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Kampf der Partylöwin gegen ihren Körper

Standing Ovations für das Musical «Coco»: Konzert Theater Bern hat die Premiere seines Transgender-Stücks gefeiert. Der Beginn ist euphorisch, doch die Stimmung verdüstert sich zusehends.

Komplizierte Dreiecksbeziehung: Coco (Mariananda Schempp, Mitte), ihr Freund (Luka Dimic, links) und ihr Körper (Gabriel Schneider).
Komplizierte Dreiecksbeziehung: Coco (Mariananda Schempp, Mitte), ihr Freund (Luka Dimic, links) und ihr Körper (Gabriel Schneider).
Annette Boutellier

Sie stimmt schon mal den ersten Song an. «Ich schaue mich von weitem an / ich schwebe noch am Himmel / Weit unten steht der Zwergenmann / mit Bartstoppeln und Pimmel». Und bald wird klar: Das wird der Abend von Mariananda Schempp. Die Schauspielerin aus dem Ensemble von Konzert Theater Bern kann nicht nur spielen, sie hat auch die Stimme.

Schempp hat im Musical «Coco» die Hauptrolle: Coco, die Berner Transgender, die sich vom biologischen Mann zur Frau umoperieren liess und durch einen Dokumentarfilm von Paul Riniker 1991 schweizweit bekannt wurde. 1998, vor zwanzig Jahren, nahm sie sich das Leben. Und jetzt lebt sie in den Vidmarhallen auf. In einem Musical von Alex­ander Seibt (Text) und Markus Schönholzer (Songs).

Nach dem Song öffnet sich die Bühne. Der grosse Stern, vor dem Schempp den Abend lanciert hat, weicht zur Seite – und wir befinden uns im Coiffeursalon Sisters of Scissors im Berner Lorrainequartier. Der wirblige Gilette (Christoph Marti) flitzt auf Coiffeurstühlen mit Rollen durch die Szene und gibt dem Premierenpublikum einen «Hinweis der Direktion» mit auf den Weg. Der Abend beziehe sich «nicht in haftbarer Weise auf noch oder ehemals Lebende, auf Anwesende oder Abwesende».

Auch wenn das ironisch verpackt daherkommt: Konzert Theater Bern ist bemüht, den fiktionalen Charakter von «Coco» zu betonen. So lang ist es auch wieder nicht her, dass Coco ihrem kurzen Leben ein Ende setzte. Kommt dazu, dass zwei Männer, die Vorbild waren für Figuren des Musicals, in den Zuschauerreihen sitzen: Jean Cotter vom tatsächlich und noch immer existierenden Sisters of Scissors; und Cocos Vater.

Der Köper steht im Weg

Dass Coco nicht von einem Schauspieler, sondern von einer Schauspielerin dargestellt wird, hat einen simplen Grund: Coco, 1969 als Marc-Patric Lorétan in Thun geboren, fühlte sich seit je als Frau in einem Männerkörper. Und dieser Körper, der ihr im Weg stand zum erhofften Glück, ist ein eigener Charakter, gespielt von Gabriel Schneider. Coco und ihr Körper tragen die gleichen Haare und die gleichen Kleider, doch der Bemitleidenswerte ist ihr lästig, er verfolgt sie wie ein ­alter Bernhardiner. Die Doppelbesetzung zeigt an, worum es geht: um Zerrissenheit, innere Konflikte und Identitätssuche.

Und dergleichen gibt es im gut zwei Stunden langen Musical zur Genüge. Denn Seibt und Schönholzer orientieren sich weniger an der Partykönigin, die alle in den Bann zog und die in Bern jeder kannte. Vielmehr an der zerbrechlichen jungen Suchenden aus Rinikers Film – ganz von der naheliegenden Vorlage mochte man sich dann doch nicht lösen.

Und so hüpft die Handlung nach schmissigem Beginn je länger, je mehr von Beziehungsknatsch zu Beziehungsknatsch. Von den Eltern (Grazia Pergoletti und Jonathan Loosli) zum Freund Rick (Luka Dimic), zum Körper und zurück. Schempp spielt Coco bravourös divenhaft, nur wiederholt sich das Geschehen.

Zum Glück tritt rechtzeitig die Ärztin auf, dargestellt von Gastschauspieler Christoph Marti. Sie singt von «sixty genders», die angeblich existieren sollen, doziert ohne Rücksichtnahme auf zarte Gemüter die Risiken und Neben­wirkungen einer chirurgischen Geschlechtsanpassung, erläutert gar detailliert, wie der Penis entfernt wird, und schreitet schliesslich zur Tat. Marti ist grossartig, zusammen mit der Hauptdar­stellerin reisst er den Abend. ­Leider sind gesanglich nicht alle auf der Höhe mit dem Duo.

Strahlen wie eine Egli

Das ist nicht weiter schlimm, denn es gibt durchaus Höhepunkte. Nach der vollbrachten Operation kommen alle ins Spital und stossen an mit Coco, Mama, Papa, Rick und der Ärztin. Für einen Moment ist alles gut, Friede, Freude, Happy End. Mariananda Schempp sieht wirklich kurz strahlend aus der Bett­wäsche wie Beatrice Egli beim Schlagerfestival. Doch dann kommt es erst noch, das Ende. Es ist tragisch und verpasst dem Musical ein längliches und zähes Schlusskapitel. Auch die Songs, wenn auch jederzeit satt vor­getragen von der vierköpfigen Liveband, haben nicht mehr ganz den Zug vom Anfang.

Die Standing Ovations, die es so nie, nie, nie gibt in Bern, sie kommen trotzdem nicht über­raschend. Die Autoren hatten ein Händchen für den Stoff. Das Stück nimmt die Transmenschen ernst und feiert die Vielfalt der Geschlechter anhand von Coco, einer Ikone, die damals Mut hatte hinzustehen, aber gleichzeitig ein tragisches Leben führte. Eines wie gemacht fürs Musical.

«Coco»: bis 20.6., Vidmar 1, Liebefeld. www.konzerttheaterbern.ch

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