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Die Theaterlegende und das Regietalent

Zwei Generationen, zwei Welten: Die 80-jährige Theaterlegende Gerd Heinz und Regietalent Henri Hüster (31) inszenieren beide in Bern. Und streiten sich im Interview über Theatermoden und Frauenquote.

Inszenieren bald in Bern: Die Regisseure Henri Hüster und Gerd Heinz. Foto: Christian Pfander
Inszenieren bald in Bern: Die Regisseure Henri Hüster und Gerd Heinz. Foto: Christian Pfander

Gerd Heinz, vor 50 Jahren waren Sie ungefähr so alt wie Ihr Kollege Henri Hüster jetzt. Was trieben Sie damals?

Heinz: Ich wurde gerade Schauspieldirektor in Darmstadt und stellvertretender Intendant. Ich hatte die Chance, mit Günther Beelitz das Theater zu übernehmen, wir waren beide um die 30.

Heute gilt ein Regisseur mit 30 noch als sehr jung. Wie kamen Sie dazu, so früh ein Theater zu leiten?

Ich habe früh angefangen. Mit 16 Jahren gründete ich eine Theatergruppe. Doch das hätte mich fast das Abitur gekostet. Ich komme nicht aus einer theaterverrückten Familie. Aber ich hatte irgendwie den Wahn, Theater zu machen. Ich weiss noch, wie ich später als 20-jähriger Student vor dem Burgtheater in Wien stand und dachte: Hier würde ich gerne mal etwas machen. 10 Jahre später durfte ich da inszenieren. Ich hatte das Glück, dass ein paar Menschen hinguckten, wenn ich spielte oder Regie führte.

Henri Hüster, Sie sind 31 und leiten noch kein Theater!

Hüster: Noch nicht, und ich denke, es ist gut, wie es ist. Ich probiere viel aus: in der freien Szene, mache Hörspiele, kann meine Form an Stadttheatern weiterentwickeln. Und: Die Zeiten haben sich geändert. Meine Generation ist zum Teil langsamer als die von Herrn Heinz. Vielleicht treten die Älteren auch langsamer ab. Vielen Freundinnen und Freunden in anderen Bereichen geht es ähnlich.

Wie schafft man es, als Regisseur zu reüssieren?

Hüster: Da gehört viel Glück dazu. Lange Zeit war es der Weg über die Regieassistenz. Das ist knallhart, du musst meist sehr dafür kämpfen, damit du eine eigene Inszenierung kriegst. Inzwischen ist der üblichere Weg das Regie-Studium.

Viele mühen sich über Jahre mit Assistenzen ab. Sie auch?

Hüster: Nur relativ kurz. Ich habe vor dem Studium in Wien hospitiert und erfuhr dann, dass in Linz eine Assistentenstelle frei war. Gerhard Willert war da Intendant. Ich war naiv und habe hoch gepokert: Ich sagte: Ich mache das zwei Jahre, wenn ich im zweiten Jahr selbst etwas inszenieren darf. Und das hat geklappt. Da war ich 20. Danach habe ich in Hamburg Regie studiert, und das war für meine Entwicklung wichtig, ich konnte mich ausprobieren.

Müssten die Theater mehr Verantwortung übernehmen für den Regienachwuchs?

Heinz: Ja. Ich mache vielen Kollegen den Vorwurf, dass sie das nicht tun. Was mich ebenso ärgert im Theaterbetrieb, ist das Ausnutzen der vielen Assistenten, die nicht bezahlt werden. Selbst an den Salzburger Festspielen. Dort gibt es ganze Horden an Ausstattungsassistentinnen und -assistenten, die umsonst arbeiten, in der Hoffnung, einmal eine echte Anstellung zu erhalten. Das geht nicht.

Sie haben in den 80er-Jahren das Schauspielhaus Zürich geleitet. Was hat sich geändert?

Heinz: Zum Beispiel der Beruf des Intendanten. Auch der ist komplizierter geworden. Der Papierkram nimmt zu, das Sitzungswesen, die Verwaltung, die Verantwortung. Als ich in Zürich war, kamen die Computer auf. Plötzlich musste man alles abrechnen, jede Woche, bis hin zum Orangensaft bei der Premierenfeier. Wir stehen heute unter viel grösserem Beweis- und Rechtfertigungsdruck, nicht nur materiell, auch ideell.

Herr Hüster, Sie inszenieren auch in Bern zusammen mit der Choreografin Vasna Aguilar. Mit ihr suchen Sie eine neue, tänzerische Theaterform. Braucht man heute ein Alleinstellungsmerkmal, um durchzustarten?

