Madame Bissegger zieht die Massen an

Ostermundigen

Anfänglich spielte sie vor sieben ­Zuschauern. Heute zählt Madame Bissegger zu den erfolgreichsten Theater­truppen im Kanton. Am Mittwoch startet das ungewöhnliche Ensemble um Thomas Scheidegger in die 25. Saison.

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Im Ostermundiger Steingrüebli, umgeben von dreissig Meter hohen Sandsteinwänden, steht ein altes Bauernhaus. Ziegel fehlen, die Balken sind morsch, das Bschüttloch ist fast leer. Plötzlich heult irgendwo ein Motor auf – und einen Augenblick später kommt wie von selbst ein Holzschopf angefahren. Er parkiert direkt vor dem Hof. Thomas Scheidegger schmunzelt. Unter dem Schopf verberge sich ein alter Renault 4, erzählt er. «Eigentlich wollten wir den verkaufen.» Aber weil er sowieso durch den Abgastest gefallen wäre, blieb man halt auf ihm sitzen.

Scheidegger ist Regisseur, auch wenn er in seinen grauen Überhosen nicht unbedingt so aussieht. Aber ein 08/15-Regisseur würde auch nicht zum Theater Madame Bissegger passen. In dieser Truppe erhalten die Darstellerinnen und Darsteller nicht irgendwann ein Textbuch in die Hand gedrückt und beginnen ihre Rolle einzustudieren. Hier wird zuerst gemeinsam die Bühne gebaut. Danach beginnt das Improvisieren. Hunderte Fragmente entstehen dabei, die nach und nach zu einem Theaterstück zusammenwachsen.

Zuerst im VW-Bus

Das heruntergekommene Bauernhaus ist das Bühnenbild der Produktion «Chrüschbodebad». Mit ihr startet Madame Bissegger am Mittwochabend in ihre 25. Saison. 1991 als Strassentheater gegründet, tourte die Truppe jahrelang im VW-Bus durch die Schweiz und Deutschland. Jede Woche trat sie in einer anderen Stadt auf, die Hutkollekte als einzige Einnahmequelle. Thomas Scheidegger blickt gerne auf diese Zeit zurück. «In Freiburg im Breisgau zum Beispiel kamen 1000 Leute zu uns», sagt der Berner, der heute in Burgdorf lebt.

Scheidegger ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Sein Brot verdiente er ursprünglich als Lehrer. Mit 22 bestand er die Aufnahmeprüfung an der Dimitri-Theaterschule. Unter fadenscheinigen Gründen habe er aber abgesagt, erzählt er. «Ich war jung, verliebt, spielte Handball beim BSV Bern. Es war einfach noch zu früh.» Ein paar Jahre später war die Zeit reif: Er begann die Ausbildung an der Ecole Philippe Gaulier in Paris. Seither ist das Theater sein Beruf.

27 000 Zuschauer pro Saison

Nach der Jahrtausendwende suchte Madame Bissegger eine feste Bleibe. Doch wo? Im VW-Bus fuhr man umher – und entdeckte das Steingrüebli. 2002 trat die Truppe erstmals hier auf. «H2Eau» hiess das Stück, die Tribüne hatte 270 Plätze. «Zuerst hatten wir zwischen 7 und 30 Zuschauern», erinnert sich Thomas Scheidegger. Das habe ihm Angst gemacht, ganz ehrlich. Doch bald begann die Mundpropaganda zu wirken.

Fünf Stücke hat die Truppe seither im Steingrüebli gespielt – in der Regel wird jedes Stück zwei Sommer lang aufgeführt, danach folgt eine einjährige Pause. Mittlerweile hat die Tribüne 470 Plätze, gespielt wird rund 60-mal pro Saison, und meistens sind die Aufführungen ausverkauft. «Chrüsch­bodebad» zog letztes Jahr über 27 000 Leute an. Seit Beginn kamen insgesamt 150'000 Leute ins Steingrüebli, um die Truppe zu sehen.

Negative Kritik

Madame Bissegger bietet eine Mischung aus Theater und Artistik, Tanz und Comedy – verpackt in ein originelles Bühnenbild. Bei den Theaterkritikern stossen die Produktionen nicht immer auf Gegenliebe. «Da ist kein Witz zu platt, keine Zote zu einfältig, als dass sie dem Zuschauer nicht in aller Vordringlichkeit vorgesetzt werden könnte», schrieb der «Bund» letztes Jahr. «Dünn wie ein Rinnsal ist die Geschichte», kritisierte die BZ. Anfänglich habe ihn solche Kritik getroffen; heute sei es weniger schlimm, sagt Scheidegger, der als Chrüschhof-Ätti früher auch auf der Bühne eine tragende Rolle gespielt hat. In der neuen Saison kommt der Ätti ebenfalls wieder vor, wenn auch nur am Rand.

«Wir wollen nicht den Mahnfinger heben», sagt Thomas Scheidegger. «Die Leute sollen einfach herzhaft lachen können.» Manchmal reicht dafür eine einfache Geste, ein blöder Spruch. Wichtig ist, ihn im richtigen Moment zu platzieren.

Das Spiel mit den Klischees

Während Scheidegger auf der Tribüne sitzt und erzählt, sind die Schauspieler auf der Bühne am Proben. Alle sind Profis. Manuel Schunter spielt einen Mann, der in Deutschland aufgewachsen ist und nun auf dem Chrüschhof lebt. In einem Gemisch aus Bern- und Hochdeutsch sagt er auf der Bühne: «Ich fühle mich schon so als Berner, dass ich selber fascht es bitzeli öppis gäge die Thüütsche ha.» Ist das plump? Rassistisch? Oder realistisch? «Die Antwort überlasse ich Ihnen», sagt Thomas Scheidegger.

Die Zuschauer, die am Mittwochabend ins Steingrüebli kommen, werden über die Szene lachen. Garantiert.

Berner Zeitung

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