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Ho Ho Ho Chi Minh!

Im Schlachthaus hat die Hommage des Clubs 111 an die 68er Premiere gefeiert. «Remake 68» pendelt zwischen Klamauk und wiedererwachtem Hunger nach Revolution.

Michael Feller
Die Alt-68er treffen im Stück «Remake 68» auf die Jungen: Sibylle Aeberli, Grazia Pergoletti (hinten), Saladin Dellers, Rahel Johanna Jankowski (vorne).
Die Alt-68er treffen im Stück «Remake 68» auf die Jungen: Sibylle Aeberli, Grazia Pergoletti (hinten), Saladin Dellers, Rahel Johanna Jankowski (vorne).
Yoshiko Kusano/PD

«All we need is love», singen sie und halten Schilder hoch. «Mach kaputt, was dich kaputtmacht» und «Ho Ho Ho Chi Minh». Sie diskutieren über Vordenker Marcuse – das kann ja heiter werden: In «Remake 68» sieht es zunächst so aus, als würde die Theatergruppe Club 111 die 68er auf längst ausgebleichte Klischees reduzieren, eine Verniedlichung, die der sozialen Bewegung nicht gerecht werden kann. Die 68er zu belächeln, ist heute ja ziemlich in.

Doch weit gefehlt. Das Stück von Gerhard Meister und Suzanne Zahnd biegt zwar formal zweimal ab, bevor die eigentliche Geschichte losgeht. Aber diesen Trip ins Reich der haarigen Revolutionäre, der Love-ins, der Musik und der fragilen Kommunenputzpläne nimmt das Publikum gerne hin.

Nach der ersten Grundierung mittels der wohlbekannten Hippiedevotionalien führt uns das fünfköpfige Schauspielteam (Sibylle Aeberli, Saladin Dellers, Rahel Johanna Jankowski, Philippe Nauer und Grazia Pergoletti) erst mal in eine bündige Geschichtslektion. Jetzt ist die Rede vom Weihnachtsgottesdienst 1968 im Berner Münster, als junge Revoluzzer die Kanzel stürmten.

Oder von Timothy Leary. Der US-Philosoph, der den Konsum von LSD propagierte, in Kalifornien aus dem Gefängnis floh und Anfang der 70er in die Schweiz. Der damalige US-Präsident Richard Nixon hatte ihn als «den gefährlichsten Mann in Amerika» bezeichnet. Im Berner Oberland, wo er sich vorübergehend niederliess, lernte er Polo Hofer kennen.

Meisterliche Hosenrolle

Diese und andere durchaus unterhaltsame Wissenshappen führen in den Kern der Geschichte: Dabei geht es um drei Alt-68er, die sich nach Jahren wiedersehen, um zu beraten, was sie mit der Asche ihres verstorbenen einstigen Mitstreiters Vinc anfangen sollen. Marianne, mittlerweile Ärztin, Dieter, mittlerweile steinreicher Banker. Und Break, der hängen gebliebene Drogenlaborant. Diese Figur allein ist der Besuch im Schlachthaus wert. Sibylle Aeberli, die wunderbar Gitarre spielende Schauspielerin, meistert die Hosenrolle meisterlich.

Die drei diskutieren über verlorene Ideale, und zwei junge Erwachsene mischen die Runde auf. Eine politisch engagierte Studentin und ein bleicher Gamer. Die beiden beneiden einerseits den revolutionären Geist, andererseits belächeln sie die Naivität, mit der die 68er glaubten, die Welt verbessern zu können. Nettes Detail: Der auf den ersten Blick unpolitische Gamer trägt einen schicken Turnschuh, den «Internationalist» von Nike. Die Ideale der 68er, verkommen zur Handelsware? Doch ausgerechnet der Gamer, der sich auch in ­alle Systeme hineinzuhacken weiss, zeigt zuletzt revolutionären Geist.

Die Asche von Vinc? Die fällt irgendwann auf den Teppich. Dafür geht es sonst drunter und drüber, zügig, witzig, in bester Club-111-Manier (Regie: Meret Matter). Nach eineinhalb Stunden verlässt man das Schlachthaus mit einem Hauch Revolutionslust – und der Gewissheit: Träumer zu belächeln, wenn man selbst keine Träume mehr hat, fühlt sich falsch an.

«Remake 68»: bis 10. 2. Schlachthaus-Theater Bern.

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