In den Tod mit Tolstoi

«Der Tod des Iwan Iljitsch». Eine schöne, wenn auch zum Ende hin längliche Sezierstunde in der Vidmar 2.

Der Tod des Nico Delpy: Anatomiestudie mit Florentine Krafft und Gabriel Schneider (rechts).

Der Tod des Nico Delpy: Anatomiestudie mit Florentine Krafft und Gabriel Schneider (rechts).

(Bild: pd / Annette Boutellier)

Michael Feller@mikefelloni

Nicht einmal der Sessel ist einem heute noch sicher, wenn man ins Theater geht. In der Vidmar 2 herrscht erst mal Leere, kein Mobiliar weit und Breit. Aber doch: Dutzende Stühle sind zu zwei Ungetümen gestapelt.

Die Premierengäste bedienen sich, ergattern sich eine Sitzgelegenheit und platzieren sich irgendwo im Raum. In der Studiobühne Vidmar 2 kann man das ja machen. Mangels fixer Stuhlreihen bietet sich der Raum für theatrale Sonderformen an. Und so eine ist «Der Tod des Iwan Iljitsch» – nicht nur der Stühle wegen.

Die Hinterbliebenen suchen den Profit

Denn die Schauspielerin (Florentine Krafft) und die Schauspieler (Nico Delpy und Gabriel Schneider) spielen nicht einfach die Erzählung von Leo Tolstoi nach, die da wäre: Iwan Iljitsch, ein hoher Beamter im Russland des 19. Jahrhunderts, stirbt nach Jahren der Krankheit. An der Trauerfeier macht sich Sachlichkeit breit, die Menschen in seinem Umfeld versuchen aus seinem Hinscheiden Profit zu ziehen.

Das vortrefflich spielende Schauspieltrio beginnt wie Tolstoi, mit dem Ende. Doch dann blickt es zurück – schweift es nach allen Seiten ab, und bald dreht sich der Theaterabend auch um die Frage: Wie begegnen wir denn heute dem Tod? Exemplarisch wird – die Zuschauer sitzen nun entlang der vier Wände – auf die Wandtafeln die Todesanzeige von Schauspieler Nico Delpy projiziert. Während er zwischenzeitlich tot ist, lebt die Analogie zu Tolstoi: Gabriel Schneider bringt sich sogleich als Ersatz für Delpys «Faust»-Rolle ins Gespräch. «Was soll man dazu sagen. Er ist gestorben, ich aber lebe!» ist die zentrale Formel aus Tolstois Erzählung: Die Genugtuung über das eigene Weiterleben ist stets grösser als die Trauer um den Verlust des Verstorbenen.

Schweigeminute für die Stühle

Hier hätte «Der Tod des Iwan Iljitsch» (Regie: Noam Brusilovski; Dramaturgie: Michael Gmaj) ohne weiteres in die Bedeutungslosigkeit blosser Selbstreflektion abdriften können, was im zeitgenössischen Theater bis vor kurzem sehr in Mode war. Doch diese Versuchsanordnung geht viel weiter: Immer wieder werden Stimmen von Experten eingespielt, es spricht der Psychoonkologe vom Inselspital Bern, die Fachärztin für Radiologie, ebenfalls von der Insel. Ein Bestatter, eine Pfarrerin, eine Pflegeexpertin. Was kostet eine Bestattung? Wie gehen wir mit dem Bescheid um, nicht mehr lange zu leben? Was kommt nach dem Tod? Wie kommt man mit seinem Leben ins Reinen, bevor es zu Ende ist?

Solche Fragen ploppen zwischen Tolstoi-Versatzstücken auf und werden kundig beantwortet. Darüber hinaus ficht Gabriel Schneider mit sich selbst (Szenenapplaus), und es passieren weitere Skurrilitäten. Doch trotz mehreren Spielebenen weiss das Publikum immer, wo es ist. Hätte man die letzten 20 der 110 Minuten noch ein wenig gestrafft, wäre diese Tolstoi-Interpretation eine rundum gelungene Sezierstunde des Todes.

Und die Stühle? Sie kriegen noch eine Schweigeminute. Denn die Einzelstücke gehen nach der Vorstellung wieder zurück in den Fundus, auf diesen Friedhof der vergangenen und meist vergessenen Bühnenbilder.

Weitere Vorstellungen: bis 16. März, Vidmar 2, Liebefeld.

Berner Zeitung

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