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Ein Bildnis für Dorian Grey

Die Schriftstellerin und Schauspielerin Jeannette König (66) spielt im Stück «Creation (Pictures for Dorian)» der deutsch-englischen Performancegruppe Gob Squad mit.

Im aktuellen Stück spielt Jeannette König die Zukunft, das ältere Ich eines Protagonisten.
Im aktuellen Stück spielt Jeannette König die Zukunft, das ältere Ich eines Protagonisten.
Raphael Moser

Jeannette König trägt eine hellblauen Hut, ein Mickey-Mouse-T-Shirt und violette Socken. Die Mitsechzigerin blickt durch einen Rahmen und wird mit Fragen bombardiert. Sie soll so tun, als ob sie sich selbst in einem Spiegel betrachten würde. «Where ist tomorrow?», fragt die Performerin Sharon Smith herausfordernd. Jeannette König macht ein betont ratloses Gesicht.

So beginnt die Probe im Schlachthaus-Theater zum Stück «Creation (Pictures for Dorian)» der deutsch-englischen Performancegruppe Gob Squad. Die Aufführungen finden dann in Räumen der Hochschule der Künste statt.

Oscar Wilde

Das seit 1994 bestehende siebenköpfige Kollektiv ist gemeinsam in die Jahre gekommen und macht nun das eigene Altern, Jugenderinnerungen und die Vergänglichkeit zum Thema. Inspiriert vom 1890 erschienenen Roman «The Picture of Dorian Grey» des irischen Autors Oscar Wilde lotet die Truppe die eigene Vergangenheit, das Jetzt und die Zukunft aus. In dem seinerzeit als anrüchig geltenden Roman Wildes besitzt die Hauptfigur, der ebenso reiche wie schöne Dorian Gray, ein Porträt, das an seiner Stelle altert. Er selbst bleibt jung und schön, handelt aber immer unmoralischer. Bei Gob Squad werden «Bilder für Dorian Grey» live auf der Bühne entworfen. Lokale Darstellerinnen und Darsteller dienen der in Berlin beheimateten Truppe als «Material». Die Wahlbernerin Jeannette König stellt gemeinsam mit dem hier bestens bekannten Clown Marco Morelli und der Tänzerin Glynis Ackermann die Zukunft – das Alter – dar.

Bastian Trost, Simon Will und Sharon Smith sind im Durchschnitt 48 Jahre alt. Ihre gealterten «Bilder» sind im Schnitt 67 und ihre drei jungen «Alter Egos», dargestellt von Léo Thomas, Neil Höhener und Anina Steiner, durchschnittlich 19 Jahre alt. Die Performer spiegeln sich – tatsächlich und im übertragenen Sinn – in den Darstellerinnen und Darstellern, die sie als Kunstobjekte in auf der Bühne stehenden Rahmen inszenieren und mit einer Kamera filmen. Eine eigentliche Regie gibt es bei Gob Squad nicht. Die Truppe spricht lieber vom «Aussenblick», den hier Berit Stumpf einnimmt, indem sie während der Proben beobachtet, Notizen macht und, wenn nötig, kommentierend eingreift.

Im Fluss

Für Jeannette König bedeutet das Projekt ihr erster Bühnenauftritt seit ihrer Rückkehr nach Bern. Zuvor hat sie mehrere Jahre in Frankfurt am Main gelebt. Bis 2012 hat die 1952 im Aargau geborene Autorin und Schauspielerin im Bildungs- und Gesundheitswesen gearbeitet. In dieser Zeit hat sie Hörspiele, Gedichte, Kurzgeschichten, ein Theaterstück und eine Materialsammlung geschrieben und in freien Gruppen Theater gespielt.

«Das Alter ist eine grosse Fülle, auf die man blicken und aus der man schöpfen kann.»

Ihr Roman «Wurst im Kopf» erzählt die Geschichte eines 24-jährigen BWL-Studenten, dessen Leben durcheinandergewirbelt wird, als er eine Wurstfabrik erbt. König, die Mutter zweier Söhne ist, wollte wissen, wie junge Leute denken. Das Sich-Einfühlen in andere Lebenswelten hilft ihr auch beim Theaterspielen. Der freien Berner Theater- und Kunstszene der Siebziger- und Achtzigerjahre standen sie und ihr 2010 ver­storbener Mann, der Schriftsteller Rolf Geissbühler, nahe. «Wir haben viel experimentiert damals», so König. Improvisation und die Interaktion mit dem Publikum standen im Vordergrund. Das Spielen empfindet König als «eine der tiefsten Auseinandersetzungen mit sich selbst». Im Theater könne man nicht Theater spielen. Man sei wahrhaftig.

Bei ihrer Rückkehr nach Bern kontaktierte König das Schlachthaus-Theater. Es eröffnete sich die Möglichkeit, sich zu bewerben und mit Gob Squad zu spielen. Viel mehr als ein Gerüst zum Stück erhielt die Performerin nicht. «Mir gefällt die Arbeits­weise der Truppe und die Idee eines Gesamtkunstwerkes.» Mit dem Thema Altern beschäftigt sich König auch in ihrem noch nicht fertig geschriebenen Roman «Frau K. räumt auf». Ist das Alter eine Bürde? «Überhaupt nicht», kommt die prompte Antwort. Eine grosse Fülle, auf die man blicken und aus der man schöpfen könne, bedeute das Alter für sie. Alles sei doch vergänglich. Sie denke manchmal, wir hätten eine gewisse Transzendenz verloren. «Man muss lernen, im Fluss zu sein».

Premiere: Fr, 7. 12.,20.30 Uhr, HKB-Theater,

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