Othello bleibt unverstanden

Regisseurin Claudia Meyer geht für «Othello» am Stadttheater grosse Risiken ein – und scheitert. Auch eine tolle Bühne kann das nicht verhindern.

Wem vertrauen? Der gute Othello (mässig: Ramsès Alfa) hält sich an den bösen Jago (gut: David Berger).

Wem vertrauen? Der gute Othello (mässig: Ramsès Alfa) hält sich an den bösen Jago (gut: David Berger). Bild: Annette Boutellier

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Auf die Plätze! Nur wie? Mitten durch die Sitzreihen im Parkett des Stadttheaters führt ein Viadukt mit Schienen. Das ist nicht der letzte Firlefanz des Stadttheaterumbaus, sondern der Wurmfortsatz des Bühnenbilds (Bettina Pommer). Ein Versprechen.

Die Schienen gehören zu einer Drehscheibe, wie sich herausstellt, als sich der Vorhang öffnet. Auf einem weiteren Geleise steht ein Podest samt Flügel und Pianist (Michael Wilhelmi). Die ganze Szene dreht sich – schon wieder: Auch Kleists «Erdbeben in Chili» in den Vidmarhallen hatte den Dreh.

Doch das hier ist Shakespeare im Stadttheater. In «Othello» kann die Bühne viel mehr als rotieren: Auf Rundschienen fahren Scheinwerfer, Palette werden herumgestossen, eine Szenerie zwischen Hafengeschäftigkeit und verlassenem Rummelplatz eröffnet allerlei Möglichkeiten für die komplizierte Intrige.

Desdemona unter Verdacht

Mit dem Beschrieb der Bühne ist das Positive des zweistündigen Abends im Wesentlichen erzählt. Schauspielerisch steht die Premiere unter einem schlechten Stern.

An der Vorlage Shakespeares liegt das nicht, im Ränkespiel ist alles drin: Liebe, Eifersucht, Verrat, Mord und Totschlag. Othello (Ramsès Alfa), der afrikanischstämmige General der venezianischen Armee, lässt sich austricksen: Jago (David Berger) strebt nach der Position von Cassio (Arne Lenk), dem treuen Leutnant an Othellos Seite.

Hierfür erdichtet er eine geheime Liebschaft von Othellos Frau Desdemona (Mariananda Schempp) mit Cassio, Indizien inklusive. Desdemona und später weitere moralisch untadelige Frauenfiguren geraten unter den Verdacht des liederlichen Lebenswandels. Sie werden meistens mit «Hure» angesprochen. Oder «Schlampe». Oder «Hier riechts nach Meerschwein, aber parfümiertem».

Kampf mit dem Text

Die Besetzung ist gewagt. In der Hauptrolle tritt erstmals der togoische Schauspieler Ramsès Alfa in Bern auf. Obwohl er kaum Deutsch spricht, hat er die Herkulesaufgabe auf sich genommen, den Text zu erarbeiten. Doch er hat sichtlich und hörbar damit zu kämpfen: Die ersten Sätze sind völlig unverständlich.

Mit der Zeit vermag Alfa seine Artikulation etwas zu steigern, doch das Grundproblem bleibt: Unverständliches Theater ist kein gutes Theater. Durchzogen ist Alfas KTB-Premiere auch schauspielerisch. Er theatert. Zu grosse Gestik, zu wenig Feinheiten. Zum Schluss, als Othello angesichts all der Toten (ja, am Schluss sterben sie alle) und des Unrechts durchdreht, passt das. Vorher nicht, seine innige Liebe für Desdemona bleibt eine Behauptung, zu spüren ist sie nicht.

Unterhaltend alleweil

Weitere Schauspieler des jungen Teams kämpfen gegen die schwierigen Verhältnisse an. Akustisch ist die tiefe Bühne eine Herausforderung, der nicht alle gewachsen sind. Das merkt man besonders dann, wenn eine erfahrene Schauspielerin wie Milva Stark, leider nur mit kleiner Rolle, die Szene betritt und für lichte Momente sorgt.

Unterhaltend ist dieser «Othello» alleweil, schliesslich ist es Shakespeare. Das Spiel mit Licht und Perspektive auf der Drehbühne passt wohl zum unzimperlichen Gezeter und Gemetzel. Und den einen oder anderen Regiekniff gibts zu entdecken. Doch die Schwächen sind so unübersehbar wie ärgerlich.

Weitere Aufführungen: bis 26.2. www.konzerttheaterbern.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.11.2015, 08:11 Uhr

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