Ein grossartiger Diktator

Cihan Inan, Theaterchef bei Konzert Theater Bern, wagt sich an die deutsche Erstaufführung von Charlie Chaplins «Der grosse Diktator». Das Stück ist stilsicher, witzig – und erstaunlich nahe am Original.

Lächerlich und grössenwahnsinnig: Adenoid Hynkel (Gabriel Schneider, links) und Dr. Garbitsch (Jürg Wisbach).

Lächerlich und grössenwahnsinnig: Adenoid Hynkel (Gabriel Schneider, links) und Dr. Garbitsch (Jürg Wisbach).

(Bild: Annette Boutellier)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Noch nie wurde «Der grosse Diktator» von Charlie Chaplin für eine deutsche Bühne adaptiert. Auf den ersten Blick erstaunlich. Auf den zweiten nicht. Denn mit der bitterbösen Satire aus dem Jahr 1940 hat Chaplin einen epochalen Film geschaffen. Schon sehr früh hat er Hitler durchschaut, lächerlich gemacht und ihn damit entlarvt. Chaplins Hitlerrede, in der er in reisserischer Rhetorik lauter Fantasieworte von sich gibt, ist legendär. Seine Schlussrede, in der er für Menschlichkeit und Nächstenliebe plädiert, auch. Das Vorbild ist so gross, dass man daneben eigentlich nur verlieren kann.

Und was tut der Berner Schauspielchef und Regisseur Cihan Inan? Er versucht erst gar nicht, sich vom grossen Vorbild abzugrenzen. In seiner Adaption von «Der grosse Diktator» übernimmt er den Kleiderstil, die Handlung, sogar die Witze. So spielt auch Inans Adenoid Hynkel, wie Hitler im Film heisst, mit einem Luftballon, auf den der Globus aufgedruckt ist, und auch er spuckt Reden aus, dass Speichelfäden fliegen und Mitläufer auf Kommando applaudieren.

Bühne in Schwarzweiss

Die aber augenfälligste Ähnlichkeit ist die Ästhetik: Das Stück wird in Schwarzweiss gespielt, die graue Kulisse ist ein in Einzelstücke zerlegbares Baugerüst, dreh- und wendbar, mal nur Wand, mal Wohnhaus mit Balkonen und Treppen, beleuchtet von einem so kalten Licht, dass tatsächlich alle Farben aus Hintergrund und Menschen weichen (Bühne: Konstantina Dacheva; Licht: Bernhard Bieri). Sehr stilsicher wirkt das. Farbig hebt sich nur die Erzählerin (Chantal Le Moign) ab, die vor der Bühne steht, Hintergründe zum Film erzählt und auch als Radiosprecherin fungiert.

Als Erzählerin ist sie das einzige Element, das Regisseur Inan hinzugefügt hat. Sie liefert wertvolle Hintergründe, etwa dazu, wie Hitler von Chaplin dachte. Und doch fragt sich, ob das Stück durch sie gewinnt oder ob man diese Information bei Interesse nicht auch selber nachlesen kann – denn spätestens nach der Pause beginnt ihr belehrender Ton etwas zu irritieren.

Die grosse Verwechslung

Denn der Inhalt spricht für sich: In «Der grosse Diktator» gleichen sich ein jüdischer Friseur und Diktator Hynkel aufs Haar. Hynkel schwingt grosse Reden, ist umringt und umschwärmt von seinen beiden Ministern Garbitsch und Hering und erobert dank eines cleveren Pakts das Nachbarland. Währenddessen wird der Friseur ins KZ gesteckt, entkommt, findet eine Uniform und wird plötzlich für Hynkel gehalten. Er wird vors Volk gezerrt, woraufhin er notgedrungen ein Plädoyer für Menschlichkeit und Frieden hält.

Gabriel Schneider grenzt sich nicht von Chaplin ab, ist aber auch keine billige Kopie.

Im Film spielte Chaplin beide Rollen, im Stück übernimmt der 26-jährige Schauspieler Gabriel Schneider diesen schweren Part. Und wie er das tut! Lust- und kraftvoll, verletzlich und linkisch. Er grenzt sich nicht von Chaplin ab, ist aber auch keine billige Kopie. Er zeigt eine fein modernisierte Figur, hat keine Scheu vor Pathos und auch nicht vor der Lächerlichkeit. Auch das übrige Schauspielensemble vermag zu überzeugen und meistert die diversen Rollenwechsel – alle spielen mehrere Rollen – bravourös und humorvoll.

Tatsächlich gibt es im gut zweistündigen Stück viel zu lachen. Die Zeit fliegt, die Pointen sitzen, die wenigen Requisiten, zum Beispiel ein höhenverstellbares Podest, passen. Erst gegen Schluss wird es ernster und drängender. Die Schlussrede des Friseurs, bei Chaplin emotional und berührend, ist der Stolperstein des Stücks. Schnell wirken solche Worte heute moralisch und belehrend. Inans Lösung: Er erhöht den Pathos noch, indem plötzlich Farbe und ein übergrosses Filmbild eingespielt werden. Wenn schon, dann richtig.

«Der grosse Diktator», bis 4.4.2020, Stadttheater, Bern.

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