Ein Talent bei der «Viehschau»

Die Konkurrenz ist gross, die glamourösen Karrieren sind rar. Wie lancieren die Berner Schauspielstudenten ihre Laufbahn? Das Beispiel von Julian Koechlin zeigt: Nebst viel Talent hilft Demut, Vernetzung – und die Lust, sich selbst zu googeln.

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Technikfan und Rampensau: Julian Koechlin, talentierter Abgänger der Berner Schauspielklasse.

(Bild: Raphael Moser)

Michael Feller@mikefelloni

Es wird geflucht, onaniert, geliebt und gestorben. Im 10-Minuten-Takt wechseln in der Kammerbühne Vidmar+ im Liebefeld die Szenen. Der knapp zweistündige Theaterabend macht den Auftakt zur Vorsprechsaison: Die Schauspielschülerinnen und Schauspielschüler der Hochschule der Künste Bern (HKB) zeigen, was sie können.

Mit diesem Programm wird der Abschlussjahrgang in den nächsten Wochen in Zürich, München, Neuss und Berlin auftreten. Jeder in der Hoffnung, eine Intendantin oder ein Schauspiel-Spartenleiter habe gerade auf ihn ­gewartet. In Solo- oder Zweipersonenszenen versuchen die elf jungen Frauen und Männer, möglichst viele Facetten ihres Könnens in die Vorstellung zu packen.

Jeder darf dreimal

Man wähnt sich im Schüttelbecher der Theatergeschichte. Ausschnitte aus Werken von Euripides, Shakespeare und Schiller wechseln sich ab mit modernen Stücken – Wolfram Lotz, George F. Walker, Christopher Durang. Dreimal tritt jeder auf. Einige glänzen einmal und überzeugen dann weniger. Einer, der nach dem unterhaltsamen Theaterabend in Erinnerung bleibt, ist Julian Koechlin.

Erst als Gitarre spielender Hamlet, dann als schmieriger Zuhälter und zuletzt mit Slapstikeinlagen als Zettel («Sommernachtstraum») zeigt er Talent. Und dieses Talent ist nicht unbemerkt geblieben. Im Spielfilm «Lasst die Alten sterben» des Berner Regisseurs Juri Steinhart – ab Donnerstag im ­Kino – spielt er eine grosse Rolle. Diverse weitere Filmprojekte stehen an. Doch selbst beim Überflieger des Jahrgangs ist ungewiss, ob die erhoffte Karriere als Schauspieler gelingt.

Bei all der Ungewissheit: Wie nimmt man seine Karriere in die Hand? Wir treffen Julian Koechlin in einem Café in Bern. «Ich kann mich glücklich schätzen», sagt der 25-jährige Basler. Seine ersten Erfolge haben ihm Selbstbewusstsein gegeben, ohne die Demut zu nehmen.

Kindheitstraum Kameramann

Die Schauspielerei war kein Kindheitstraum. Zunächst interessierte sich Koechlin für andere Jobs im künstlerischen Umfeld. «Erst wollte ich Kameramann werden, dann Masken­bildner.» Nach der Matura ab­solvierte Koechlin ein Praktikum am Theater Neumarkt – als Theatertechniker. Weil ihm viel Zeit blieb, sprach er bei den Theaterschulen vor.

Bern war die siebte und letzte Station, und hier klappte es, er wurde aufgenommen. Das war 2013. Jetzt, gut vier Jahre später, ist es an der Zeit abzuspringen. Koechlin steht am selben Punkt wie seine Kollegen: Die nächste Station ist ungewiss. Sein Vorteil ist, dass er nicht ausschliesslich auf das Theater setzen muss.

Wie ergab sich der Einstieg in die Filmszene? «90 Prozent ist Glück», sagt Koechlin. Wer einmal die Aufmerksamkeit der drei Schweizer Casterinnen auf sich gelenkt hat, habe es leichter. Eine Rolle im Fernsehfilm «Lina» (2015) war sein Startschuss. Nach «Lasst die Alten sterben» wird er auch in der neuen SRF-Serie «Wilder» eine tragende Rolle spielen.

