Sanfte Bekehrung

Ein Schauspiel über Jesuiten in Südamerika? Tönt dröge. Aber Fritz Hochwälders «Das heilige Experiment» ist ein packender Thriller. Das Theater Biel Solothurn hat es ausgegraben – Gott sei Dank!

Dramatisch: Jesuit Fernandez (Günter Baumann, rechts) verhandelt mit den Spaniern.

Dramatisch: Jesuit Fernandez (Günter Baumann, rechts) verhandelt mit den Spaniern. Bild: zvg / Konstantin Nazlamov

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Die Jahrhunderte des Kolonia­lismus sind Jahrhunderte des Verbrechens. Auch die indigene Bevölkerung Südamerikas war nach der «Entdeckung» ihres Kontinents schlecht dran. Dass sich die portugiesischen und die spanischen Besatzer der Bo­denschätze bedienten, war das kleinste Übel: Ganze Völker gerieten in die Fänge von Sklavenhändlern und Plantagenbesitzern, wurden ausgebeutet und lebten in Gefangenschaft.

Doch mitten in der Unmenschlichkeit gab es so etwas wie einen friedlichen Gegenentwurf: den Jesuitenstaat in Paraguay. Die Jesuiten waren im 16. Jahrhundert mit dem Ziel nach Südamerika aufgebrochen, möglichst viele Heiden zu bekehren – und schafften dies, indem sie einen gerechten, aber straff geführten Staat im Staat aufbauten. Die indigene Bevölkerung arbeitete in sogenannten «Reduktionen» für das Gemeindewohl, war zwar besitzlos, erhielt aber Kleidung, Nahrung, Bildung und Häuser.

Ein riesiger Erfolg. Stämme schlossen sich freiwillig an, weil sie Schutz vor den brutalen Sklavenhändlern suchten. Doch dann scheiterte das «heilige Experiment», wie es spöttisch genannt wurde, am eigenen Erfolg. Vor genau 250 Jahren wurde es auf Befehl der spanischen Krone aufgelöst, weil es zu mächtig wurde. Um den Tag der Entscheidung, der dazu führte, handelt Fritz Hochwälders Stück.

Loyalität gegen Moral

Über weite Strecken sieht das Publikum Männern in grauen Kutten oder weissen Perücken zu, die auf grauen Stühlen sitzen und miteinander reden. Wer Theater so inszeniert, hat Mut – oder grenzenloses Vertrauen in die Vorlage. Oder beides. Regisseurin Katharina Rupp und ihre Ausstatterinnen tun gut daran, denn die auf den ersten Blick trockene Geschichte entpuppt sich als potenter Politthriller.

Die Jesuitenführer, der Gesandte des Königs, Grossgrundbesitzer und Teehändler treten auf. Da wird verhört und verhandelt, spekuliert und taktiert und Loyalität mit Moral aufgewogen – mit tödlichen Folgen. Mehr passiert nicht, aber mehr braucht es nicht. Max Frisch hatte Hochwälders Stück nach der Lektüre als ­«meisterlich» befunden. Beim Solothurner Saisonauftakt haben dem die Premierenbesucher nichts dagegenzuhalten.

Theatererfolg im Exil

Gebannt, elektrisiert und mitleidend verfolgen sie das Geschehen – und sind nach zwei spannenden Stunden begeistert. Vom unüblich grossen Schauspieleraufgebot werden Günter Baumann als Anführer des Jesuitenstaats und Michael Lucke als Königsgesandter Don Pedro am euphorischsten beklatscht.

Fast so spannend wie das Stück selbst ist seine Entstehung: Fritz Hochwälder, österreichischer Jude mit Jahrgang 1911, emigrierte nach dem «Anschluss» Österreichs an Hitler-Deutschland in die Schweiz. Er liess sich in Zürich nieder. Der Stadt blieb er bis zu seinem Tod 1986 treu – obwohl das dortige Schauspielhaus nicht an seinen Texten interessiert war. Dafür wurde «Das heilige Experiment» am damaligen «Städtebund-Theater» in Biel und Solothurn uraufgeführt. Mit Erfolg, der später in Wien und ­Paris wiederholt wurde. Und letzten Samstag, 74 Jahre später, wieder in Solothurn.

«Das heilige Experiment»:Bieler Premiere: 21. 9., Vorstellungen bis 7. 11. www.tobs.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.09.2017, 11:23 Uhr

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