Kann auch Güllen sein Stadttheater sanieren?

Ein Klassiker, gar klassisch inszeniert von Ingo Berk: Konzert Theater Bern zeigt «Der Besuch der alten Dame» von Dürrenmatt. Nikola Weisse spielt in der Hauptrolle stark auf.

Starkes Trio: Peter Jecklin als Alfred, Nikola Weisse als Claire. Und – kaum wieder zu erkennen – Jürg Wisbach als Boby, der Butler.<p class='credit'>(Bild: Philipp Zinniker)</p>

Starkes Trio: Peter Jecklin als Alfred, Nikola Weisse als Claire. Und – kaum wieder zu erkennen – Jürg Wisbach als Boby, der Butler.

(Bild: Philipp Zinniker)

Michael Feller@mikefelloni

Was für ein Kontrast: Aus dem Zuschauerraum des auf Hochglanz sanierten Stadttheaters blicken wir auf ein Pendant mit gar viel Patina. Der Verputz blättert, ja, ganze Brocken fehlen im Gemäuer, als hätte eine Bombe eingeschlagen (Bühne: Damian Hitz). Eine schöne Idee, auch wenn das vorgehaltene Spieglein im Theatertempel fast schon schreit: Hier geht es um dich, liebes Publikum.

Die Heuchelei, die da gleich dargeboten wird, bleibt nicht in Güllen, es ist deine Geschichte. Anders als die Berner können sich die Güllener keine Theaterrenovation leisten. Im fiktiven Städtchen spielt Friedrich Dürrenmatts «Der Besuch der Alten Dame». Es fehlt an allem: An Jobs, an Steuereinnahmen und Perspektiven.

Da kommt der Besuch von Claire Zachanassian (Nikola Weisse) gelegen: Vor Jahrzehnten war «Kläri» ausgezogen, in die Welt, die sie steinreich gemacht hat. Die Stadt hofft, dass ihr die Tochter der Stadt unter die Arme greift. Und tatsächlich: Claire verspricht eine Milliarde Franken, je die Hälfte für die Infrastruktur und für die Einwohner. Der Jubel ist gross.

Tötet Ill!

Doch die Sache hat einen Haken, die Milliardärin stellte eine unmoralische Bedingung. Das Geld fliesst nur, falls Alfred Ill (Peter Jecklin) getötet wird, ihr Jugendfreund. Dieser, so kommt bei der Bürgerversammlung heraus, tat ihr unrecht, indem er die Vaterschaft vor Gericht abstritt. Claire geriet in Notlage, wurde Prostituierte, bis sie sich mit Geschick ein Vermögen erarbeitete und erheiratete.

Wird Güllen seinen beliebtesten Einwohner ausliefern um sich bereichern zu können? Natürlich nicht, sagen alle, der Bürgermeister (David Berger), der Lehrer (Arne Lenk), der Polizist (Gabriel Schneider) und der Pfarrer (Tobias Krüger). Natürlich doch, wird schnell klar. Alle kaufen sie sich teure Schuhe und Kleider. Selbst bei Ill, dem Gemischtwarenhändler, kaufen sie jetzt die teuren Zigaretten und den guten Schnaps auf Pump.

Wohlstand kehrt ein, und sogar Ills arbeitslose Tochter Ottilie (Marie Popall) spielt jetzt Tennis. Güllens Wohlstand fusst auf einem Verbrechen, das noch nicht einmal begangen wurde. Und dann kommt Dürrenmatts Fingerzeig: Die Moral geht flöten, wenn sich die Menschen einmal an den Wohlstand gewöhnt haben. Dann lässt sich selbst ein Mord als Gerechtigkeit schönreden.

Max Frisch hat Dürrenmatts «Der Besuch der alten Dame» einmal als «das beste deutschsprachige Theaterstück nach 1945» bezeichnet. Sicher: Die Geschichte ist geschickt gesponnen, das moralische Dilemma gut aufgezogen, weil aus monetären Gründen alle verdorben sind. Am Schluss leidet man mit einem mit, der aus selbstsüchtigen Motiven eine Vaterschaft geleugnet hat.

Top: Weisse, Jecklin, Wisbach

Weil man Dürrenmatts Versuchsanlage schnell begreift, liesse sich das Zweieinhalb-Stunden-Stück auch ein wenig straffen. Ingo Berks Inszenierung ist da gar zaghaft ausgefallen. Zunächst wird eine Statisten-Gruppe geschickt eingesetzt, als Chor, als Turnverein, der eine Pyramide bildet und tänzerisch die Bühne für die Bürgerversammlug herrichtet.

Doch spätestens nach der Pause wird das Stück nur noch runtergespielt. Allerdings bewerkstelligen dies in den Hauptrollen hervorragende Gastschauspieler. Die 75-Jährige Nikola Weisse nimmt man die so verbitterte wie herrische Claire Zachanassian jederzeit ab. Und Peter Jecklin ist eh klasse. Von den Berner Ensemblemitgliedern kann da eigentlich nur Jürg Wisbach von A bis Z mithalten, der den tattrigen Butler von Claire gibt.

Werden sie den Ill tatsächlich töten? Dürrenmatt lässt es offen, aber dennoch ist zum Schluss alles gesagt. Güllen applaudiert begeistert.

Weitere Vorstellungen: bis 29. April, Stadttheater, Bern. www.konzerttheaterbern.ch

Berner Zeitung

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