Schauspielstudenten suchen mit Musil nach dem Sinn

Konzert Theater Bern bringt Robert Musils 2000-Seiten-Wälzer «Der Mann ohne Eigenschaften» auf die Bühne. Mittendrin sind drei Schauspielstudenten.

Blick in die eigene Schauspielzukunft: Die beiden Theaterstudenten Sebastian Schulze und David Brückner (v. l.) spielen auf der grossen Bühne von Konzert Theater Bern.

Blick in die eigene Schauspielzukunft: Die beiden Theaterstudenten Sebastian Schulze und David Brückner (v. l.) spielen auf der grossen Bühne von Konzert Theater Bern.

(Bild: Susanne Keller)

Michael Feller@mikefelloni

Da fällt es in sich zusammen, das schöne Bühnenbild. Ein auf Dutzenden Würfeln angebrachtes Pop-Art-Bild kriegt die Aggression zweier Halbwüchsiger zu spüren. Siegmund und Hans Sepp proben den Aufstand.

Sie schlagen auf das wackelige Gefüge ein, alles fällt, und die Trümmerlandschaft wird zum Boden für allerlei kluge Gedanken – die Gedanken von Robert Musil, dem österreichischen Autor. Im Schlüsselwerk «Der Mann ohne Eigenschaften» machte dieser sich auf die Suche nach einer sinnvollen beruflichen und privaten Existenz. Das 2000 Seiten dicke Werk, entstanden unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, zählt zu den bedeutendsten Romanen des 20. Jahrhunderts.

«Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann», ist so ein Satz des Suchenden. Musil hat ihn dem wütenden Jüngling Siegmund in den Mund legt, dieser wird von David Brückner (26) gespielt.

Neben Brückner kauert Sebastian Schulze (27) als Hans Sepp. Beide sind Theaterstudenten an der Hochschule der Künste Bern. Sie absolvieren ein Praxissemester bei Konzert Theater Bern, im «HKB-Studio», wie das neue Austauschprogramm heisst. In den Vidmarhallen wird der Ernstfall geprobt.

Elite-Junioren des Theaters

Wir sind an der ersten Durchlaufprobe ein paar Tage vor der Premiere. Im Vergleich zum beschaulichen Einstudieren von einzelnen Szenen im Schulbetrieb ist das eine andere Nummer.

Das erste Stück der Saison am Konzert Theater Bern ist auf­wendig. Es gibt Livevideopro­jektionen, neben der Souffleuse streifen auch ein Kameramann und sein Tonassistent über die Bühne. Auf der Publikumsseite steht ganz vorne das Regiepult mit Regisseur Sebastian Klink und Regieassistentin Sophia Aurich.

«Weil wir durch die Kooperation mehr Personal haben, können wir in der ersten Hälfte der Spielzeit grössere Produktionen  realisieren.»Cihan Inan, Schauspielchef KTB

Dahinter sitzen die Licht-, Ton- und Videotechniker an ihren Bildschirmen. Wenn sie zwischendurch einen Einsatz verpassen, schickt der Regisseur einen grimmigen Blick nach hinten. Sebastian Klink inszeniert zum ersten Mal in Bern.

Er hat viele Jahre als künstlerischer Assistent von Frank Castorf gearbeitet, gelernt hat er also immerhin bei einem der grössten Namen des zeitgenössischen Theaters. Für Sebastian Schulze und seine Kollegen von der HKB-Theaterklasse muss sich das anfühlen, als würden sie als Elite-Junioren im Champions-League-Spiel eingewechselt.

Auch Cihan Inan, der Schauspielchef von Konzert Theater Bern, ist an der Probe. Seine Sorge gilt noch ein wenig der Länge des Stückes. «Die Vorgabe lautet: Länger als drei Stunden soll es nicht werden», sagt der 49-Jährige. Zuversichtlich ist er, was die Einsätze der Zuzüger von der HKB betrifft. Sie machen ihre ­Sache gut.

Die Idee des «HKB-Studios» war schon länger da, die Initiative kam von Theaterstudienleiter Wolfram Heberle. Als Cihan Inan letztes Jahr in Bern die Schauspielsparte übernahm, packte er das Projekt an.

Ab dieser Spielzeit ist der dritte Jahrgang des Ba­chelorstudiengangs im Theater St. Gallen, im Theater Basel und von Konzert Theater Bern en­gagiert. In Bern erhalten vier Studierende je einen Praktikums­vertrag, «sie werden anständig entlöhnt», sagt Cihan Inan. «Für uns ist das ‹HKB-Studio› eine grosse Investition.»

Nicht nur finanziell: Er sorgt zusammen mit erfahrenen Schauspielern aus dem Ensemble für die Betreuung der Studierenden. Über ihre Bühneneinsätze hinaus studieren die HKB-Studierenden im Theater Szenen ein.

Ein Einsatz, der sich lohnen soll: «Weil wir durch die Kooperation mehr Personal haben, können wir in der ersten Hälfte der Spielzeit grössere Produktionen realisieren.» Bisher kriegten immer wieder vereinzelt Theaterstudierende eine Rolle im Theater. Jetzt gehört das Praktikum für alle zum Lehrplan.

«Hier musst du liefern»

Für Sebastian Schulze, den Elite-Junior, ist nach der 15-minütigen Szene erst einmal Pause. Der Anfang ist geglückt. In der zweiten Hälfte des Stücks wird er in eine weitere Rolle schlüpfen, in die des Assistenzarztes Doktor Frieden­thal. «Der Unterschied zur Schule ist: Hier musst du einfach liefern», sagt er.

Wer den Text nicht kann, verzögert die Probe, «man hat hier nicht Zeit, alles zehnmal zu wiederholen.» Er geniesst die intensive Probenphase vor der Premiere. «Hier kommt man richtig zum Spielen.»

Unter den erfahrenen Schauspielern fühlt sich Schulze gut aufgehoben. «Man ist schnell auf Augenhöhe mit allen.» Sebastian Schulze hat den Bonus, dass es für ihn nicht der erste Einsatz ist. Im vergangenen Dezember spielte er bereits im Weihnachtsmärchen «Krabat» mit.

Zwei Ereignisse haben dazu geführt, dass er zum Theater ge­funden hat. Als Teenager merkte Schulze, der in einem Dorf in Baden-Württemberg aufgewachsen ist, dass es nicht zur Profikarriere im Fussball reichen würde.

Er gab auf. Nach dem Studium der Sozialpädagogik arbeitete er als Theaterpädagoge und war für eine Regiehospitanz am Residenztheater. Eine Jugendproduktion stand an. Ein Darsteller brach sich wenige Tage vor der Premiere den Fuss. Sebastian Schulze sprang ein – und übernahm die Rolle für alle Aufführungen während zweier Saisons.

Vielleicht ist ja das Praktikum am Stadttheater ein weiteres Ereignis auf dem Weg zur Theaterkarriere. Wenn die Theaterstudierenden nicht von einem Element des Bühnenbilds getroffen werden, das sie in «der Mann ohne Eigenschaften» so wunderbar zum Einsturz bringen, ist die Chance gross, dass sie künftig ­zumindest wissen, mit wem sie es zu tun haben – wenn es nach dem Studium darum geht, einen der begehrten Plätze in einem Stadttheaterensemble zu ergattern.

«Der Mann ohne Eigenschaften»: Premiere am Freitag, 21. 9., 19.30 Uhr, Vidmar 1, Liebefeld.

Berner Zeitung

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