Hüster: Mich interessiert das Wechselspiel zwischen Körper und Sprache. Aber alle, die über längere Zeit Theater machen wollen, forschen an etwas Bestimmtem über einzelne Arbeiten hinweg. Das war wohl immer so, nur muss das heute auch noch stärker verkauft werden. Marketing wird – wie überall – immer wichtiger.

Was ist bei Ihnen der Fokus, den Sie verfolgen?

Heinz: Darstellung: Text, Psychologie, Form. Mich interessiert nach wie vor und immer intensiver: Was ist Darstellung, auch als Handwerk. Ich glaube, dass man heute leicht ins Plakative abrutscht. Ich finde Rimini Protokoll toll, aber ich finde es keine Empfehlung für ein Stadttheaterrepertoire. Ich glaube immer noch an das Erzählen von Geschichten, die uns berühren, erschrecken und erschüttern.

Führt der Trend, dass Regisseure und Schauspielensemble Stücke zusammen entwickeln, dazu, dass zu wenig an der Darstellung gearbeitet wird?

Heinz: Ja, leider.

Hüster: Das kann man nicht generalisieren. Der Prozess der Stückentwicklung bietet die Chance auf eine gemeinsame Auseinandersetzung mit der Welt, wie sie heute ist.

Heinz: Aber wenn gesagt wird, wie es jetzt schon gebetsmühlenartig passiert: Es gibt keine Stücke mehr, sondern nur noch frei verfügbare Textflächen, dann fliegen doch die Plakate nur so über die Bühne. Da geh ich lieber ins Fussballstadion.

Sie fürchten, dass dem Theater die Geschichten abhandenkommen?

Heinz: Ja, und das ist merkwürdigerweise vorwiegend im deutschsprachigen Theater so.

Hüster: Es sind unterschiedliche Arbeitsweisen, beide haben ihre Berechtigung. Das hat für mich wenig mit Geschichte oder nicht Geschichte zu tun. Eine Sache, die ich allerdings kritisch sehe, ist der Umgang mit Autorinnen und Autoren. Man setzt zu wenig auf neue Texte…

Heinz: Absolut!

Hüster: …und scheut grosse Uraufführungen. Deshalb fehlen die neuen Geschichten, und das Theater verkommt zum Museumsbetrieb. Zum 117. Mal «Romeo und Julia» ist langweilig. Ich glaube, das Geschichtenerzählen wird immer im Mittelpunkt sein.

Heinz: Ich hoffe es. In letzter Zeit sah ich aber oft mehr didaktische Belehrungen als Geschichten im Theater.

Hüster: Klar, da gibt es Dinge, die scheitern, aber es gibt auch Stücke, in denen dank dieser Erfahrung eine neue Idee plötzlich total aufgeht.

Für wen machen Sie Theater?

Hüster: Für alle. Ich denke nicht an ein spezielles Publikum.

Was muss ich mitbringen, um Ihr Theater zu verstehen?

Hüster: Lust, in einem Raum mit anderen Menschen eine Erfahrung zu teilen.

Und Sie, Herr Heinz, für wen inszenieren Sie?

Heinz: Da schliesse ich mich vollinhaltlich bei meinem jungen Kollegen an. Ich bin nach wie vor neugierig auf den Menschen und hoffe andere zu dieser Neugier zu verführen. Ich möchte Kunst machen, die etwas über uns aussagt. Aber ich habe keine Zielgruppe im Kopf.

Hüster: Wenn man sich bei der Arbeit dauernd fragt: Erschrecke ich jetzt damit die 60-Jährigen oder komme ich damit bei den 20-Jährigen an, dann funktioniert es nicht. Das blockiert einen nur.

Beim Theater kommt es durchaus vor, dass man sich dumm fühlt, weil man einfach nicht versteht, was die da vorn einem erzählen wollen. Das gibt es im Kino nicht.

Heinz: Das kommt auf den Film an. Aber wir sind schon oft in Gefahr, uns in einer elitären Kapsel zu verschliessen. Da haben Sie recht. Produktive Verunsicherung finde ich in Ordnung, aber wenn wir das Publikum in ratloser Verwirrung zurücklassen, haben wir einen Fehler gemacht.

Was machen Sie, um sich nicht in einer intellektuellen Kapsel wiederzufinden?

Hüster. Leben. Mich mit ganz unterschiedlichen Leuten austauschen, offen sein. Nicht nur in der Theaterblase. Und selbst innerhalb dieser Blase gibt es sehr unterschiedliche Leute, mit denen wir uns austauschen können. Mit einer Beleuchtungsmeisterin etwa oder den Gewerken.

«Wir müssen vom Leben auf die Bühne arbeiten und nicht von der Bühne auf die Bühne.»

