Sie fühlen sich wie Clowns behandelt

Das Stück «Freigänger», das in den Vidmarhallen gezeigt wird, ist starker Tobak. Die Autorin und Regisseurin Anna Papst hat Gefängnisinsassen interviewt und daraus ein herausforderndes Stück gemacht.

Verwahrt: Schauspielerin Jeanne Devos verkörpert in «Freigänger» einen Mann, der zwei Menschen erschossen hat. F

Verwahrt: Schauspielerin Jeanne Devos verkörpert in «Freigänger» einen Mann, der zwei Menschen erschossen hat. F

(Bild: Christian Kleine)

Helen Lagger@FuxHelen

«Es wird alles gut. Den Spruch hörst du immer hier drin», sagt Adrian Berger, ein Gefängnisinsasse. «Was? Was kommt gut?», schiebt er desillusioniert nach. Es ist ein authentischer Monolog, den Schauspielerin Grazia Pergoletti spricht.

«Freigänger» stammt aus der Feder der 1984 im Kanton Zürich geborenen Autorin und Regisseurin Anna Papst. Sie war in der Spielzeit 2017/18 Hausautorin am Konzert Theater Bern. In ihrem Stück stellen drei Schauspielerinnen insgesamt neun reale Personen dar, die Papst alle getroffen hat. Das erfährt das Publikum anhand eines Videos, das auf der kargen Bühne wie ein Fenster zur Aussenwelt wirkt. Ein Paradox, denn in diesem Fenster flimmern Aufnahmen vom Gefängnis. Es ist die offene Vollzugsanstalt Witzwil, die hier kurz mit Zahlen und Fakten vorgestellt wird.

Schonungslos ehrlich

Viele der Insassen dürfen bald raus. Grazia Pergoletti schwadroniert als Adrian Berger über alles, was er draussen tun wird. Dabei richtet sich der Insasse direkt ans Publikum. Er wirkt zeitweise einsichtig und zeitweise, als würde er um Verständnis buhlen. Er klagt auch über die Sensationslust der Medien. «Eine Art Clowns», seien die Gefangenen. Klar schwingt da eine dringende Frage mit: Wie voyeuristisch ist das Stück von Anna Papst? Eigentlich kaum. Wer verstörende Knastszenen erwartet, dürfte enttäuscht werden.

Vielmehr wird das Publikum herausgefordert von den erzählten Geschichten. Kann ich das verstehen, oder stösst es mich nur ab? Die schonungslose Ehrlichkeit, mit der der Mittdreissiger Joël Weber (Florentine Krafft) erzählt, warum er es liebt, Kokain zu konsumieren, fährt ein. Kein langweiliges Leben will der junge Vater. Kein Rädchen im System sein. Ein Wunsch, der für die meisten nachvollziehbar sein dürfte.

Das Leid der Angehörigen

Verschlagen und frech grinsend blickt Krafft als Drogenhändler mit Knasterfahrung ins Publikum. Man kann diesen Mann durch die Schauspielerin hindurch regelrecht vor sich sehen. Der anfangs gewöhnungsbedürftige Kniff, die ausschliesslich männlichen Kriminellen von drei Frauen spielen zu lassen, funktioniert. Beinahe gespenstisch wirkt es, wenn Jeanne Devos den lebenslänglich verwahrten Felix Lehmann spielt.

Diesen hat Papst in Lenzburg interviewt, denn selbstverständlich ist Lehmann nicht im offenen Vollzug. Er hat zwei Menschen erschossen. Die eindrücklichste Szene folgt am Schluss. Es ist kein Täter, der zu uns spricht, sondern Florentine Krafft in der Rolle einer Pflegefachfrau, deren Bruder die Grosseltern getötet hat. Wie das ihr Leben umgekrempelt hat, illustriert sie mit dem Zerschlagen eines Glases.

Mit Elmar Habermeyer (Grazia Pergoletti) und Sybille Zschokke (Florentine Krafft) kommen auch Fachleute zu Wort. Der Psychiater und die Mitarbeiterin im Justizvollzug liefern ein Plädoyer für die Resozialisierung und erklären schlüssig, warum man sich in der Schweiz keine Zustände wie in den Vereinigten Staaten wünschen sollte. «Da müssen wir selbstbewusst sein», sagt Habermeyer, der zugibt, dass es immer ein Risiko ist, jemanden in die Freiheit zu entlassen.

Zwei der Porträtierten sind am Ende wieder auf freiem Fuss, wie man im Abspann erfährt. Weber ist nicht drogenfrei, zahlt aber mittlerweile für seine Bahntickets. Der Zweite ist untergetaucht. Das Publikum lacht. Kein Mörder ist entwischt, nur einer Kleinkrimineller, dem das Leben etwas entglitten ist.

Nächste Vorstellung: Di, 29.1., 19.30 Uhr, Vidmar 2, www.konzerttheaterbern.ch

Berner Zeitung

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