Bern

Prunkvoller Einstand des Chefdirigenten

BernKühn arrangiert – elegant dirigiert: Kevin John Edusei gab im Stadttheater sein Antrittskonzert als Chefdirigent des Musiktheaters.

Endlich angekommen: Kevin John Edusei.

Endlich angekommen: Kevin John Edusei. Bild: Urs Baumann

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Was für ein Theater. Im ersten Rang steht ein bärtiger Mann (Stéphane Mäder), deklamiert Sätze eines verzweifelt Verliebten. Hinter der Türe erklingen Todesglocken. Und auf der Bühne? Stehen für einmal weder Schauspieler noch Sänger, sondern: die Musikerinnen und Musiker des Berner Symphonieorchesters, prächtig illuminiert und gestaffelt.

Vorne die Streicher, ganz hinten ein unüblich üppiger Apparat von Perkussionsinstrumenten – so tief also ist die Bühne des Stadttheaters. Zuvorderst aber steht ein Mann, von dem man sonst, bei Opernvorstellungen, meist bloss den Hinterkopf sieht und Hände, die geschmeidige Zeichen in den Raum werfen.

Eduseis langer Weg

Kevin John Edusei (39) paart Eleganz mit Präzision. Seit zwei Jahren dirigiert der Deutsche Opernproduktionen in Bern, mit anhaltendem Erfolg. Nun steht er hier, erstmals als neuer Chefdirigent des Musiktheaters. Lange war die Funktion vakant, Eduseis seltsamer Titel «erster Gastdirigent» zeugte von den Mühen der Theaterverantwortlichen, ihn als Chef zu gewinnen – und vom Taktieren Eduseis, der sich international zu profilieren beginnt.

«Symphonie imaginaire» nennt er sein Einstandskonzert. Prunkvoll ist der Rahmen, nur das «Programmheft» wirkt unüblich billig. Dass der Abend nicht im Kultur-Casino stattfindet, der sinfonischen Heimstätte des Orchesters, hat seinen Sinn. Aber auch seinen Preis: Trotz Massnahmen bleiben die akustischen Verhältnisse im Theater schwierig, zu Beginn erscheint der Klang flach und direkt.

Doch das geht bald vergessen – dem Dirigenten sei Dank. Das Programm, das er sich ausgedacht hat, ist kühn: Hector Berlioz’ «Symphonie fantastique» alleine wäre Herausforderung genug – ein Grosswerk, das als Höllenorgie endet. Edusei jedoch weitet das 50-Minuten-Werk um weitere 40. Zwischen die fünf Berlioz-Sätze pflanzt er fünf weitere Stücke ein, Musik aus Gegenwart und Geschichte. Hinzu kommen Texte nach Dante und Berlioz, bühnenwirksam vorgetragen von Stéphane Mäder.

Im Lauten das Leichte

Die musikalischen Übergänge sind fliessend. Wo Berlioz endet und wieder beginnt, ist nicht immer sofort klar. In den dritten Satz von Berlioz’ «Symphonie fantastique» werden Ausschnitte aus Glucks «Orphée et Eurydice» geschmuggelt. Die Arie «Quel nouveau ciel», gesungen durch den Countertenor Magid El Bushra, wird zum Herzstück des Abends, Edgar Varèses «Ionisation» für 12 Schlagzeuger und Klavier zum Meisterstück gestalterischer Genauigkeit.

Wie ein roter Faden, wie eine Idée fixe zieht sich das Perkussive durch das Konzert des ausgebildeten Schlagzeugers Kevin John Edusei. Statt Muskelmusik bietet er scharfe Konturen, sucht die Leichtigkeit auch im Lauten. Und obwohl nicht alle musikalischen und textlichen Bezüge unmittelbar einleuchten, inhaltlich geht das Gesamtkonzept auf. Es ist ein Konzert, das von traumhaften Irrungen und verschmähter Liebe erzählt. Und Kevin John Edusei steht mittendrin als gefeierter Mann. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.10.2015, 13:16 Uhr

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