Mörderinnen-Revue im Eiltempo

Das Broadway-Musical «Chicago» bringt Musik und Tanz der Goldenen Zwanziger, Erotik und Slapstick, aber auch Verwirrung ins Zürcher Theater 11.

Eine Show über die Show: Die amerikanische Tanz- und Unterhaltungswelt der Goldenen Zwanziger.

Eine Show über die Show: Die amerikanische Tanz- und Unterhaltungswelt der Goldenen Zwanziger.

(Bild: Catherine Ashmore/zvg)

«Wer sagt, dass Mord keine Kunst ist?» Roxie Hart strahlt. Endlich wird sie berühmt. Der tollkühne Plan ihres Anwalts Billy Flynn hat funktioniert: Alle Zeitungen Chicagos berichten über die reuige Sünderin, die in der «Gangsterstadt» zur Zeit der Prohibition von Jazz, Alkohol und Männern verführt worden ist und ihren Liebhaber erschossen hat.

Das Gefängnis, wo sie bis zum Gerichtstermin wartet, ist zu ihrer Bühne geworden. Sogar die Variété-Tänzerin Velma Kelly, die sie bewunderte und ebenfalls wegen Mordes angeklagt ist, will sie zu einem Duett überreden.

Der heimliche Star

Im Theater 11 in Zürich ist mit «Chicago» eines der erfolgreichsten Broadway-Musicals zu Gast. Seit 1996 läuft das Revival von Regisseur Walter Bobbie pausenlos. Das Original von 1975 schrieben die Broadway-Legenden Bob Fosse (Buch, Regie, Choreografie), Fred Ebb (Buch, Songtexte) und John Kander (Musik). Deren Vorlage war ein Theaterstück von 1926, das eine Gerichtsreporterin basierend auf realen Ereignissen schrieb.

Die Band versetzt umgehend in die amerikanischen Tanz- und Unterhaltungswelt der Goldenen Zwanziger. Doch die Illusion wird absichtlich gebrochen, denn der Reiz von «Chicago» liegt in dessen Doppelcharakter als Show über eine Show. Die Musikerinnen und Musiker spielen mitten auf der Bühne. Als Statisten mit dem Hang, aus der Reihe zu tanzen, sind sie der heimliche Pu­blikumsliebling.

Weiter werden Ortswechsel fast nur übers Licht angedeutet, Szenen sind wie im Variété hart geschnitten. Dies, zusammen mit sprachlichen Hürden (das Stück ist Englisch) und dem gekürzten Dialoganteil, kann stressig sein, wenn man die Handlung nicht kennt. Eine ausführlichere Einführung verdient hätten etwa der anfängliche Mord oder interessante Nebenrollen wie die Gefängniswärterin.

Die Verruchten, die Lustigen

In den Hauptrollen überzeugen Sophie Carmen-Jones und Neil Ditt am meisten: sie als gerissene Tänzerin und Sängerin Velma Kelly, er als Roxies flapsiger Ehemann. Für sein Solo «Mister Cellophan» bekam er am Ende der Vorpremiere gar den lautesten Applaus. Wie er betont auch Hayley Tamaddon als Roxie mehr die komischen als die verruchten Facetten von «Chicago». Ihr liegen Slapstick und Soft-Shoe-Nummern viel besser als melodramatische und aufreizende Einlagen.

Mehr Arroganz und weniger Cowboylässigkeit würden John Partridge als Anwalt und Lebemann Flynn gut stehen. Im Vergleich gewinnt hier Richard Gere, der Flynn in der Verfilmung von 2002 spielte. Anders beim Singen und Tanzen: Mit dem Ensemble legt Partridge einige der besten Tanzeinlagen des Abends hin.

So suhlt er sich beim Song «All I Care About Is Love», der Flynns Motiv (Geld) wunderbar konterkariert, in einem Meer aus Federfächern. Und in «We Both Reached for the Gun» trichtert er einer Journalistenschar ein, dass der Schuss Notwehr gewesen sei. Dabei mimen Roxie und er Bauchredner und Puppe.

Trumps Trick

Der «Gun»-Song ist eine bitterböse Parodie auf den Sensationsjournalismus. Es ist bis heute eine der stärksten Szenen. Zum einen wegen der bildhaften und lustigen Choreografie, in der das Ensemble mit Timing und Thea­tralik punktet. Zum anderen wegen der Aktualität: Medien, Justiz, Volk – alle verfallen im Musical dem «Razzle Dazzle», wie der Song vor Roxies Gerichtsprozess heisst.

Der Ausdruck steht für den «Hokuspokus», mit dem sich die öffentliche Aufmerksamkeit leicht von der Realität und unschönen Wahrheiten ablenken lässt. Unweigerlich denkt man an den Wahlkampf in den USA, wo mit Donald Trump ein Meister des «Razzle Dazzle» zum Präsidenten gewählt worden ist. So hält «Chicago» seinem Land noch immer den Spiegel vor – mit Sex-Appeal und Jazz.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt