Ein Missverständnis endet tödlich

Konzert Theater Bern zeigt Albert Camus’ «Das Missverständnis» als modernes Gleichnis: Die Protagonisten reden aneinander vorbei und stossen sich damit ins Elend. Die Premiere in den Vidmar-Hallen war beklemmend.

Martha (Irina Wrona) und Mutter (Heidi Maria Glössner) töten Jan (Nico Delpy) im Schlaf.<p class='credit'>(Bild: Tanja Dorendorf)</p>

Martha (Irina Wrona) und Mutter (Heidi Maria Glössner) töten Jan (Nico Delpy) im Schlaf.

(Bild: Tanja Dorendorf)

Risse gehen mitten durchs Bühnenbild. Sie stehen für die tiefen Wunden der Protagonisten, aber auch für die gespaltene Familie: Jan (Nico Delpy) hat seine Schwester Martha (Irina Wrona) sowie seine Mutter (Heidi Maria Glössner) vor Jahren verlassen, um im Ausland sein Glück zu finden.

Nun ist er zurückgekehrt in deren Gasthaus. Doch zunächst will er sich nicht zu erkennen geben. Sein Wunsch ist, dass er erkannt wird. Was er nicht weiss: Die beiden Frauen wollen ihn gar nicht zu genau anschauen, denn sie haben vor, ihn in der Nacht zu ermorden, um sein Geld an sich zu reissen.

In Gegenwart überführt

Dass das tödliche Ende unvermeidlich ist, steht von Anfang an fest. Albert Camus hat sein Stück «Das Missverständnis» als Gleichnis geschrieben: Er verfasste es 1941 im besetzten Frankreich. Mit der Geschichte wollte er seinen Mitstreitern der Résistance vor Augen halten, dass sie sich bekennen sollen: zueinander, zu ihren Werten, zur Wahrheit.

Das klingt nach einer Geschichte, die in ihrer Zeit ver­haftet ist und uns wenig angeht. Regisseurin Claudia Meyer präsentiert das Stück, das zurzeit in den Vidmar-Hallen zu sehen ist, jedoch als Analogie zur Gegenwart. Die Figuren schaffen es nicht, den Kontakt zueinander zu finden, weil sie zu sehr auf ihre eigenen Ziele fokussiert sind. Weil Jan aus einem fernen Land kommt und scheinbar keine Angehörigen in der Nähe hat, fällt es Martha und der Mutter leichter, ihn umzubringen. Zurück bleibt Jans Ehefrau Maria (Marie Popall), die nun in einem fremden Land ihren Weg suchen muss. Wenn sie dem Diener des Gasthauses (Michael Wilhelmi) verzweifelt zuruft: «Haben Sie Mitleid! Helfen Sie mir!», dann ist das auch eine Erinnerung an die vielen Flüchtlinge, die in Europa stranden. Die Antwort des Knechts ist – wenig überraschend – ein laut entgegengeschleudertes «Nein!».

Die schauspielerische Leistung der drei Hauptdarsteller beeindruckt. Insbesondere Irina Wrona als Martha ist eine Wucht. Sie strahlt mit ihrem ganzen Körper Verbitterung aus. Heidi Maria Glössner spielt die zwischen Mitgefühl und Geldgier schwankende Mutter mit angenehmer Zurückhaltung und lässt deren Resignation deutlich spürbar werden. Die beiden tragen einfache, altmodische Kleider in Grau und Braun sowie schwere Arbeiterinnenschuhe. So unterstreichen die Kostüme (Barbara Kurth) die durchwegs deprimierende Stimmung. Und Nico Delpy überzeugt als leicht naiver Jan, der trotz zunehmender Zweifel daran festhält, seine Identität zu verheimlichen.

Fantastisches Bühnenbild

Das Bühnenbild von Konstantina Dacheva stiehlt den Schauspielern jedoch die Show. Fast das gesamte Stück spielt in einem ärmlichen Zimmer, das die Essenz des Stücks wunderbar einfängt. Camus schrieb zu seiner Geschichte: «Ich lebte damals im Gebirge im Innern Frankreichs. Diese historische und geografische Lage mag die Klaustrophobie hinreichend erklären, an der ich damals litt und die sich in diesem Stück widerspiegelt.» Spätestens wenn gegen Ende der Vorstellung der Bühnenboden im Trockeneis verschwindet, das sich wellenförmig ausbreitet, kann sich kein Zuschauer mehr der beklemmenden Wirkung dieses Stücks entziehen – und den Fragen nach Ehrlichkeit, die es aufwirft.

Weitere Vorstellungen: bis 1. 5., Vidmar 1, Bern.

Berner Zeitung

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