterin Charlotte Huldi (57) hat das Théâtre de la Grenouille vor über 30 Jahren mitgegründet – und die Schauspielproduktion lässt sie nicht mehr los. «Ich kann Stücke machen, die ich wichtig finde», sagt sie im Direktorenbüro der ehemaligen Fabrik, in der bis zur Krise der 80er-Jahre Komponenten hergestellt wurden. «Counting Out» nach einem Roman der georgischen Autorin Tamta Melaschwili spielt im Krieg. Doch es fällt kein Schuss. Es geht um den ganz ­normalen Teenageralltag mitten in der Krise. Zwei 14-jährige Mädchen, Ninzo und Zknapi, wollen flirten, tanzen und Zigaretten rauchen. Ein Stoff, der sich für ein vielsprachiges Stück anbietet: «Man muss sich die Handlung ab und an ein wenig zusammenreimen. Das ist in einer Welt der Migration Alltag», sagt Charlotte Huldi. Es ist auch Bieler Alltag. «Sprache funktioniert als verbindendes und trennendes Element.»

Huldi hat mehr Ideen als Möglichkeiten. Als «Institution von regionaler Bedeutung» erhält ihr Theater von der Stadt Biel und den Regionalgemeinden pro Jahr 185 000 Franken, das reicht für eine neue Produktion pro Spielzeit. Auf Tournee sind aber stets auch ältere Stücke. Huldi ist froh, dank den Subventionen mittlerweile «anständige Löhne» bezahlen zu können.

Zweimal so viel Text lernen

Früher gab es auch in der Stadt Bern ein bilingues Theater, das 1981 gegründete Théâtre pour le moment, doch die Gruppe hat sich längst aufgelöst. Heute ist die Grenouille das einzige bilingue Theater der Schweiz.

Die Mehrsprachigkeit hat ihre Tücken. Nicht alle Stücke sind mehrsprachig. Das bezaubernde «Pêro oder die Geheimnisse der Nacht» etwa, im vergangenen November in Bern zu sehen, wird je nach Spielort auf Französisch oder auf Deutsch aufgeführt. Die Darsteller bleiben dieselben, sie müssen den Text zweimal lernen. Dafür kommen nicht allzu viele Schauspieler infrage. Für die aktuelle Produktion suchte Charlotte Huldi intensiv – und fand mit der Waadtländerin Danae Dario und der Französin Caroline Imhof von der Schauspielschule Manufacture in Lausanne zwei junge Frauen, die die Teenager glaubwürdig darstellen können.

Aber nicht nur die Suche nach dem Personal macht dem Theater Kopfzerbrechen. Die Theaterkulturen von französischer und deutscher Schweiz unterscheiden sich spürbar. Die Deutschschweiz ist geprägt durch die Stadttheater mit festen Ensembles. «In der Romandie ist man entweder Produzent oder Veranstalter, aber selten beides», sagt Huldi. Die Theatergruppen der Romandie finden grosse Bühnen vor, während die freie Szene jenseits des Rösti­grabens in kleinen Räumen spielt. Das ist eine Herausforderung für die Bühnenbildner, die ebenfalls an der Gurzelenstrasse produzieren – Bilder, die sowohl auf frankophone wie auf schweizerdeutsche Bühnen passen müssen.

«Counting Out»:Ab heute bis So, Tojo-Theater, Bern. www.tojo.ch,www.theatredelagrenouille.ch.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt