Madame Bisseggers Seitensprung

Die Zukunft von Madame Bissegger, der erfolgreichen Berner Theatercrew, stand in der Schwebe. Nun ist klar: Es geht weiter.

Thomas Scheidegger in der Acifer-Halle, der neuen Heimat von Madame Bissegger. Foto: Christian Pfander

Thomas Scheidegger in der Acifer-Halle, der neuen Heimat von Madame Bissegger. Foto: Christian Pfander

Hier muss es sein. Von aussen erinnert die Industriehalle beim Ostermundiger Bahnhof zwar nicht an einen Theaterspielort. Die grauen Welleternit-Fassaden sind verwittert, die trüben Glasscheiben mit Graffiti versprayt. Wer aber die Tür öffnet und in die grosse Halle tritt, findet sich sogleich mitten in einem typischen Madame-Bissegger-Bühnenbild. Im Zentrum: zwei baufällige Häuser und ein Bahngleis mit Barriere, flankiert von Erdhügeln, einem Mistkran und einem Wohnwagen. Müsste man einen verlassenen Ort im Niemandsland zeichnen, er sähe ziemlich genau so aus.

Noch ist das Bühnenbild nicht fertig. Ein halbes Dutzend Leute sind am Hämmern und Schrauben, Fräsen und Sägen. Ein Mann mit grauen Überhosen und kariertem Thermohemd kramt in einer Werkzeugkiste. Er heisst Thomas Scheidegger, ist Regisseur und Co-Bühnenbildner – man könnte auch sagen: Kopf und Herz der Profi-Theatertruppe Madame Bissegger.

Die Grundsatzfrage

In den 1990er-Jahren tourten Scheidegger und seine Crew im VW-Bus durchs Land. 2002 fanden sie ein Zuhause: im Ostermundiger Steingrüebli, umgeben von 30 Meter hohen Sandsteinwänden. Hier entstanden Produktionen wie «Q=Kuh» oder «Bickini». Die schrägen Geschichten, die originellen Bühnenbilder und das eindrückliche Steingrüebli bescherten Madame Bissegger viele Fans. Die letzte Produktion «Chrüschbodebad» sahen 45000 Zuschauerinnen und Zuschauer. Wie nach jeder Produktion legte die Truppe 2017 eine kreative Pause ein. 2018 ging es aber nicht wie üblich weiter. «Madame Bissegger ist über die Jahre wahnsinnig gewachsen. Ich merkte: Ich werde müde», sagt Thomas Scheidegger.

Fast zwei Jahre lang hat er überlegt. Soll es weitergehen? Und wenn ja: wie? Schliesslich habe er sich nicht vorstellen können, etwas anderes zu machen, sagt Scheidegger. «Irgendwann entstand die Idee, einmal an einem anderen Ort zu spielen. In einer Fabrikhalle zum Beispiel.» Der Ostermundiger Gemeindepräsident vermittelte die perfekte Location: die Acifer-Halle vis-à-vis dem Bahnhof. Bis vor vier Jahren wurden hier Armierungseisen hergestellt, später wurde die Halle vorübergehend von einer Holzbaufirma genutzt. Bald soll sie zugunsten der neuen Überbauung Poststrasse Süd abgerissen werden.

Zuerst das Bühnenbild

«Halt Halle» heisst die neue Produktion, die von Mitte Juni bis Ende August 50-mal aufgeführt wird. Die Tribüne wird etwa 500 Plätze gross sein. Aber wird es auch gelingen, sie zu füllen – mit einer Indoorproduktion mitten in der Freilichttheatersaison? Thomas Scheidegger ist zuversichtlich. «Das hier», sagt er und zeigt in die Halle, «ist quasi ein Seitensprung.» Für die nächste Produktion werden Bisseggers voraussichtlich ins Steingrüebli zurückkehren. Scheidegger hofft, dass es «die Leute gluschtet, uns einmal an einem anderen Ort zu sehen». Zudem sollen hier, direkt neben dem Bahnhof und mitten in der Agglo, neue Fans gewonnen werden.

Worum es in «Halt Halle» geht, ist noch nicht ganz klar. Wie immer haben Thomas Scheidegger und sein Compagnon Jan Messerli zuerst das Bühnenbild entwickelt. Die Schauspielerinnen und Schauspieler bauen dieses komplett selbst. Eveline Dietrich zum Beispiel, langjährige Hauptdarstellerin mit Sensler Dialekt, steht an der Fräse. Sie schneidet zwei Holzlatten zu, nimmt den Akkuschrauber und schreitet hinüber zum Bühnenbild, um hinter einem der beiden baufälligen Häuser zu verschwinden. Kurz darauf hört man den Akkuschrauber.

Mit oder ohne «Ätti»?

Ende März wird das Bühnenbild so weit fertig sein. Danach beginnt die Probenarbeit. Zuerst werden die Schauspielerinnen und Schauspieler improvisieren, nach und nach werden die Bruchstücke zu einem Theater zusammengesetzt. Auf diese Weise habe die Truppe eine andere, eine engere Beziehung zum Stück, sagt Thomas Scheidegger. Er selbst spielt in den Madame-Bissegger-Produktionen jeweils die Rolle des «Ätti». Ob dieser auch diesmal wieder vorkomme, sei noch offen, sagt der Regisseur. «Wir werden sehen.»

Spätestens zwei Wochen vor der Premiere wird es klar sein. Dann ist das Drehbuch fertig.

Vorverkauf ab 1. April. Mehr Infos: www.madamebissegger.ch.

Berner Zeitung

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