Der Mann, der einen Film verlor

Nach einer halben Saison unter Cihan Inan ist am Konzert Theater Bern nicht alles Gold, was glänzt, aber es ist was los. Weil der neue Schauspielchef keine Angst vor dem Verlieren hat. Verloren hat er schon einmal alles.

Mutige Strategie: Cihan Inan schaut durch eine neue Brille auf das Berner Theater.

Mutige Strategie: Cihan Inan schaut durch eine neue Brille auf das Berner Theater. Bild: Urs Baumann

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Cihan Inan war nicht nur etwas angeheitert, sondern auch übermüdet, 36 Stunden ohne Schlaf, als er sich eines Abends im Jahr 2003 in Freiburg im Breisgau auf die Bahnhofsbank setzte, um auf den letzten Zug in die Schweiz zu warten. Tiefschlaf. Als er wieder erwachte, war alles weg. Sein Koffer mit den Sachen. Und der Film. Sein frisch abgedrehter, erster Film. Es gab ihn erst auf Bändern, die er in Zürich kopieren wollte. Der Film war weg und sollte nie mehr auftauchen.

Mit seinem Ersparten und ohne Fördergelder hatte er ihn finanziert. Dass es Filmförderung gab, war dem gebürtigen Berner mit türkischen Wurzeln damals gar nicht bewusst. Mit befreundeten Schauspielerinnen und Schauspielern drehte er in der Türkei eine Adaption von Nick Caves Roman «Und die Eselin sah den Engel» – und kam mit der Hoffnung zurück, in der Filmszene damit Fuss zu fassen.

Was ihm blieb, waren Schulden – er hatte zwei Kreditkarten massiv überzogen. In den folgenden Jahren stotterte er sie ab, arbeitete im Callcenter und als Runner – so werden die Handlanger beim Filmdreh genannt. Und er drehte wieder selbst. «180°» kam 2010 ins Kino, wurde ein Erfolg und ­gewann Preise. Cihan Inan hatte es geschafft. Seit letztem Sommer ist er Leiter der Schauspielsparte von Konzert Theater Bern. Als Quereinsteiger, dessen Theatererfahrung aus jungen Jahren lange zurückliegt.

Im Umfeld der Eitelkeiten

Wer sich einmal selbst so aus dem Dreck gezogen hat, bringt ein gesundes Selbstbewusstsein mit, das ist auch bei Cihan Inan nicht anders. So einfach bringt ihn nichts aus der Ruhe. Denn er weiss um seine Stärken, um seinen Blick für den Text und die Dramaturgie. Und um seine kommunikativen Fähigkeiten. «Das ist meine Aufgabe: Reden.» Im Theater, einem Umfeld der verletzlichen Eitelkeiten, fällt diese Stärke ins Gewicht.

Nicht alles, was Inan bis jetzt verantwortet hat, ist brillant. Neben erfreulichen Premieren, darunter «Die Irrfahrten des Odysseus» oder das fantastische Weihnachtsmärchen «Krabat», fällt die Kritik auch mal schlecht aus.

«Molière wird unter meiner Leitung nie zu sehen sein. Das interessiert mich nicht.»Cihan Inan

Zuletzt wurde «Die Toten» von Christian Kracht kontrovers beurteilt. Die NZZ jubelte: «Das Ergebnis verrät den glänzenden Wagemut des Hauses», während diese Zeitung die Inszenierung von Claudia Meyer verriss. Auch Inans eigene Regiearbeit «Penthesilea» zum Saisonauftakt war durchzogen, sie forderte dem ­Publikum einiges ab und nahm erst gegen Ende richtig Fahrt auf.

«Ich will das Publikum herausfordern», sagt er. Seine Insze­nierungen lassen Interpretationsspielraum. «Molière wird unter meiner Leitung nie zu sehen sein. Das interessiert mich nicht.»

Theater in Hochform

Inan hat bei seinem Einstieg in Bern ein zwiespältiges Fundament vorgefunden: Die Theatersparte von Konzert Theater Bern ist einerseits seit zwei, drei Jahren in Hochform, findet Beachtung wie lange nicht mehr und ist am Puls der Zeit.

Letzte Saison, also noch vor seinem Engagement, inszenierte Regie-Shootingstar Ersan Mondtag «Die Vernichtung» von Olga Bach. Ein grosser Wurf. Die Produktion wurde ans Theatertreffen Berlin eingeladen – eine Ehre, von der man in Bern lange kaum zu träumen wagte. Auf der anderen Seite zog der Rauswurf von Inans Vorgängerin Stephanie Gräve viel Unruhe nach sich.

«Mit der Vergangenheit habe ich mich nicht gross beschäftigt», sagt Inan. Er hat auch sonst genug zu tun. «All die Verträge mit den Regieteams, die ich nun für nächste Saison aushandeln muss, das ist verdammt viel Arbeit», sagt er. Auch das ist Inan: Er verdreht die Augen, wenn er an die administrativen Dinge denkt, die viel Zeit fordern. Aber dass er sich Zeit nimmt für sein Gegenüber, stellt er nie infrage.

Durch die frische Brille

Er habe damit Ruhe und eine gute Stimmung ins Team gebracht, heisst es im Ensemble. «Inan hat grosse Stärken im Umgang mit den Leuten. Er ist offen und freundlich, das ist man sich im Theater nicht grundsätzlich gewohnt», sagt ein Schauspieler. Und: «Er schaut durch eine frische Brille aufs Theater.»

«Mit der Vergangenheit habe ich mich nicht gross beschäftigt.»Cihan Inan

Der neue, vielleicht im besten Sinne naive Blick kann einen aber auch ins Verderben führen. Besonders, wenn die Zahlen nicht stimmten, wie bei der grossen Produktion «Verdingbub» im Stadttheater, die unter den Erwartungen bleibt. Stimmen die Gerüchte, dass sich deswegen Konflikte in der Chefetage entzündet haben? Inan winkt ab. «Das sind Meinungsverschiedenheiten, die bei Menschen unterschiedlichen Charakters normal sind.»

«Ich will Theater machen, das für Bern relevant ist», sagt Inan. «Verdingbub» etwa, die Tragödie spielt im Emmental. Zwei ausstehende Premieren bringen weiteren Lokalstoff: «Coco» über die legendäre Transsexuelle, die vor 20 Jahren gestorben ist, und «Die Akte Bern» zur Fichenaffäre folgen am Ende dieser Spielzeit. In der nächsten Spielzeit soll es so weitergehen.

Theater im Gespräch

Selbst wenn nicht nur Begeisterungsstürme durch Bern ziehen: Das Theater bleibt unter Cihan Inan im Gespräch. Krachts «Die Toten» war eine Uraufführung, die auch renommierte deutsche Theater gerne als erste gebracht hätten. Doch: Nur weil etwas neu ist, heisst das noch lange nicht, dass sich das Publikum dazu verführen lässt. Und am Schluss sprechen die nackten Zahlen, wenn Bilanz über die Leistung gezogen wird. Inan verfolgt also eine mutige Strategie. Aber einer, der schon einmal alles verloren hat, hat keine Angst mehr vor dem Scheitern.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 12.01.2018, 11:43 Uhr

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