Wichtig sei aber auch die Internetpräsenz. «Ich habe es mir zu meiner wichtigsten Neben­beschäftigung gemacht, meine Website zu aktualisieren», sagt Koechlin. «Ich google mich auch oft», gibt er zu, «man muss von der Seite der Caster denken.» Er ist überzeugt, dass ein stets aktualisierter Auftritt im Netz letztlich dazu führe, für Castings eingeladen zu werden. Für ihn kommt die Selbstvermarktung in der Ausbildung zu kurz.

Grosse Konkurrenz

Verlassen die Studierenden die Schauspielschule, wartet ein harter Alltag auf sie. Und der ist in den meisten Fällen näher bei der Armut als beim erträumten Glamour. Denn viele gut ausgebildete Arbeitskräfte reissen sich um wenige Jobs, wovon wiederum nur wenige gut bezahlt sind. Das zeigt sich schon in Bern: Ein knappes Dutzend Studierende verlassen die Hochschule – jedes Jahr.

In derselben Stadt hat Konzert Theater Bern ein Schauspielensemble, das nur wenig grösser ist. Die staatlichen Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz entlassen rund jedes Jahr 200 Schauspielerinnen und Schauspieler. Dazu kommen noch einmal etwa 400 Absolventen privater Schulen.

Bildet die HKB zu viele Schauspieler aus? Studiengangsleiter Wolfram Heberle widerspricht und verweist auf den grossen Ar­beitsraum, der das ganze deutsche Sprachgebiet umfasst. Zwar würden vielerorts Ensembles verkleinert und Theater geschlossen. «Demgegenüber ist das Auftragsvolumen in anderen Bereichen wie Film und Fernsehen grösser geworden», sagt er. Und: «In der Schweiz ist das Niveau der freien Szene sehr gut.» Für Schauspieler bedeutet dies, dass es viel interessante Arbeit jenseits der Stadttheaterstrukturen gibt.

Flexibilität gefragt

Dennoch lautet für die meisten Abgänger das Ziel: Erst mal ein ­festes Theaterengagement. Laut Wolfram Heberle erreichen dies ja nach Jahr zwischen 50 und 100 Prozent der Berner Abgänger. Die Zahl der Studierenden, die von Anfang an eine freischaffende und flexible Arbeitssituation anstreben, nehme zu. «Das entspricht auch den Veränderungen im Berufsfeld Theater.»

Er warnt auch seine Studierenden davor, ausschliesslich auf eine Laufbahn mit Ensemble-Engagements zu setzen. «Nach dem zweijährigen Anfängervertrag wird man teurer. Und ist dann schnell durch einen neuen Abgänger ersetzt.» Darum vermittelt die HKB das Ziel, sich möglichst breit aufzustellen. «Entscheidend ist am Schluss nicht, wer einen Vertrag in einem Stadttheater hat. Entscheidend ist: Wer hat Arbeit?»

Entscheidend sei letztlich eine gute Vernetzung. «Wie Julian ­Koechlin bereits während des Studiums Kontakte geknüpft hat, ist sehr gut», findet Heberle. Künftig will die HKB die Ausbildung noch näher mit den Theatern verknüpfen, die Studierenden sollen die Komfortzone früher verlassen. «Der Übergang vom Studium in das Berufsleben muss fliessender werden», sagt er.

Auch wenn Julian Koechlin bereits eine mit Drehterminen gefüllte Agenda hat: Für ihn hat nun ein Engagement in einem Theaterensemble erste Priorität, darum gibt er auch bei der «Viehschau», wie er das Vorsprechen nennt, Vollgas. Am liebsten ginge er nach München oder Hamburg. «In Berlin fürchte ich unterzugehen.» Toll wäre ein Vertrag, mit dem er seine Filmkarriere parallel fortsetzen könnte.

In der Premiere des Vorsprechprogramms sass auch Cihan Inan, der Schauspielchef von Konzert Theater Bern. Es ist sein erklärtes Ziel, interessante HKB-Abgänger in sein Ensemble zu holen. «Ich habe den einen oder anderen guten Schauspieler gesehen», sagt er. Ob auch Julian Koechlin auf seinem Wunschzettel fürs Berner Ensemble steht, verrät er nicht.

Berner Zeitung

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