Carmen tanzt Mambo

Die kubanische Revolution tönt in Bizets Oper hinein. «Carmen La Cubana», das erste Musical aus Kuba, hatte in Köln Premiere. Im Oktober kommt es nach Zürich.

Luna Manzanares Nardo als Carmen verzaubert alle. Foto: Johan Persson

Luna Manzanares Nardo als Carmen verzaubert alle. Foto: Johan Persson

Stefan Busz@sbusz

Auch die Liebe ist eine Art Revolution, und keine Frau rebelliert schöner als Carmen; sie nimmt sich in Sachen Männer alle Freiheiten heraus, ohne sich je Gedanken zu machen über die Konsequenzen. Das macht ihre Geschichte, von Prosper Mérimée 1845 aufgeschrieben, von Georges Bizet 1875 für die Oper adaptiert, so aussergewöhnlich. Und in jeder Bearbeitung, sei es für die Bühne oder den Film, nimmt diese Figur eine andere Farbe an. Oder spricht eine eigene Sprache.

Die neue Carmen spricht Spanisch und trägt Weiss, Blau, Rot mit einem Stern, denn man hat sie in ein Kuba kurz vor der Revolution transferiert. Eine kubanische Flagge hängt auch am Anfang ihrer Geschichte auf der Bühne, es ist der Stoff, aus dem der Traum von der Unabhängigkeit ist. In diesem Zeichen steht die ganze Produktion, die jetzt, nach der Pariser Premiere 2016, unterwegs von Köln über London bis München ist und Ende Oktober auch nach Zürich kommt.

Die Liebe zur Mischform

Denn «Carmen La Cubana» ist, wie es heisst, «das erste Musical aus Kuba». Und es tönt, wie das Land tönt – nach Mambo, Cha-Cha-Cha, Dancón, Salsa. Schritt für Schritt geht es ganz tänzerisch in diese Geschichte hinein.

Konzipiert hat das Musical der britische Regisseur Christopher Renshaw. Er kennt sich mit grossen Frauenfiguren wie Norma oder Aida aus. Seine besondere Vorliebe gehört aber Mischformen des Musiktheaters. So inszenierte er in London mit grossem Erfolg das Queen-Musical «We Will Rock You» und brachte dort auch «Taboo» mit Boy George auf die Bühne.

«Carmen La Cubana» im Deutschen Theater München. Video: Youtube/Deutsches Theater

«Carmen La Cubana» ist aber sonst eine ganz kubanische Sache. Das Buch hat Norge Espinosa Mendoza geschrieben, der Schriftsteller und Essayist aus Santa Clara. Die Orchestrierung stammt von Alex Lacamoire und Edgar Vero und die Choreografie von Roclan González Chávez. Es spielt eine kubanische Band mit einer starken Perkussionsgruppe. Und Carmen ist Luna Manzanarez Nardo, geboren in Havanna. Auch die anderen Sängerinnen und Sänger kommen aus Kuba.

So nimmt alles, was einem in der Oper spanisch vorkommt, einen eigenen Rhythmus an. Der «Habanera»-Song zum Beispiel, den Bizet für eine spanische Volksweise hielt, ist im Tempo eines Cha-Cha-Cha gehalten. In «Carmen La Cubana» kommt das Lied wieder in seine Heimat Havanna zurück. «Ich glaube, Bizet würde diese Version lieben», sagt Renshaw.

Wandel der Zeiten

Kuba war für Renshaw eine Liebe auf den ersten Blick, wie er am Tag nach der Deutschland-Premiere in einem Kölner Hotel sagt. Denn eigentlich hatte er nur vor, den Carmen-Stoff vor südamerikanischer Kulisse spielen zu lassen. Carmen hätte also auch aus Bolivien oder Nicaragua sein können (wo Renshaw ein Haus besitzt). Eine Nacht in Havanna aber machte alles klar: Carmen ist Kubanerin. Denn ihre Geschichte ist auch die Geschichte des Landes.

Ist die Kuba-Flagge auf der Bühne einmal weg, sieht man in die «Carmen»-Landschaft hinein, es ist das La-Guarida-Gebäude in Havanna, das auch Schauplatz für den Film «Fresa y chocolate» war. Ein legendärer Ort. Früher habe da ein Transvestit im Aufgang zum Restaurant seine Wohnung gehabt und allen Gästen Avancen gemacht, sagt Renshaw. Jetzt ist hier der Luxus eingezogen. Der Wandel hat sich diesem Ort eingeschrieben, und deshalb ist er die beste Bühne für diese «Carmen»-Produktion. Auch sie handelt vom Wandel der Zeiten. Von der Revolution. Und vielleicht davon, dass man sich in Kuba nicht immer Gedanken gemacht hat über die Konsequenzen.

Das Bild, das Renshaw von Kuba zeichnet, ist überhöht, wie jedes Musical immer möbiliert ist mit Sachen, die eigentlich für die Geschichte gar nicht so wichtig sind. Da wird der Santería-Kult vorgeführt, eine weisse Dame mischt sich in das Geschehen ein, es wird ausgiebig Salsa getanzt und auch Fahnen schwenkend Revolution gemacht. Aber das Publikum bekommt hier, was von solch einer Produktion verlangt wird, nämlich das ganze Kuba, wie man es sich vorstellt.

Politisch will Renshaw seine Show denn auch nicht verstanden haben. «Ich zeige beide Seiten der Revolution und masse mir kein Urteil an.» Er möchte «die Geschichte einer frei denkenden, sexuell unabhängigen Frau zeigen, die für ihre Freiheit kämpft, während die Welt um sie herum explodiert». Er sieht in Carmen einen Freigeist, eine «Königin von Havanna». Wir sehen aber, wie diese Carmen sich in dieser Machowelt durchschlagen muss. Jeder Mann gibt sich recht aufgeblasen: von José, der ein Soldat der Armee des Diktators Fulgencio Batista ist, bis zum Preisboxer El Niño, der Fidel Castro zum Freund hat. Ja, Bizets Torero muss in dieser Version boxen.

Ein Boxer trat schon 1943 in «Carmen Jones» auf, Oscar Hammersteins «Carmen»-Adaption für den Broadway. Otto Preminger hat diese Geschichte, die in einer afroamerikanischen Gemeinschaft in North Carolina spielt, 1954 mit Dorothy Dandridge und Harry Belafonte verfilmt. Es war der erste Hollywood-Film, der ausschliesslich mit schwarzen Schauspielern besetzt war. An diese Fassung knüpft auch «Carmen La Cubana» an.

Eifersucht als DNA Kubas

In ihrer Kindheit hat Luna Manzanares Nardo Disney-Musicals geschaut. Ihre Carmen bringt sie jetzt wieder zurück zur Musik ihres Landes, und sie lässt die Männer reihenweise umkippen, wenn sie nur mit dem Fächer wedelt. Sie sagt auch, dass Eifersucht zur kubanischen DNA gehöre. Aber Carmen sei für sie nur eine Rolle, «sonst wäre ich schon lange tot». Und doch: So ein bisschen verliebt sich das ganze Publikum in diese Figur.

Nur: Dazu gehören die Kubaner nicht. Zu dieser Show, die ganz auf der Insel entstanden ist, haben sie keinen Zugang, zu teuer wäre ein Ticket. Die Liebe hat ihre Grenzen. Auch für Carmen, die Kubanerin.

Theater 11, Zürich, 30.10. bis 11.11.

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