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«Mir hei dranne kätschet»

GsteigDer Gstaader Schauspieler Andreas Matti erzählt, weshalb der «Verdingbub» zur persönlichen Belastungsprobe wurde. Und warum Komödien nicht nur lustig sind.

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Nähe und Distanz. Zwischen diesen Polen bewegt er sich. Dort, wo er sich von den Filmsets und Städten wegzoomt, um für sich zu sein, seine Rollen zu studieren, zu rezitieren – dort lässt er den Fotografen und den Journalisten an sich heran. Der Ort des Treffens ist ein Chalet in Gsteig, das der Schauspieler Andreas Matti (Assi genannt) von seinen Eltern geerbt hat. Ruhig ist es hier, abgeschieden. Die Sonne scheint. Der Blick auf die Berge wird frei. «Das ist mein Rückzugsort.»

Aus der örtlichen Distanz wollen wir Nähe gewinnen zum Stück «Der Verdingbub», das Matti gerade letzten Herbst bei den Proben am Stadttheater Bern bis hin zur Premiere sehr mit­genommen hat. Und noch heute beschäftigt. Denn er spielt es weiterhin bis zum 23. April. Allerdings nicht mehr so intensiv wie im alten Jahr. «Es sind nur noch ein bis zwei Auftritte pro Monat», sagt er. Und schenkt frisch gebrühten Kaffee ein.

Willkommene Flucht nach Bern

Rückblende: Er war einige Male froh drum, die Probearbeiten am Theater am Hechtplatz in Zürich in Richtung Bern verlassen zu können, um dort im «Verdingbub» spielen zu können. Mit Betonung auf «spielen»: «Es gab beim Stück ‹Bankräuber›, das wir in Zürich jetzt bis zum 25. Februar fünfmal pro Woche aufführen, ­gerade gewisse Schwierigkeiten. Ganz normale Krisen. Wir blieben stecken.»

Von der (gerade nicht so lustigen) Komödie, die «Bankräuber» ist, also mit Spieldrang zurück zum «Verdingbub». Eintauchen in ein finsteres Stück Armuts- und Sozialgeschichte der Schweiz. Vergegenwärtigen der Bilder, die in Markus Imbodens gleichnamigem Film von 2011 nachhallen: Kinder, den Eltern oder alleinerziehenden Müttern entzogen, zu Billigsttarifen versteigert, auf Höfen als Arbeitskräfte verdingt. Meist würdelos, ohne Zuwendung und Zärtlichkeit, oft roher Gewalt ausgesetzt, nicht selten vergewaltigt.

Gewalt nicht beschönigen

Gerade die Gewalt hat im Film zugesetzt. «Wir wollten sie auch auf der Bühne nicht beschönigen und mit theatralischen Mitteln zeigen, dass wir es ernst meinen», sagt Matti. «Die Gewalt soll vor allem in der Fantasie stattfinden. Wenn ich Max mit dem Gurt schlage, dann haue ich neben ihn auf den Boden.» Er habe von Betroffenen aus dem Umfeld von Verdingkindern gehört, dass die Darstellung in Film wie Theater sogar untertrieben sei, so Matti. «Die Betroffenheit bei den Besuchern ist gross. Das war auch so, als mein Bruder Michel Anfang November mit seiner Familie da war.»

Andreas Matti weiss von Verdingkind-Fällen aus dem eigenen Bekanntenkreis. «Die, die ich kenne, hatten es gut.» Einer allerdings musste untendurch. «Er hat in erster Linie gearbeitet, durfte aber einen Beruf lernen, landete in Genf und wurde Bäcker-Konditor. Er konnte seinen Weg gehen.» Dabei sei ja die Absicht der Behörden gewesen, den Leuten ein besseres Leben zu ­ermöglichen und die Kinder aus wirtschaftlichen Gründen arbeiten zu lassen. «Alleinerziehenden Müttern die Kinder wegzunehmen und diese fremdzuplatzieren – da schaute auch Pro Juventute weg.»