Gerd Heinz, Regisseur

Heinz: Das kann ich nur unterschreiben. Wir müssen vom Leben auf die Bühne arbeiten und nicht von der Bühne auf die Bühne. Nebenbei: Ich kenne eine Reihe von Theaterleitern und Regisseuren, die glauben, das avantgardistischste Theater zu machen, das es gibt, aber sie waren noch nie in den Theaterwerkstätten. Man kann auch innerhalb der Blase ganz anders funktionieren.

Gerd Heinz, Sie haben 60 Jahre Regie geführt. Früher waren herumschreiende, cholerische Regisseure weitverbreitet. Haben Sie Ihre Arbeitsweise über all die Jahre verändert?

Heinz: Ja, sehr. In den Fünfziger und Sechzigerjahren waren wir Fritz-Kortner- und Fehling-Gläubige

… gefürchtete Regisseure.

Heinz: Ja, aber auch grosse Künstler, Genies. Aber eben auch grosse Befehlshaber und Dompteure, die den Schauspieler als Material, als Knetmasse sahen. In London bei Peter Brook habe ich Ende der Sechzigerjahre erlebt, wie auf Augenhöhe, in gegenseitiger Verantwortung gearbeitet wurde. Das hat mich zusammen mit einer politischeren Einstellung völlig verändert. Die Regie-Diktatur gehört wohl glücklicherweise der Vergangenheit an.

Hüster: Das glaube ich nicht, aber ich will keine Namen nennen.

Herr Hüster, wie führen Sie?

Hüster: Über das Argument und die Beobachtung. Wenn man gut beschreibt, was man will, nimmt man sich gegenseitig ernst und sucht einen gemeinsamen Weg. Wenn ich eine Inszenierung mit den Schauspielerinnen und Schauspielern angehe, weiss ich im Voraus einiges, aber bin auch bereit, alles über Bord zu werfen.

Und wenn die Schauspieler nicht mitziehen, schreien Sie herum?

Hüster: Nein, ich werde sehr selten laut.

Heinz: Überzeugen ist ein wunderbares Stichwort. Man muss sich gegenseitig überzeugen können von seinen Ideen.

Sie sind unterschiedlich alt, aber gemeinsam ist Ihnen: Sie sind Männer, wie an den meisten Positionen im Theater, wo entschieden wird. Wie kommen mehr Frauen in Führungsetagen?

Hüster: Ich bin inzwischen ganz klar für Quoten.

Heinz: Aber es hat sich doch schon einiges geändert!

«Ich will auch nicht in einer Welt leben, die Quoten braucht, aber es braucht sie nun mal.»

Henri Hüster, Regisseur

Hüster: Es hat sich aber nicht genug geändert und das wird es sich auch nicht, wenn man nicht erst mal 10 Jahre knallhart über die Quote geht. Die Haltung der Männer muss sich ändern.

Heinz: Ich bin gegen Quoten. Das gefährdet die Qualität.

Hüster: Ich will auch nicht in einer Welt leben, die Quoten braucht, aber es braucht sie nun mal. Wenn dann zum Beispiel beim Theatertreffen behauptet wurde, es gäbe nicht genug gute Arbeiten von Frauen, dann ist das einfach eine Lüge. Jetzt haben sie eine Quote und müssen sich genügend Stücke von Frauen ansehen.

Heinz: Natürlich hat Henri recht, das passiert nicht. Ich frage mich auch seit 50 Jahren, weshalb Frauen nicht gleich bezahlt werden wie Männer. Aber die Quote ist mir zu regulativ.

Herr Hüster, eine Quote würde bedeuten: In absehbarer Zeit ein Theater zu leiten, können Sie sich in den Kamin schreiben.

Hüster: Na dann. Es bleibt ja noch das Kollektiv.

Heinz: Also, wenn jetzt dann noch der «weisse toxische Mann» ins Spiel kommt, muss ich das Lokal wirklich verlassen. Jeder muss es für sich anders machen. Aber nicht aufgrund äusserer Regularien.

Noch eine Frage, Herr Heinz. Sie machen in Bern Ihre letzte Inszenierung, heisst es. Stimmt das?

Heinz: Ja, schon, aber say never never, wie es so schön heisst. Im Ernst, ich werde bald 80 Jahre alt und bin leider nicht mehr ganz gesund. Inszenieren ist dann doch ein aufreibender Beruf. Mit 80 kann man das Kontor ja auch einmal schliessen und sagen: Frauen ran. Oder Henri (lacht). Es wird mir schon schwerfallen, denn bei der Arbeit mit dem Ensemble vergesse ich einfach alle Beschwerden.

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