Bern

Dem Leben ins Gesicht sehen

BernIm stillgelegten Aufbahrungstrakt des Krematoriums Bern haben Sibylle Heiniger und Sandra Forrer einen erstaunlich lebensbejahenden Rundgang inszeniert: «All My Lives – zu den Aufbahrungen».

Wer wäre wohl beim eigenen Leichenmahl anwesend? Diese und weitere Fragen drängen sich dem Besucher auf dem Rundgang auf.

Wer wäre wohl beim eigenen Leichenmahl anwesend? Diese und weitere Fragen drängen sich dem Besucher auf dem Rundgang auf. Bild: Enrique Muñoz García

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«Irgendeinisch fingt ds Glück eim», hat Kuno Lauener mal gesungen, aber wie kann er da so sicher sein? Das Einzige, was uns in diesem Leben zweifellos irgendwann findet, ist der Tod. Bevor man jetzt die Hoffnung komplett aufgibt und beim Gedanken an die eigene Vergänglichkeit verzweifelt, sollte man den Bremgartenfriedhof besuchen. Die installative Theaterarbeit «All My Lives – zu den Aufbahrungen», die im Moment im stillgelegten Aufbahrungstrakt des Krematoriums Bern zu sehen ist, vereint auf wundersame Weise die Suche nach dem Glück und das Hadern mit der eigenen Sterblichkeit.

Auf einem Rundgang, der etwas mehr als eine Stunde dauert, wird man von Aufbahrungsraum zu Aufbahrungsraum geführt. Alle Räume verfügen jeweils über ein grosses Fenster, das den Blick freigibt auf den Besucherbereich für die Angehörigen. Auf dem Parcours der zwei Berner Theaterschaffenden Sibylle Heiniger und Sandra Forrer nimmt man ganz bewusst den Platz der Verstorbenen ein, um über das eigene Leben nachzudenken.

Allein unterwegs

Den Kern von «All My Lives» bilden Interviews mit vier Menschen über ihre Lebensentwürfe. Zwei Männer, zwei Frauen. Es geht ums Älterwerden, um die Familie, die Arbeit und darum, was die Zukunft bringen könnte.

Der angehende Sozialarbeiter Lukas erzählt davon, wie er seinen Wunsch nach Sicherheit mit seinem Wunsch nach Freiheit zu vereinbaren sucht. Und wie er manchmal mit Entscheidungen hadert: «Hätte ich Penner werden können? Oder Physiker?» Den Parcours macht jede Person allein. Wo zuvor die Aufbahrungsliegen waren, findet man in «All My Lives» nun meistens einen Stuhl und manchmal auch ein paar Kopfhörer. Der Gang von Raum zu Raum gibt einem Zeit, innezuhalten und sich auf dieses Theaterexperiment einzulassen.

Sibylle Heiniger und Sandra Forrer erwecken in «All My Lives» die Sinne zum Leben, mit Ton, Bild und sogar mit Torf. Wie kleine Bühnen wirken die von Séverine Urwyler gestalteten Räume, in die man hineinblicken kann wie in eine parallele Existenz. Eine der eindrücklichsten Installationen führt die Besucherinnen und Besucher in einen abgedunkelten Raum, durch dessen Fenster man eine lange Tafel sieht. Eine Gesellschaft muss hier diniert haben, es hat Rotweinflecken auf dem weissen Tischtuch und ein paar halb volle Gläser. Ein Lautsprecher gibt Stimmengewirr von sich, man hört klirrendes Besteck und manchmal Gelächter. Da steht man nun und blickt auf diesen Tisch und stellt sich vor, welche Leute wohl beim eigenen Leichenmahl anwesend wären.

Lieber keinen Masterplan

«All My Lives» provoziert solche Gedanken und gibt trotzdem keine Ideen vor. Auch die Geschäftsführerin des Krematoriums Bern, Silvana Pletscher, ist Teil dieses Projekts geworden und stellte sich als Interviewpartnerin zur Verfügung. Sie spricht über ihre Liebe zur Natur, über ihre Kinder und erklärt, warum ihr zu viel Kontrolle suspekt sei. «Ich kann dir schon einen Masterplan machen. Aber ich will nicht», sagt sie, und man glaubt es ihr sofort. Pletschers Gelassenheit ist ansteckend und beruhigend. Und so steht man dann zum Schluss wieder draussen, mitten auf dem Friedhof, und fühlt sich seltsam zufrieden. Wer hätte gedacht, dass einen das Glück an diesem Ort findet.

Aufführungen: bis am 20. September. Genaue Termine und Tickets: schlachthaus.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.09.2015, 06:37 Uhr

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