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Insel der Unglückseligen

In der Inszenierung «Europe sauvage» verhandeln Studierende der Hochschule der Künste Bern aus allen Sparten den ewigen Konflikt zwischen Liebe und Krieg. Ein Probenbesuch.

Eine Insel aus Plüsch: In «Europe sauvage» gibt es verschiedene Stationen.
Eine Insel aus Plüsch: In «Europe sauvage» gibt es verschiedene Stationen.
Enrique Muñoz García

Ein mit Plüsch überzogener Salontisch steht wie eine Insel inmitten eines Teichs. Darauf stehen zwei Sänger, ein Mann und eine Frau, die sich auf Französisch erhaben besingen. Eine Trennung steht bevor. «Du wirst mich nie mehr wiedersehen», singt er, gefolgt von dumpfem Lachen. Schliesslich platscht ein anderer Mann mit einer Schwimmweste in die Szenerie.

Er sieht ­lächerlich aus, denn das Wasser ist nicht einmal knöcheltief. «Komm nach Hause, es ist kalt», beschwört er die Frau, die offensichtlich kein Deutsch spricht und pathetisch weitersingt. Regisseur Joachim Schloemer unterbricht die Szene. «Hier müsste noch eine Ansage kommen. Sind überhaupt alle da?»

Geprobt wird eines von vielen «tableaux» im Stück «Europe sauvage», einem spartenübergreifenden «Musiktheaterstationendrama». Das Publikum wird dabei anfangs in drei Gruppen aufgeteilt.

An verschiedenen Spielstätten der Hochschule der Künste – sei es ein alter Hörsaal oder gar ein Parkhaus – finden in sich abgeschlossene Episoden in Form reichlich schräger Bilder und Töne statt. Am Ende kommen die Gruppen, die einer unterschiedlichen Dramaturgie gefolgt sind, wieder zusammen und erleben ein gemeinsames ­Finale.

Wild statt galant

In der rund dreistündigen Inszenierung gibt es eine Pause mit Suppe und Glühwein. Ein typisch barockes Element – schliesslich war Ausgangspunkt von «Europe sauvage» die Ballettoper «Les Indes galantes» des barocken Komponisten Jean-Philippe Rameau (1683–1764). «Les Indes galantes» basiert wiederum auf «L’Europe galante», einer Ballettoper, bei der Liebesgeschichten aus Frankreich, Spanien und der Türkei präsentiert werden.

Rameau erweiterte das Spektrum um exotische Länder. Europa sei eine wilde Mischung an Stilen und Bräuchen und alles andere als «galante», im Sinne von nobel, edel oder zuvorkommend, sagt Regisseur Schloemer. Deshalb heisse seine Version «Europe sauvage» – wildes Europa.

Filmreif: Die Ouvertüre auf dem Parkplatz. Bild: Enrique Muñoz García
Filmreif: Die Ouvertüre auf dem Parkplatz. Bild: Enrique Muñoz García

In seinem Stück gehe es wie bei der Originaloper von Rameau um die Frage, was wichtiger sein wird bei diesem Prozess der Integration – der Krieg oder die Liebe. Ein Untergangsszenario? «Durchaus.» Allerdings mit viel dadaistischem Humor, «denn schliesslich kann man ja auch mit einem Lächeln dem Untergang entgegengehen».

Ein lautstarker Weltuntergang wird unterdessen in einer weiteren Spielstätte geprobt. Ein Mann und eine Frau diskutieren die Vernichtung der Welt. «Wie oft haben wird diesen Planeten schon neu gestartet?», nervt sie sich. Die Frau will zerstören, während der Mann mitleidet mit den Menschen.

Der Wurm sei drin, in diesem Planeten, sagt sie. Unterbrochen werden die beiden in ihrem Disput von Sängern und Musikanten. Zwei Männer kämpfen um eine Frau – ein Motiv, das es auch in Rameaus Oper zuhauf gibt, wo Kolonialherren sich an fremde Schönheiten heranmachen. Singen und sprechen, Musik und Sprache lösen sich in dieser Szene dauernd gegenseitig ab.

Mut zum Unterbruch

Es habe eine Weile gedauert, bis sich zwischen den verschiedenen Sparten eine Verflechtung ergeben habe, erklärt Schloemer. Es brauche Mut für einen Schauspieler, einen Opernsänger zu unterbrechen, und umgekehrt, so der 1962 geborene Deutsche, der in Bern und Berlin lebt.

Dem Projekt ging ein halbjähriges Laboratorium voraus. Studierende des Literaturinstituts überarbeiteten gemeinsam mit den Spielenden aus der Theatersparte Texte aus Rameaus Oper.

Auf historische Instrumente und damit auf barocke Klänge wird verzichtet. Vielmehr kommen Bassklarinette, E-Gitarre, Schlagzeug und Lautsprecher zum Einsatz. Die Ouvertüre findet bei jeder Witterung draussen im Hof des Industrieareals statt: Es ist eine Szene wie aus einem David-Lynch-Film.

Europas Unbehagen hat in diesem Stück viele Gesichter. Auf dem Plüschtisch im Wasser tummelt sich zuletzt eine ganze Horde Schiffbrüchiger. «Ich flehe dich an, lass uns gehen», singen sie im Chor.

Vorstellungen: 25. bis 27. 1., je 19–22 Uhr, HKB (Ostermundigenstrasse 103, Bern). www.hkb-musik.ch

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