Das Stadttheater hat den längsten Rüssel

Konzert Theater Bern widmet dem kanonierten Elefanten von Murten ein Spektakel. Ein schönes. Aber ein allzu überfrachtetes, ach!

Märchenhaft gutes Bühnenbild: Die drei Geschichten im beschaulichen Murten spielen sich in drei drehbaren erhöhten Kabäuschen ab.

Märchenhaft gutes Bühnenbild: Die drei Geschichten im beschaulichen Murten spielen sich in drei drehbaren erhöhten Kabäuschen ab.

(Bild: PD)

Michael Feller@mikefelloni

Eigentlich, ja eigentlich wäre die Geschichte ja allzu schnell erzählt: Zirkuselefant büxt aus, tötet den Wärter und wird mit einer Kanone erschossen, bevor er weiteres Unheil anrichten kann. Die abstruse Geschichte trug sich 1866 in Murten zu. Das Skelett des Prachttiers kann heute im Naturhistorischen Museum Bern bestaunt werden.

Spektakel-Spezialisten

Und das soll einen Theaterabend tragen? Das fragte sich wohl, wer die Gruppe Vorort nicht kennt. Denn dieses Ensemble aus der freien Berner Theaterszene ist ein Garant für Spektakel. Im Stadttheater inszenierte es zuletzt 2017 «Krabat» als Weihnachtsmärchen, grossartig. Jetzt also hat es sich der dünnen historischen Ausgangslage aus Murten angenommen. Und Vorort trägt dick auf. Bereits eine Woche vor der Premiere zog der goldene Elefant, der gewöhnlich auf dem Dach des Naturhistorischen Museums steht, per Prozession vors Stadttheater, wo er nun bis Ende der Spielzeit bleiben soll. So aufsehenerregend fällt auch das Schauspiel aus, unter der Regie von Jonathan Loosli – der Schauspieler von Konzert Theater Bern ist das Bindeglied zur Theatergruppe – und Mathis Künzler.

So wird im Stadttheater aufgetrumpft. Mit einem märchenhaft guten Bühnenbild (Renato Grob). Mit tollen Effekten und schönen Kostümen. Und mit – leider – viel zu viel Geschichten, mit denen die Legende überladen wird. Bis die Kanone spektakulär durchs Stadttheater schiesst, dauert es ewig. Die Spannung leidet in der zu langfädig inszenierten 130-minütigen Uraufführung des Textes von Uwe Lützen.

Beschauliche Probleme

Drei Geschichten werden im beschaulichen Murten zunächst lanciert, hübsch dargestellt in drei drehbaren erhöhten Kabäuschen. Der Stadtpräsident (Jürg Wisbach) und seine jüngere Frau (Marie Popall) versuchen krampfhaft, Nachwuchs zu zeugen. Das spielt sich links ab. In der Mitte will ein Metzgermeister (Stéphane Maeder) seinen Sohn (David Berger) mittels Züchtigung für die Vorzüge des Geschäfts begeistern, während dieser lieber an einer Flugmaschine baut. Und rechts dreht der Dorfpfarrer (Dominique Jann) komplett im roten Bereich.

Die Beschaulichkeit wird durch den Wanderzirkus Bell & Meyers, der in die Stadt kommt, aufgemischt. Nicht nur die Schlangenfrau Alida (Chantal Le Moign), die schöne Seiltänzerin Miranda (Sonja Riesen) und der überdrehte Zirkusdirektor (ebenfalls Dominique Jann) gehören dazu, sondern auch «das grösste Lebewesen, das je europäischen Boden betreten hat», ein Afrikanischer Elefant. Damals eine Sensation.

Bumm, und aus die Maus

Der Zirkus und seine Artisten wirken wie ein Katalysator, der aus den mauskleinen Problemen der Murtner elefantengrosse macht. So ziehen die Kleinstädter in der Nacht mit Heugabeln ins Quartier der nun ungebetenen Gäste und wollen sie vertreiben. Damit schrecken sie den Elefanten auf, der durchdreht und den Zirkusdirektor zertrampelt. Der Rest ist Geschichte, oder der Urknall der Geschichte, die Kanone wird hergeschafft und Bumm, aus die Maus.

Ganz toll: Vom Elefanten sehen wir nur den Rüssel, der bis zur Decke der hohen Bühne reicht. Fantastische Idee: Wir werden wie der verliebte Metzgersohn (wieder mal hervorragend: David Berger) nicht ins Zirkuszelt gelassen, sondern verfolgen eine Vorstellung bei geschlossenem Vorhang, man hört nur den gedämpften Beifall. Schade aber: Nicht nur wird uns alles etwas gar langfädig dargeboten. Vorort packt auch allerlei Sozialkitsch (Migration, Fernweh, ungleiche Liebe) in die Produktion – und Marco Morelli als Erzähler lädt die Sache unerträglich moralisch auf. Am Schuss bleiben einige schöne Bilder. Vor allem jenes dieses einfach unglaublich langen Rüssels.

Weitere Vorstellungen bis 26. Juni im Stadttheater Bern.

Berner Zeitung

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