Im Strudel der Trauer

Heidi Maria Glössner berührt mit dem Stück «Das Jahr magischen Denkens» im Theater an der Effingerstrasse. Ein schnörkelloser Monolog über Verlust und Erinnerung.

Berührender Monolog: Heide Maria Glössner.

Berührender Monolog: Heide Maria Glössner.

(Bild: zvg)

Helen Lagger@FuxHelen

Ein in Beige und Weiss eingerichtetes Wohnzimmer mit Sofa und Schreibtischchen: Viel verrät die Bühne (Peter Aeschbacher) nicht über die Frau, die hier wohnt. Nur die heruntergelassenen Storen könnten ein Hinweis auf Trauer sein.

Tatsächlich dreht sich im Stück der kalifornischen Kult­autorin Joan Didion («TheWhite Album») alles um Verlust und Erinnerung. Die Film- und Theaterschauspielerin Heidi Maria Glössner spielt Didion, die 1934 in Sacramento geborene Ikone des amerikanischen New Journalism. Diese schrieb «Das Jahr magischen Denkens» (2005) ursprünglich als autobiografisches Buch. Sie verarbeitete darin den plötzlichen Tod ihres Mannes John Gregory Dunne und die lebensbedrohliche Krankheit ihrer Tochter Quintana. 2007 adaptierte Didion das Buch als Theaterstück.

Empört über den Tod

Im Theater an der Effinger­strasse inszeniert der deutsche Regisseur Wolfgang Hagemann die deutschsprachige Fassung von Terence French. «Das Leben ändert sich schnell.»: So lautet der erste Satz des eindringlichen Monologes.

Glössner – klassisch modern gekleidet, wie man sie sonst auch kennt – erinnert sich in der Rolle von Joan Didion an den Tag, an dem ihr Mann vom Tisch kippte. Hatte er über den Ersten Weltkrieg oder über Whiskey gesprochen? Sie weiss es nicht mehr. John Gregory Dunne, der bekannte Journalist, Literaturkritiker und Drehbuchautor, erlitt einen Herzinfarkt. Zur gleichen Zeit lag die gemeinsame Adoptivtochter Quintana im Koma, nachdem sie einen septischen Schock erlitten hatte. Die Tochter sollte wieder erwachen, starb aber 2005 nach etlichen Krankenhausaufenthalten.

Die Sprache in «Das Jahr magischen Denkens» ist schnörkellos. Akribisch genau beschreibt Didion ihren Zustand, rezitiert medizinischen Jargon und spart nicht mit trockenem Humor. «Das sollten Sie sich merken: Wenn Sie einen Sozialarbeiter zugewiesen bekommen, sind Sie in Schwierigkeiten», sagt Glössner alias Didion direkt ins Pu­blikum.

Heidi Maria Glössner, die man aus dem Film «Die Herbstzeit­losen» (2006) auch von ihrer komischen Seite her kennt, spielt die Verzweiflung und den Wunsch, alles rückgängig zu machen, mit grosser Empathie für ihre Figur. Sie ist sichtbar empört über den Tod, den sie zuerst gar nicht wahrhaben will. Diese Weigerung ist der Beginn des magischen Denkens.

Die Autorin entnimmt den Begriff aus der Anthropologie. «Wenn wir die Jungfrau opfern, kommt der Regen zurück», so die Logik eines archaischen Volkes. Für Didion gilt: Wenn sie die Schuhe ihres Mannes nicht in die Kleidersammlung gibt, kommt er zurück.

Schmerz und Glanz

Dass Didions Leben nicht nur aus Schmerz besteht, sondern auch viel Glanz enthält, blitzt in einer kurzen Episode auf. Epische Musik erklingt, als sich die Trauernde kurz an ihre grosse Zeit in den Sechziger- und Siebzigerjahren erinnert. Etwa, wie sie 1964 in einem kurzen Seidenkleid heiratete. Oder wie sie barfuss einen Erstklassflug antrat, der sie an die Premiere von «Panik im Needle Park» (1971) brachte.Didion und Dunne hatten eng zusammen am Drehbuch gearbeitet. Doch Didion verbietet sich diese Erinnerungen, die sie in den Strudel der Trauer reissen, wie sie sagt.

Heidi Maria Glössners nuanciertes Spiel berührte an der Premiere, das Publikum und sie selbst. Im Programmheft erfährt man, dass sie und Didion einiges gemeinsam haben. So sind der Schauspielerin viele Orte, die im Stück vorkommen, vertraut. Als 19-Jährige machte sie sich auf nach Kalifornien und startete dort beinahe eine Filmkarriere. Es war die Liebe zu Europa und zum klassischen Theater, die sie schliesslich in die Schweiz zurückkehren liess.

Nächste Vorstellung: Montag, 26. August, 20 Uhr, im Theater an der Effingerstrasse, Bern.

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