Bedrückende Einblicke in Seelenabgründe

Genie und Wahnsinn in der Dampfzentrale: Zum 150.Geburtstag des Künstlers Adolf Wölfli fand am Wochenende die Uraufführung des Musiktheaters «Das Allmachtsrohr» statt.

Joke Lanz, Philippe Nauer, Dominik Gysin verkörpern die Schizophrenie von Adolf Wölfli.

Joke Lanz, Philippe Nauer, Dominik Gysin verkörpern die Schizophrenie von Adolf Wölfli.

(Bild: zvg)

Wer sich am Wochenende auf einen vergnüglichen Theaterabend in der Dampfzentrale Bern eingestellt hatte, sah sich seiner Illusionen bereits nach dem musikalischen Auftakt beraubt: Mit wuchtigen Klängen zerfetzte das Trio der Band Steamboat Switzerland die erwartungsvolle Stille des gut gefüllten Zuschauerraums.

Je eindringlicher es durch die Dunkelheit schallte, desto häufiger strapazierten ohrenbetäubende Dissonanzen die Trommelfelle des Publikums. Angenehm ist anders. Aber wäre es an diesem Abend darum gegangen, etwas Angenehmes und Schönes zu zeigen, hätten Meret Matter (Regie/Textbuch) und Helena Winkelman (Komposition/Textauswahl) wohl kaum das Leben des geisteskranken Schweizer Art-brut-Künstlers Adolf Wölfli zum Gegenstand ihrer Inszenierung gemacht, der als verurteilter Sexualstraftäter 35 Jahre seines Lebens in der Waldau verbracht hatte.

Eine Herkulesaufgabe, die im Rahmen der Veranstaltungsreihe «150 Wölfli» zum 150.Geburtstag des Künstlers entstanden ist und als Musiktheater «Das Allmachtsrohr» in zwei Vorstellungen in der Dampfzentrale Bern uraufgeführt wurde.

Drei Darsteller für eine Figur

Mit dem Stück ist Matter und Winkelman eine Inszenierung gelungen, die nüchtern die verschiedenen Facetten und Persönlichkeiten des Künstlers durchleuchtet und, ohne zu werten, verstörende Lebenswelten erkennen lässt. Etwa wenn der liebevolle «Löu» Wölfli seine Vergehen an zwei Mädchen verharmlost, sein Alter Ego aber kurz danach zugibt, er könne mit den Taten nicht aufhören. Ein Verlangen, das durch die Tänzerin Gina Gurtner dargestellt ist, die in feuerrotem Kleid und Femme-fatale-Manier die permanente Versuchung mimt. Wie fast alles an diesem Abend ist auch sie jedoch nur ein Produkt seiner Fantasie.

Dazu, diese kontinuierliche Vermischung von Wirklichkeit und Fiktion zu verdeutlichen und die Schizophrenie Wölflis darzustellen, wird er von drei Schauspielern (Joke Lanz, Philippe Nauer, Dominik Gysin) verkörpert. Es ist das perfekt aufeinander abgestimmte Zusammenspiel von Musik, Tanz und Schauspiel, das dem Publikum die Seelenabgründe Wölflis offenbart – und zwar mit einer Eindringlichkeit, die fast schon unangenehm anmutet. Diese Reaktion braucht es aber, wenn die Persönlichkeit Wölflis als Ganzes dargestellt werden soll. Wer also einen vergnügten Abend verbringen will, der werfe besser keinen Blick in die «Kopfwelten» des Geburtstagskindes.

Berner Zeitung

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