Ein Künstler auf der Bühne und im Bett

Nebenberuf Callboy: Daniel Hellmann zeigt in seiner Auawirleben-Performance Qualitäten als Verführer – und Sänger.

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Wie er da auf einer Schaukel über uns schwebt, könnte man meinen, er schaue überheblich auf uns herab. Doch gleich­zeitig erinnert die Szene an die Schaufenster im Amsterdamer Rotlichtmilieu. Denn Daniel Hellmann, der da schaukelt, ist auch Phil. Und Phil ist Callboy.

Der Zürcher Schauspieler und Sänger ist mit seiner Soloperformance am Theaterfestival Auawirleben im Schlachthaus zu Gast. Er beginnt zu erzählen. Manche sagen, er spiele etwas vor. Er prostituiere sich gar nicht, oder er beschönige seinen Nebenjob. «Dabei habe ich doch jahrelang etwas vorgespielt», sagt er trocken.

Mit 23 prostituiert sich Daniel Hellmann zum ersten Mal. Vom «Taschengeld», das ihm der zwanzig Jahre ältere Mann anbietet, kauft er ein Paar Turnschuhe. Erst lässt er das Publikum im Glauben, dass der Oralsex schrecklich gewesen sei. «Habt ihr das jetzt geglaubt?», fragt er lachend und stellt klar: Ihm macht Sexarbeit Spass, und mit vielen Stammkunden hat er bereits sehr zärtliche und schöne Momente erlebt.

Hellmann verheimlichte seinen Nebenjob während sieben Jahren. Sobald Hellmann aber offenlegte, dass er im Sexgewerbe arbeite, fühlten sich ihm viele Menschen moralisch überlegen. Der Kontakt zu einigen Angehörigen brach nach seinem Coming-out ab.

Zu einseitige Darstellung?

Hellmann wagt sich in seiner Performance mit Fragen zur Verurteilung von Prostitution auch in schwierige Themen vor und betont, wie problematisch die strengen Prostitutionsgesetze in europäischen Ländern sind. Sie würden die Sexarbeiter in die Illegalität abdrängen. Das sei in der Schweiz unbedingt zu verhindern.

Eine zu einseitige Darstellung der Prostitution? Nach der Vorstellung sorgt Hellmanns positive Sicht an der Schlachthaus-Bar für Diskussionen. Obschon der Schauspieler genau das in seinem Stück behauptet, kommt die Frage doch auf: Sind männliche und weibliche Prostitution tatsächlich vergleichbar?

Wie er zu Beginn der Per­formance in Alltagskleidung auf der Schaukel sitzt und mit glänzenden Augen von den ­hohen Erwartungen an seine Performance erzählt, wirkt er beinahe kindlich. Und strippt knapp eine halbe Stunde später zu einer trashigen Popnummer. Die irritierten Blicke, die der Latexeinteiler im Publikum auslöst, quittiert er mit einem herzlichen Lachen.

Da steht einer, der weiss, wie man Herzen gewinnt. Und im Hintergrund wirkt eine gewitzte Dramaturgin (Wilma Renfordt). Mit dem Kunden­rezensionskaraoke wirds dann richtig witzig: Wenn eine Frau aus dem Publikum vorliest, wie gut Phil vögle, lacht der Saal.

Apropos Vögel: In einem ­Vogelkostüm singt er Céline Dions «My Heart Will Go On». Und so kitschig diese Nummer auch sein mag: Nebst seinen Verführerkompetenzen hat Daniel Hellmann offensichtlich auch stimmlich etwas zu bieten. Nächsten Herbst wird er in der Produktion «Mozart bewegt» der Camerata Bern mitsingen.

Auawirleben: bis 22.5. Mehr Infos unter www.auawirleben.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.05.2016, 10:01 Uhr

Auf der Schaukel: Daniel Hellmann verheimlichte lange, dass er auch als Callboy arbeitet. Nun bringt der Schauspieler seine Geschichte auf die Bühne. (Bild: zvg)

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