«Ein Kampf und Chrampf»

Wie hat sich dieser Hintergrund auf die Probenarbeit ausgewirkt? «Mir hei dranne kätschet», erzählt Matti. «Wir wollten mit ehrlichen Gefühlen spielen, mussten uns aber manchmal mit Witzen abzugrenzen versuchen. Überhaupt dachte ich, dass die Abgrenzung, wie es unser professioneller Anspruch ist, besser gelingen würde. Es war jedes Mal ein Kampf und ein Chrampf.»

Darunter litt auch die Beziehung zur Regisseurin Sabine Boss, die Mattis langjährige Lebenspartnerin ist. «Sie hatte die Verantwortung fürs Ganze. Es gab etwa unterschiedliche Meinungen wegen der Bühnenbildverschiebung. Da wir in der Probenzeit provisorisch in Bern wohnten, war auch keine räumliche ­Abgrenzung möglich.»

Zwischen Theater und Film

An Grenzen ist Andreas Matti auch gesundheitlich gestossen. Vor zweieinhalb Jahren erlitt er auf der Bühne einen Herzinfarkt, den er dank einem beherzten Eingreifen einer Sanitäterin überlebte. Das hat ihn gelehrt, gesünder zu leben, das Rauchen zu lassen, das E-Bike zu verwenden, den Fitnessraum aufzusuchen und gelassener zu werden. «Das kommt mir bei den Castings zugute. Seit ich mir sage: ‹Ich muss diese oder jene Rolle nicht auf Biegen und Brechen erhalten›, kann ich entspannter an die Aufgabe herangehen.»

Mit sichtlichem Erfolg: Seither purzeln die Anfragen von Film und Theater regelrecht herein. Sei das beim in Solothurn herausgekommenen Film «Mario» (Thema Homosexualität im Fussball), sei das bei Max Frischs «Homo Faber» im Schauspielhaus Zürich. Oder bei «Bankräuber» und «Exit-Retour» (4. bis 22. April) im Hechtplatz-Theater. Switchen zwischen Zürich, Bern und dem Saanenland. Switchen zwischen Theater («Die grosse Geste») und Film («Ein ­Zucken um den Mundwinkel genügt»). Nähe zum einen suchen, die Distanz zum anderen finden.

Und wie hat ers mit der Nähe und Distanz zu Gstaad? Seit Richies Pub für einen hohen Millionenbetrag verkauft worden ist, sei der Weltkurort für ihn seelenlos geworden. «Das ist ein immenser Verlust für die Bevölkerung im Saanenland.» Matti denkt an die teuren Geschäfte an der Promenade, «die leer und ausgestorben» wirkt. «Seit das Zelt auf dem Kapälliplatz aufgestellt worden und die Bar in Betrieb ist, kehrt aber wieder etwas Leben zurück.»

Da gehen der Fotograf und der Journalist räumlich auf Distanz, überlassen Andreas Matti das ­alleinige Feld – und damit die Nähe zu seinen Texten und Rollen. Denn die nächsten Aufgaben warten. (Berner Oberländer)

Erstellt: 14.02.2018, 11:57 Uhr

Zur Person

Andreas Matti (58) hat sich mit TV-Filmen wie «Fascht e Familie» und «Wilder» einen Namen gemacht. Meist verkörpert er eher den Typ des Bösen und Undurchsichtigen, ist weniger der Sympathieträger. Der Name Bösiger ist schon fast Programm: Er spielt diesen Bauern und Alkoholiker noch bis zum 23. April im «Verdingbub» am Stadttheater Bern – differenziert, nicht als reiner Übeltäter. Der in Gstaad aufgewachsene Matti entdeckte schon früh sein Flair fürs Darstellerische, spielte in der 3. Klasse der Schule Rütti die kleine Hexe («Meine erste Rolle war eine Frau»), besuchte nach den Grundschulen die Kunstgewerbeschule Lausanne, um dann an die Schauspielschule Bern zu wechseln. Im elterlichen Hotelbetrieb (Arc-en-Ciel), den sein Bruder Michel weiterführte und den nun die Schwester übernommen hat, half er früh mit – halbherzig. Matti lebt zwischen Zürich und Gsteig und ist mit der Regisseurin Sabine Boss liiert.

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