Kafkas Gruseln im Anzug

Ein Gruseln und Zittern bei Konzert Theater Bern: Die Tanzinszenierung von Kafkas «Das Schloss» geht durch Mark und Bein. Dank dem wunderbaren Winston Ricardo Arnon als K.

Gefangen im Ich: Winston Ricardo Arnon als K. Nein, das ist nicht der Schwarze Block.

Gefangen im Ich: Winston Ricardo Arnon als K. Nein, das ist nicht der Schwarze Block.

(Bild: zvg/Philipp Zinniker)

Michael Feller@mikefelloni

Am Anfang die Auferstehung: K. liegt im Nebel, richtet sich auf, wirkt übermenschlich gross – und dann holen ihn schwarz maskierte Gestalten ein, die an ihn herankriechen, wie Geister aus dem Sumpf.

Sie entpuppen sich als seine Ebenbilder, die bald synchron mit K. tanzen und gestikulieren. Nach den ersten Schritten und Gesten der Furcht und der Zerrissenheit dieses K. ist klar: Es wird der Abend des Winston Ricardo Arnon. Der Abend wird düster.

Nach «Frankenstein» in der letzten Saison setzt KTB-Tanzchefin Estefania Miranda wieder auf die Macht des Gruselns. Und auf die Kraft der Umkehr: Sie stellt das – vermutete – Ende von «Das Schloss», K.s Tod, an den Anfang,

Kafkas Erzählung ist ein Fragment geblieben. Dann blickt K. zurück, und wir erfahren, wie es so weit gekommen ist. Als Landvermesser kommt er in ein Dorf, das ihn zwar angeblich bestellt, aber nicht erwartet hat.

Er versucht, Anschluss zu finden. Über dem Dorf thront das Schloss, in der die Bürokratie heimisch ist, die jede und jeden überwacht. K. versucht, hineinzugelangen.

Weshalb, erschliesst sich bei Kafka nicht schlüssig. Auch in Mirandas Inszenierung sind die Szenen bisweilen rätselhaft. Wer tritt auf, wer ab? Sind wir im Innern oder draussen? Wer tanzt da im Wandschrank? Und wieso zucken die so rum?

Es sind so ästhetische wie beklemmende Szenen, die einander folgen, mehr Sinnbild als erkennbare Handlung, mehr ein Tanz um Kafkas Motive. Die Zerrissenheit. Die Verwandlung. Und Käfer.

Das reicht für den Tanzabend, der an der Premiere phasenweise begeistert. Einzelne Längen gegen Schluss trüben den Eindruck nur wenig. Es stimmt viel, besonders atmosphärisch. Das Bühnenbild spuckt durch seine Türen, Klappen und Schlitze die 17 beteiligten Tänzerinnen und Tänzer nur so aus.

Ein Albtraum von einem Raum (Bühne und Kostüme: Gabriele Wasmuth), ein Wimmelbild beklemmender Szenen. Verstärkt wird der schaurig-schöne Eindruck durch die elektronische Musik von Jeroen Strijbos und Rob van Rijswijk, die bereits letztes Jahr mit dem Berner Tanzensemble zusammengearbeitet haben.

Neben vielen starken Bildern gibt es auch tänzerische Höhepunkte. Die Szenen, in denen K. den maskierten Gestalten gegenübersteht, sind grossartig. Und das Duett mit Patrizia Rotondaro als Schankmädchen Frieda ist von betörender, aber nie platter Erotik. Das liegt – nicht nur, aber vor allem – im fesselnden Auftritt von Winston Ricardo Arnon.

Berner Zeitung

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