Kracht auf langweilig

Eine Uraufführung zieht Fäden: Konzert Theater Bern bringt Christian Krachts Roman «Die Toten» auf die Bühne. Ein eigentlich toller Stoff – der einen aber erstaunlich kalt lässt.

<b>Es geht um Liebe und Umbruch:</b> Leider spürt man in der Uraufführung von Christian Krachts Roman «Die Toten» nichts davon.

Es geht um Liebe und Umbruch: Leider spürt man in der Uraufführung von Christian Krachts Roman «Die Toten» nichts davon.

(Bild: Tanja Dorendorf/zvg)

Michael Feller@mikefelloni

2016 erschienen die Lobeshymnen über Krachts neuen literarischen Wurf «Die Toten». Vorgestern Donnerstag, nur ein Jahr später also, hiess es: Uraufführung in den Vidmarhallen.

Ein Coup von Konzert Theater Bern, so scheint es. Auch andere renommierte deutsche Theaterhäuser haben sich um die Rechte für die erstmalige Aufführung beworben. Zeigt sich darin das neue Selbstverständnis der formstarken Berner Schauspielabteilung?

Bern hat gute Argumente für die Premiere, denn Christian Kracht, 1966 in Saanen geboren, ist natürlich Berner Stoff – auch wenn der Autor, ein Weltbürger, heute in Los Angeles lebt. Regisseurin Claudia Meyer verleiht der Vorlage eine weitere, filmische Ebene.

Projizierte Filmsequenzen sind mittlerweile ein Klischee zeitgenössischer Inszenierung, nicht totzukriegen. In Meyers «Die Toten» ergibt die Filmerei aber durchaus Sinn, sie ist der Nabel der Geschichte.

Was macht Charlie Chaplin?

Regisseur Emil Nägeli folgt in den 30er-Jahren von Bern aus dem Ruf aus Deutschland. Die Berliner Filmgesellschaft UFA will den aufstrebenden Hollywoodstudios den Kampf ansagen und engagiert ihn zu diesem Zweck. In einem zweiten Strang erfahren wir die Geschichte des japanischen Beamten Amakasu Masahiko. Auch er will dem angeblichen Kulturimperialismus der USA entgegenwirken – mit einer «zelluloidenen Achse» mit Deutschland, einer Filmallianz also.

In Japan trifft Nägeli auf Masahiko. Und wie es so ist im Leben: Da ist auch eine unwiderstehliche Frau, Ida, und aus der Zusammenarbeit wird ein Konkurrenzkampf. Plötzlich tritt auch noch Stummfilmstar Charlie Chaplin auf den Plan und begeht einen Mord. Was zum ­Henker?

Weltgeschichte und Fiktion

Das Geniale an Krachts Kons­trukt ist die wilde, aber durchaus plausibel wirkende Vermischung von Weltgeschichte und Fiktion. Während Chaplin und weitere Figuren zweifellos gelebt haben, sind andere Protagonisten und auch die Handlung frei erfunden.

Das Setting ist vorzüglich gewählt: Deutschland und Japan steuern unaufhaltsam dem faschistischen Abgrund entgegen, aber noch ist Aufbruchstimmung. Gleichzeitig ist die Filmbranche im Umbruch. Farbe und Ton bedrohen den Schwarz­weissstummfilm mit Superheld Chaplin.

So weit, so gut. Wäre da nicht das Problem, dass einen diese filmisch-theatrale Umsetzung in der Vidmar 1 kalt lässt. Aus dem kompakten, 211-seitigen Roman ist ein langfädiges Theater geworden. Ein Quartett aus Irina Wrona, Nico Delpy, Alexander Maria Schmidt und Gabriel Schneider erzählt im Wesentlichen den Roman nach. Keine fixen Rollen, fast nur indirekte Rede.

Da helfen auch die Filmsequenzen nicht, für die die Crew extra nach Japan gereist ist. Die Einspieler sind ästhetisch ansprechend, mehr nicht. Am besten ist das Bühnenbild (Kons­tantina Dacheva und Claudia Meyer), das suggeriert, dass wir Dreharbeiten beiwohnen. Wir blicken in eine Wohnung mit Vintage-Möbeln, Lavabo und Füsschenbadewanne.

Im Vordergrund stehen Scheinwerfer für den Dreh. In der linken Ecke warten auf einem Tischchen Getränke und Leckereien. In den «Drehpausen» bedienen sich die Schauspieler. Wir beneiden sie um den Sekt und die Würstchen, denn die Langeweile dauert geschlagene zweieinviertel Stunden.

Hat der Mut gefehlt, «Die Toten» auf das Wesentliche zu reduzieren? Oder willigt der Rechteinhaber, also Krachts Verlag, nicht dazu ein? Mit dieser Produktion schafft es Konzert Theater Bern auf jeden Fall nicht, ­seine Theaterhochform zu bestätigen.

Weitere Vorstellungen: bis 17. März, Vidmar 1, Liebefeld. www.konzerttheaterbern.ch

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