Eine Mischung aus Soziologie und Satire

Am Freitag feierte der Club 111 mit seinem neuen Stück «Hotel Kosmos» im Schlachthaus Theater Premiere und präsentierte eine politisch aufgeladene Geschichte.

Das Stück «Hotel Kosmos» handelt von Migraton, Rassismus, Sexismus – gezeigt anhand eines Berner Hotels.

Das Stück «Hotel Kosmos» handelt von Migraton, Rassismus, Sexismus – gezeigt anhand eines Berner Hotels.

(Bild: zvg/Yoshiko Kusano)

Der Club 111, der letztes Jahr sein 25-jähriges Bestehen feierte, hatte schon immer das richtige Gespür für Sprengstoffe. Der einzige Nachteil dieses Mal ist, dass Regisseurin Meret Matter und ihr Ensemble so viel Zunder in ihr neues Stück gepackt haben, dass einem die Message geradezu um die Ohren kracht.

«Hotel Kosmos» handelt von Migration, Rassismus, Sexismus, kapitalistischer Ausbeutung und von den Brettern, die wir alle in unterschiedlichem Abstand vor dem Kopf haben. Aufgezeigt werden diese Themen anhand eines Berner Hotels, in dem, so die Chefin, «alle Menschen willkommen sind, egal woher sie kommen».

Die Frage dabei ist natürlich, wer den richtigen sozialen Status, die richtige Hautfarbe und genug Geld hat, um auch bleiben zu können.

Identitäten hinterfragen

Damit das Publikum die Kehrseite dieser Gastfreundschaft sieht, findet das Theater nicht nur in der Lobby statt. Ausländerausweise an den Sitzen, vom fragilen blauen F- bis zum hellgrünen C-Ausweis, teilen das Publikum in mehrere Gruppen auf, die dann in verschiedene Räume des Schlachthaus-Theaters geführt werden. Dabei erhält man Einblick in ein Personalzimmer des Hotel Kosmos und erfährt, wer sich dort im Schrank versteckt.

Unter dem Dach kann man für einige Momente der Schicksalsgemeinschaft von zwei Frauen beiwohnen, die beide nur auf der Durchreise sind in der Schweiz: die eine ein ziemlich privilegiertes Opfer der Multioptionsgesellschaft, die andere eine politische Journalistin, die alles aufs Spiel setzt. Identitäten werden vorgeführt und dann sofort hinterfragt.

Wo ist die Würde?

«Hotel Kosmos», das von Meret Matter und Raphael Urweider in Zusammenarbeit mit dem ganzen Ensemble entwickelt wurde, dreht den politischen Lautstärkeregler bis an den Anschlag. So weit, so wichtig.

Leider kann sich das Stück bei aller Wucht nicht entscheiden, ob es nun eine Soziologielehrstunde oder eine Satire sein will. Fast scheint es, als ob die Macherinnen und Macher der Kraft des Theaters nicht vertrauen und stattdessen die Dialoge mit -Ismen füllen bis zum kognitiven Kollaps.

Dabei erreicht «Hotel Kosmos» sein Ziel zuweilen durchaus: In einer der stärksten Szenen wohnt das Publikum einer Begegnung zwischen einem Zimmermädchen aus Syrien (Rula Badeen) und einem Deutschen Geschäftsmann (Michael Rath) bei.

Innerhalb weniger Minuten entspinnt sich eine beklemmende Dynamik zwischen den beiden, die nicht nur die dreckige Kehrseite der Schweizer Luxushotelindustrie aufzeigt, sondern auch erfahrbar macht, wie wenig Würde und Handlungsspielraum gewisse Menschen mitten in unserer Gesellschaft haben.

Grosse Dosis Sarkasmus

Privilegien sind unsichtbar für jene, die sie besitzen, schrieb der US-Soziologe Michael Kimmel. «Hotel Kosmos» hat sich offensichtlich vorgenommen, wenigstens einige dieser unverdienten Vorteile sichtbar zu machen. Mit furioser Energie gelingt dies Ntando Cele, die wie alle anderen Ensemble-Mitglieder in mehreren Rollen zu sehen ist.

In präzis geschossenen Sätzen und mit einer grossen Dosis Sarkasmus führt sie die Ignoranz und den scheinbar beiläufigen Rassismus ihrer Co-Darsteller vor und weist entnervt darauf hin, dass sie überhaupt nicht vorhabe, ewig in der Schweiz zu bleiben. So toll sei es hier schliesslich auch nicht.

Das Stück von Club 111 mag einigen zu direkt und zu wütend vorkommen. Die Schweizerinnen und Schweizer haben es ja gern subtil. Aber vielleicht ist auch das ein Stereotyp, das wir dringend mal über den Haufen werfen sollten.

Berner Zeitung

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