Tauchgang in das heuchlerische Leben

Erotik im Wald, Verlogenheit in Weiss: Konzert Theater Bern zeigt Wagners Oper «Tannhäuser» in einer charakterstarken Inszenierung von Calixto Bieito.

Männlichkeitsritual: Tannhäuser (Daniel Frank) sucht neuen Halt in der menschlichen Welt.<p class='credit'>(Bild: Philipp Zinniker)</p>

Männlichkeitsritual: Tannhäuser (Daniel Frank) sucht neuen Halt in der menschlichen Welt.

(Bild: Philipp Zinniker)

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert. So könnte man das nennen, was sich zwischen dem Minnesänger Tannhäuser und der Liebesgöttin Venus abspielt. Zusammen leben sie im Venusberg, dem Tempel der Lust – oder dem Sündenpfuhl, je nach Betrachtungsweise. Da ist Hingabe, da ist Rausch, da ist Sinnlichkeit.

Da ist aber auch diese Sehnsucht nach Unschuld, die Tannhäuser umtreibt, nach saftigen Wiesen und Gemeinschaft. Er will zurück ins normale Leben. Venus will ihn nicht ziehen lassen, verführt ihn ein weiteres Mal, kann ihn aber nicht halten. Er verlässt sie.So beginnt die Oper «Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg» von Richard Wagner.

Das 1845 in Dresden uraufgeführte Werk spielt Anfang des 13. Jahrhunderts und beruht auf der Sage des Ritters Tannhäuser, beschrieben auch in der Tannhäuser-Legende von Heinrich Heine (1836) oder in Ludwig Tiecks «Der getreue Eckart und der Tannhäuser» (1793). Wie oft bei Wagner, muss man als Zuhörer Zeit und Sitzleder mitbringen.

Viereinhalb Stunden inklusive zweier Pausen heisst das für Bern. Doch Konzert Theater Bern ist gewappnet: Es gibt während der Pause ein Zwei-Gang-Menu für jene, die frühzeitig reserviert haben, für die anderen stehen Sandwiches und Gulaschsuppe bereit.

Wald und weiss

Der 53-jährige katalanische Regisseur Calixto Bieito – der 2013 bereits Händels «Il trionfo del tempo e del disinganno» in Bern inszenierte – versetzt das Werk in eine unbestimmte Gegenwart, geprägt von einer kalten und stereotypen Gesellschaft. Die Welt der Venus ist eine düstere: Ein finsterer Wald, in dem sich grosse Zweige langsam im Kreis drehen. Der Boden schwarz und nass (Bühne: Rebecca Ringst).

Kon­trastierend dazu die menschliche Welt, in der Tannhäuser nach seiner Flucht vor Venus neuen Halt sucht: Steril und weiss ist es da, und Tannhäuser wird erst mal nicht mit offenen Armen empfangen. Seine ehemaligen Sängerkollegen nehmen ihm sein Verschwinden übel und auch die Tatsache, dass jene Frau, die alle verehren, noch immer nur an Tannhäuser denkt: Elisabeth.

Er muss erst ein archaisches Ritual über sich ergehen lassen, bevor er wieder einer von ihnen ist: Die Männer beschmieren sich gegenseitig mit Blut und klopfen sich wie Gorillas auf die nackte Brust. Dann: Pause Nummer eins. Wer sie an der frischen Luft verbringt, erlebt gleich ein weiteres Männlichkeitsritual – SCB-Fans ziehen grölend am Kornhausplatz vorbei.

Während draussen die Hockeyfans siegessicher zu ihrem Tempel marschieren, erlebt Tann­häuser nach der Pause allmählich seinen Niedergang. Die Wiedersehensfreude mit Elisabeth ist von kurzer Dauer. Als alle erfahren, dass Tannhäuser im Venusberg war und er schliesslich bei einem Sängerwettstreit alle auffordert, es ihm gleichzutun, wird er zum Sünder.

Und Elisabeth, die sich schützend vor ihn stellt, besiegelt damit ihr Schicksal gleich mit. So kommt es nach der zweiten 30-Minuten-Pause, wie es kommen musste: Tannhäuser wird verbannt, Elisabeth wird gesellschaftlich geächtet und findet erst im Tod ihren Frieden.

Kein Klotzen

Bieito, oft als «Skandalregisseur» betitelt, könnte bei dieser Vorlage aus dem vollen Schöpfen. Er könnte klotzen mit Sex, Blut und Gewalt. Er tut es aber nicht. Vielmehr spielt er subtil mit dem Gegensatz der beiden Welten, lenkt die Aufmerksamkeit auf die heuchlerische Gesellschaft, vor allem aber auf die innere Zerrissenheit Tannhäusers. Das ist einer, der an sich und der Welt zweifelt, der nicht weiss, was er will und nicht findet, was er sucht. Nicht bei Venus und auch nicht bei Elisabeth.

Am wenigsten bei sich selbst. Daniel Frank ist dafür eine grossartige Besetzung: Er geht körperlich und stimmlich an seine Grenzen, sein Tenor ist bernsteinfarben warm und äusserst wendig. Mal ist sein Gesang bestechend klar, mal verliert er sich im verzweifelten Schrei. Diese Rolle verlangt dem Sänger einiges ab, und man sieht Frank im Schlussapplaus die Anstrengung an.

Claude Eichenberger ist eine charismatische Venus, stimmlich wie darstellerisch schillernd. Den einen oder anderen Herrn im Publikum sieht man bei ihrer erotischen Einlage im schwarzen Negligé verlegen im Programmheft blättern.

Etwas blasser wirkt dagegen Liene Kinca als Elisabeth. Die Sopranistin steigert sich im Verlauf des Abends aber und lotet schliesslich mit ihrem hellen Sopran die inneren Wirren der Figur uneitel und eindrücklich aus. Überhaupt kann Bieito auf ein hervorragendes Ensemble zählen, das seine Vision verstanden hat und bis in die kleinste Bewegung mitträgt.

Und wie muss man als Orchester diesem wilden musikalischen Ritt begegnen? Dieser chromatischen Gefühlsachterbahn, dem Überfluss an Bildern, Pomp und Klanglichkeit? Zum Beispiel so, wie Kevin John Edusei und das Berner Symphonieorchester es tun: Selbstbewusst und umsichtig formen sie einen vollmundigen Klang, der das Gesangsensemble über drei Akte und Stunden trägt.

Die Gulaschsuppe – und den ausdauernden Applaus – hat sich dieser Berner Tannhäuser verdient.

Weitere Vorstellungen: Bis 30. April, Stadttheater, Bern.

Berner Zeitung

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