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Ein Schacht ins Nichts

Abgründig ja, Sog nein: Ein neuer alter Bärfuss wird bei Konzert Theater Bern zur zähen Kost.

In blindwütiger Geschwisterliebe sperrt Klaus (Stéphane Maeder) seine Schwester Edith (Irina Wrona) ein.
In blindwütiger Geschwisterliebe sperrt Klaus (Stéphane Maeder) seine Schwester Edith (Irina Wrona) ein.
Philipp Zinniker

Dass es so was gibt: Der Thuner Lukas Bärfuss ist der grosse Schweizer Dramatiker dieser ­Tage – und da gibt es tatsächlich ein Stück von ihm, das hierzulande noch nie aufgeführt wurde.

Zur Premiere der «Reise von Klaus und Edith durch den Schacht zum Mittelpunkt der Erde» stellte sich in der Liebefelder Vidmarhalle also die Frage: Hat Konzert Theater Bern eine Trouvaille aus dem Frühwerk des ­Autors ausgegraben, einen wilden Bärfuss?

Dunkles Geheimnis

Im 2001 in Bochum uraufgeführten Werk setzt uns Bärfuss ein Psychogeschwisterpaar vor. Ein dunkles Geheimnis hat Edith (Irina Wrona) in den Wahnsinn und in die Anstalt getrieben. Bruder Klaus (Stéphane Maeder) weicht seit ihrem Aufenthalt in der Psychiatrie nicht mehr von ihrer Seite. In blindwütiger ­Geschwisterliebe schliesst er sie in seiner Wohnung ein, schlägt sie und zwingt sie zum Gehorsam.

Etwa, wenn er mit ihr zu einer ­literarischen Soiree gehen will. Sie sträubt sich, was ihr einen blutigen Fuss einbringt, doch humpelt sie mit. Draussen treffen sie auf einen betrunkenen Musiker, der Edith das Gefühl der Liebe zurückbringt. Wie die anderen Nebenfiguren, die singende Taschendiebin, die Ärztin, die Kommissarin, erscheint er unfassbar.

Lukas Bärfuss bezeichnet die Nebenfiguren in der Vorlage als «Geister». Und so inszeniert sie Claudia Meyer: als Albtraum­gestalten, die das psychische Verderben der Protagonisten ins ­Unheimliche, Dunkelste steigern (Patricia Rotondaro, Gabriel Schneider, Nathalie Thiede).

Claudia Meyer verlegt die Szenerie in eine verlassene Indus­triehalle. Ein grossartiges Bühnenbild. Es hat ein rostiges Garagentor, eine Rampe in den Untergrund und zerborstene Scheiben. Die unwirtliche Umgebung ist ein gut gewählter Schauplatz für das Sezieren der menschlichen Abgründe. Nur leider schafft es das schöne Drumherum nicht, den Abend zu retten.

Treten auf der Stelle

Auch wenn man Irina Wrona und Stéphane Maeder gerne bei der Arbeit zusieht: Glaubwürdig ist das Geschwisterpaar nicht. Maeder wird zwar per Perücke zu einem Mike-Müller-Lookalike verjüngt, und doch wirkt er zu ­väterlich neben Wrona. Das liegt vielleicht auch am bemerkenswert hässlichen Pullunder (Kostüme: Barbara Kurth).

So lautet nach 100 Minuten die Antwort auf die Frage nach der ausgegrabenen Trouvaille: nein. So düster die Reise mit Klaus und Edith ist, so seltsam kalt lässt einen die Inszenierung von Claudia Meyer, auch wenn stellen­weise Ansätze echter Beklemmung zu spüren sind. «Er will nicht wahrhaben, dass das Leben nichts ist, denn dahinter lauert der Tod», sagt Edith.

Einige starke Sätze sind da, doch letztlich hat auch die Sprache erstaunlich wenig Sog. Liegt es an der Inszenierung von Claudia Meyer, die in dieser Saison bereits bei Fassbinders «Katzelmacher» langatmig inszenierte? Oder liegt es doch an der Vorlage?

Jüngere Bärfuss-Stücke wie «Malaga», «Zwanzigtausend Seiten» oder «Frau Schmitz» unterscheiden sich wesentlich von der «Reise von Klaus und Edith». Heute ist Bärfuss ein Autor von glasklaren Sätzen, aus dem Mund von Protagonisten, deren Wandlung berührt.

Im Bärfuss von 2001 scheinen Klaus, Edith und ihre Geister auf ihrem Weg in die Tiefen der Seele auf der Stelle zu treten.

Weitere Aufführungen: bis 29.6. Vidmarhalle, Liebefeld. www.konzerttheaterbern.ch.

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