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Das Spiel mit dem Risiko

Zum Saisonauftakt schlägt das Schlachthaus mit dem Festival «Calling London» eine Brücke über den Ärmelkanal. Dort gründete die Bernerin Kathrin Yvonne Bigler 2003 ihre eigene Compagnie. Eine Begegnung.

«Um das zu erklären, muss ich aufstehen», sagt Kathrin Yvonne Bigler und stellt sich hin, die Beine gegrätscht, damit sie soliden Stand hat, der Körper spannungsgeladen, die Arme vor sich, wie wenn sie ein Baby im Arm halten würde. Doch man spürt, das imaginäre Gewicht, das sie trägt, ist viel grösser. Diese eingefrorene Bewegung, für Bigler das maximal reduzierte Bild für die Liebe, stand ganz am Anfang ihrer Produktion «Hold Me Until You Break» – Halt mich, bist du zerbrichst. Im Anschluss daran begann sie mit ihrem Ensemble während eineinhalb Jahren zu forschen: Wie lange kann man den anderen im Arm halten, bevor man daran zerbricht? Und was passiert, wenn in einer Beziehung beide einander tragen wollen? Es geht nicht, führt einem das szenische Bild vor Augen. Heute Abend zeigt Bigler die Produktion im Schlachthaus Theater Bern.

Interdisziplinäres Theater

In ihrer 2003 gemeinsam mit Rebeca Fernandez Lopez in London gegründeten Compagnie Bottlefed mischt die 29-Jährige die freie Improvisation mit Tanz, Text, Musik und Lichtdesign. Bevor eine Aufführung beginnt, haben die Performer jeweils nur minimale Vorgaben, zum Beispiel diese: «Sie wollen eine Beziehung mit einem anderen Menschen eingehen.» Der Rest ist dem Risiko des Moments überlassen und hängt davon ab, wie sich das Zusammenspiel zwischen den Performern und Musikern während der Vorführung entwickelt.

Eher zufällig war die Bernerin als 19-Jährige an das Liverpool Institute for Performing Arts gekommen. Der Austausch zwischen den Sparten Tanz, Theater und Musik wurde an der Schule in der Musikstadt Liverpool grossgeschrieben. So nahm Bigler nach ihrem Abschluss den interdisziplinären Ansatz mit nach London. «Dort besetzen wir eine Nische», sagt sie. Grundsätzlich seien die grossen englischen Theater enorm konventionell. Die Story eines Theaterstücks und dessen Autor stehen im Zentrum, der Text wird auf der Bühne umgesetzt. Im Gegensatz dazu sieht sich Bigler eher in der Tradition des modernen europäischen Regietheaters verortet und geht in ihrer Arbeit von Bewegungsbildern aus.

Aus neun verschiedenen Nationen stammen die Mitglieder ihrer Compagnie Bottlefed. Neben dem Zusammenspiel zwischen Tanz und Theater untersucht die Compagnie seit zwei Jahren auch die Interaktion mit live improvisierter Musik. «In der Theaterimprovisation reagieren die Schauspieler jeweils auf den ersten Impuls. Musiker hingegen warten den Moment ab, sich einzubringen. Diese grundverschiedenen Ansätze zusammenzuführen ist sehr produktiv», so Bigler.

Workshops im Gefängnis

Tanz- und Theaterimprovisation geben die Bottlefed-Leiterinnen auch in Workshops weiter – das finanzielle Standbein der Compagnie, aus dem die Leiterinnen aber auch kreative Anregungen schöpfen. Mit Jugendlichen, aber auch mit Obdachlosen oder Gefängnisinsassen vertiefen Kathrin Yvonne Bigler und Rebeca Fernandez Lopez in der Improvisation soziale Kompetenzen wie die Fähigkeit, mit anderen Menschen in Dialog zu treten. Dabei gehen sie immer vom Spiel aus: «Hat man einmal zusammen gelacht, lässt man sich körperlich, aber auch mental oder emotional berühren.» Der sichere und begrenzte Rahmen lässt es zu, dass die Teilnehmenden etwas wagen, aus sich herausgehen und sich auf andere einlassen. Die Bedeutung der Kulturarbeit für die Integration von Randgruppen sei in England viel anerkannter als auf dem Kontinent, so Bigler.

Aus Scheitern lernen

Auch die Performer der Compagnie müssen sich in den Vorführungen emotional öffnen und verletzlich bleiben – ein höchst anstrengender Prozess, der auch schon nicht ganz geklappt hat, wie Kathrin Yvonne Bigler freimütig zugibt. «Doch das Publikum nimmt es kaum wahr, wenn die Energie nicht stimmt, dafür sind die Performer zu professionell.» Andererseits hat die Regisseurin auch keine Angst vor dem Scheitern: «Nie sonst lernt man so viel.» Das Risiko gehört zum Konzept. So will sie die Produktion «Hold Me» im Herbst zu einer 24-stündigen Liveperformance in einem Bahnhof weiterentwickeln: Das Publikum wird eingeladen, an der Performance teilzunehmen, auch Tonbandaufnahmen von Passanten werden eingespielt. Ein Wagnis, das dem forschenden Charakter der Compagnie entspricht.

Premiere und Saisoneröffnungsfest: Bottlefed Ensemble «Hold Me Until You Break», Do, 17.9., 20.30 Uhr, Schlachthaus Bern. Zweitaufführung: Fr, 18.9., 20.30 Uhr.

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