Ein vierstündiges Experiment

Kann man den Roman «Der Mann ohne Eigenschaften» von Robert Musil auf die Bühne bringen? Eigentlich nicht. Das Stück mutet denn auch wie ein Versuch an.

«Der Mann ohne Eigenschaften» fordert sowohl Schauspieler als auch Publikum: Gabriel Schneider (rechts) als Hauptfigur Ulrich und Florentine Krafft als dessen Schwester.

«Der Mann ohne Eigenschaften» fordert sowohl Schauspieler als auch Publikum: Gabriel Schneider (rechts) als Hauptfigur Ulrich und Florentine Krafft als dessen Schwester.

(Bild: PD/KTB)

Helen Lagger@FuxHelen

Das Chaos herrscht von Anfang an. Das aus Kuben zusammengesetzte Bühnenbild – ein Ausschnitt aus einem Fernand- Léger-Gemälde – wird in Stücke gehauen. Der Held liegt klatschnass im strömenden Regen, und die eingespielte Musik sorgt für Textlücken.

«Es war ein schöner Augusttag des Jahres . . .», rezitiert jemand, ohne den Satz zu Ende sprechen zu können. Es ist ein Satz aus Robert Musils unvollendetem Roman «Der Mann ohne Eigenschaften», der heissen müsste: «Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.»

In welchem Jahr die Handlung im Stück tatsächlich spielt, bleibt über weite Strecken der Fantasie der Zuschauer überlassen. Die Kostüme sind mal der Belle Epoque, mal den Zwanzigerjahren oder auch den Siebzigern entlehnt.

Themen sind topaktuell

Wie heutig Musils Figuren und Gedanken anmuten, ist ebenso komisch wie ­erschreckend. Spiessbürger, Aussteiger, Kriegsgurgeln – das kennen wir doch bestens. Regisseur Sebastian Klink hat für Konzert Theater Bern aus den 1700 Seiten eine 150 Seiten lange Fassung geschrieben.

Klink war künstlerischer Assistent von Frank Castorf und Regisseur an der Volksbühne Berlin. Der Einfluss des deutschen Enfant terrible ist deutlich spürbar. Castorf ist bekannt für Inszenierungen, in denen Texte als Versatzstücke genutzt werden. Er kürzt, zensiert und dreht durch den Fleischwolf, wobei auch Film und Musik eine wichtige Rolle zukommt.

Genau das macht Klink nun mit Musils Text. Man müsse an so einem Stoff bewusst scheitern, heisst es im Programmheft, als wolle man vorab der Kritik den Wind aus den Segeln nehmen.

Auf Ballast hätte man gern verzichtet

Überforderung und Überbordung sind denn auch Programm. Eine Livekamera spielt laufend mit verschiedenen Perspektiven, ein Fragment wird an das nächste gereiht, Kapitel in absurder Reihenfolge werden eingeblendet, die Darsteller spielen zum Teil mehrere Rollen und fungieren abwechselnd als kommentierende Erzähler.

Ja, es gibt viel Ballast in dieser fast vierstündigen Inszenierung. Etwa die Videoaufnahmen, in denen die Schauspieler in historischen Kostümen oder Bademänteln durch bekannte Orte Berns wandeln, an Longdrinks nippen oder Zigarren rauchen. Eine Art Making-of? Darauf könnte man getrost verzichten.

Und doch lohnt sich das Ausharren auf unbequemen Stühlen. Einerseits weil die Inszenierung Musils Sprache wirken lässt, und anderseits weil ein paar grossartige Darsteller am Werk sind. Ensemblemitglied Gabriel Schneider spielt mit Dringlichkeit und Empathie die Hauptperson Ulrich. Diesem verlieh Robert Musil seine eigenen Züge.

Ulrich ist einer jener im Roman beschriebenen «Möglichkeitsmenschen», die man auch Träumer, Schwächlinge oder Besserwisser nennt. Ulrich hat keinen Plan im Leben und pflegt ein inzestuöses Verhältnis zu seiner Schwester (Florentine Krafft). Er hat insofern keine Eigenschaften, weil er sich auf nichts festlegen möchte.

Er ist gewissermassen ein Vorläufer für kommende, ratlose und ideologiefreie Generationen. Drei Studierende der Hochschule der Künste (David Brückner, Luise Schneider, Sebastian Schulze) spielen auf Augenhöhe mit etablierten Schauspielern (Chantal Le Moign, Stéphane Maeder).

Aufstrebende wie Etablierte tragen in ihrem Spiel teilweise zu dick auf. Wohltuend zurückhaltend agiert Nico Delpy als zwiespältiger Intellektueller namens Arnheim, der sich im «Barockzauber Wiens vom Materialismus erholen will».

Was ist gut, was böse?

Die stärkste Bühnenpräsenz des Abends hat Ensemblemitglied Marie Popall in der Rolle der stets nahe am Wahnsinn balancierenden Clarisse. Egal, ob sie frenetisch Nietzsche zitiert, zu Kate Buschs Song «Wuthering Heights» tanzt oder mit Gewalt ein Kind von Ulrich einfordert – man schaut dieser Schauspielerin fasziniert zu.

Sie ist mit Ulrichs Jugendfreund Walter verheiratet und besessen, den Frauenmörder Moosbrugger zu rehabilitieren. Wolf und Schaf beziehungsweise Moosbrugger wie Walter werden von demselben Schauspieler (Jonathan Loosli) dargestellt.

Was ist gut und was ist böse? Ein Leitmotiv im Stück ebenso wie die Frage Krieg oder Frieden, die Musils Protagonisten kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs umtrieb. «Wir leben in einer Durchgangszeit. Wir galoppieren und sehen unsere Ziele noch nicht», heisst es irgendwann. Ein Satz, der passt. Auch ins Jahr 2018.

Nächste Vorstellung: Mittwoch, 26. 9., ­Vidmar 1. Weitere Infos auf konzerttheaterbern.ch.

Berner Zeitung

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