Bern

Via Schlachthaus zum Erfolg

BernVor 20 Jahren eröffnete das Schlachthaus-Theater seine Tore. Seither bot es unzähligen freischaffenden Künstlern eine Plattform. Zum Beispiel der Bernerin Ernestyna Orlowska, die gerade richtig durchstartet.

Auf das Schlachthaus-Theater  an­gewiesen: Ernestyna Orlowska.

Auf das Schlachthaus-Theater an­gewiesen: Ernestyna Orlowska. Bild: Raphael Moser

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Bern ist so: «Du gehst regelmässig ins Theater, bleibst nach der Show noch ein bisschen an der Bar, und nach einem halben Jahr kennst du alle, die etwas mit Theater oder Tanz zu tun haben.» Ernestyna Orlowska lacht. Die Bernerin mit polnischen Wurzeln weiss, wovon sie spricht. Innerhalb kürzester Zeit hat sie sich in der Theaterszene einen Namen gemacht – nicht zuletzt dank dem Schlachthaus-Theater, das ihr überhaupt erst eine Bühne für ihre Projekte bot.

Am Neujahrstag 2018 ist es genau 20 Jahre her, dass das Schlachthaus als subventioniertes Theater für freie Theatergruppen seine Bühne öffnete. Zuvor hatte es im Alten Schlachthaus zwar Aufführungen gegeben, die Gruppen mussten sich aber einmieten (siehe Box). Seither kann das Schlachthaus-Theater Künstler und Gruppen gezielt fördern. So wie Ernestyna Orlowska.

Wer will sich schon festlegen?

Orlowska ist gross, sehr schlank und bestimmt. Die 30-Jährige überlegt genau, was sie sagt, und nimmt doch kein Blatt vor den Mund. So sind auch ihre Stücke. Überlegt, treffend, auch mal schmerzhaft. Zum Beispiel «Ritalina», ein Jugendstück über Jugendliche mit ADHS, der oft diagnostizierten Aufmerksamkeitsdefizitstörung.

Für diese Idee gewann sie 2016 den Fördertopf Kicks des Schlachthaus-Theaters. Dieser Produktionsbeitrag war wichtig, weil er ihr überhaupt erst ermöglichte, ein eigenes Stück auf einer Bühne mit anerkanntem Namen zu produzieren. Das Stück wurde später ans Theaterspektakel Zürich eingeladen.

Fast gleichzeitig verhakte sie sich aber noch auf zwei ganz anderen Ebenen mit dem Schlachthaus: Sie hatte einen Auftritt am Performance Art Festival Bone und startete mit zwei Freundinnen das Format «Greller Keller» im Keller des Schlachthauses. Die drei waren damals Studentinnen an der Berner Hochschule der Künste. Mit dem Anlass wollten sie sich einen Ort schaffen, der experimentelle Performances ausserhalb der Schule zuliess. Das Schlachthaus bot Hand, stellte Technik zur Verfügung und übernahm die Werbung.

Orlowska steht damit für eine neue Generation von Theaterschaffenden. Sie arbeiten nicht mehr in fixen Gruppen, sondern finden projektbezogen zusammen und sind oft auch auf mehreren Ebenen gleichzeitig engagiert.

Gebucht wegen Instagram

In dieser Saison ist Orlowska nicht mehr bei «Greller Keller» dabei, das Format läuft aber weiter. Orlowska, die erst bildende Kunst studiert hat, zieht weiter, tritt mittlerweile in Deutschland, Österreich oder Grossbritannien auf. Im ­Februar ist aber erneut ein von ihr konzipiertes Jugendstück im Schlachthaus-Theater zu sehen «#wwwonderland» beschäftigt sich mit den sozialen Medien. Was bedeuten sie für Jugendliche, die nie etwas anderes gekannt haben? Wie sieht das Leben aus, wenn Kommunikationsformen plötzlich von Apps vorgegeben werden?

«Wir befinden uns in einem Netzwerk-Zeitalter», sagt Orlowska. Auch sie verwendet viel Zeit darauf. Es lohne sich: «Ich wurde dank Bildern auf Instagram auch schon als Performerin gebucht», sagt die Künstlerin. Braucht es da das Theater als Vermittlungsort überhaupt noch? «Ja, natürlich», sagt Orlowska. «Neben der virtuellen Erlebniswelt ist es wichtig, analoge Erlebnisse zu haben.» Kino hingegen findet sie überflüssig: «Da gehe ich nie hin, Filme kann ich ja auch zu Hause haben», sagt sie.

Doch meistens kommt sie auch dazu nicht. Ernestyna Orlowska ist ein Work­aholic, sie reiht Theaterstück an Performance an Kunstinstallation. «Ich weiss gar nicht, was ich in meiner Freizeit machen soll», sagt sie. Immerhin: Im Theater ist sie auch als Zuschauerin noch ab und zu anzutreffen. «Wenn ich jemanden kenne, der etwas macht». Und das sind mittlerweile viele.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 01.01.2018, 18:52 Uhr

Im Januar wird gefeiert

Es war das Ende eines jahrelangen Kampfs: Vor 20 Jahren öffnete das Schlachthaus-Theater seine Tore. Lange hatte die Freie Szene zuvor ein Theaterhaus verlangt. Das Alte Schlachthaus sollte subventioniert werden, sodass es nicht mehr von Theatergruppen gemietet werden müsste und Gagen zahlen könnte.

Seit Beginn ist das Schlachthaus-Theater auf freie Theatergruppen ausgerichtet. Es zeigt neben Erwachse­nentheater auch Kinder- und Jugendstücke. Das Haus ist gut ausgelastet. Eine ­wichtige Veränderung sei aber die Gruppenstruktur, sagt Leiterin Maike Lex. «Während Theatergruppen vor einigen Jahren fast nur in fixen Kollektiven auftraten, sind die jungen Theaterschaffen-den von heute Profis im Netzwerken und arbeiten punktuell in ganz verschiedenen Rollen mit verschiedenen Personen zusammen».
Sein 20-Jahr-Jubiläum feiert das Schlachthaus-Theater vom 11. bis 14. Januar mit verschiedenen Ver­anstaltungen. bol

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