Aufbruch ins gelobte Land

Gelungener Saisonstart: Konzert Theater Bern bringt Joseph Roths Roman «Hiob» auf die Bühne. Die minimalistische und beklemmend aktuelle Inszenierung vermag zu packen. Unterschiedlich sind die einzelnen darstellerischen Leistungen.

Dramatisch: Mendel Singer (Stéphane Maeder) und Deborah Singer (Milva Stark) verzweifeln an ihrem behinderten Sohn Menuchim.

Dramatisch: Mendel Singer (Stéphane Maeder) und Deborah Singer (Milva Stark) verzweifeln an ihrem behinderten Sohn Menuchim. Bild: zvg/Annette Boutellier

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Der Bühnenraum evoziert einen grossen Schiffsbauch, lässt aber auch an ein Kirchenschiff denken. Requisiten gibt es keine in diesem Bunker aus Holz. Hier schläft, isst, putzt und streitet die Familie Singer. Regisseur Ingo Berk – einst Assistent von Christoph Marthaler – bringt seine eigene Bearbeitung von Joseph Roths «Hiob» auf die Bühne. Berks Stück bleibt stets nahe an Roths Text und verdichtet gekonnt. Zur Verfügung stehen ihm drei Musiker, die das Geschehen untermalen, und ein Schauspielensemble, das nach etlichen Abgängen gerade erst neu zusammengewürfelt wurde.

Die darstellerischen Leistungen fallen unterschiedlich aus. Eine Glanzleistung liefert das langjährige Ensemblemitglied Milva Stark in der Rolle der Mutter Deborah. Schon in der ersten Szene, wenn sie stoisch den Boden schrubbt, bringt sie den ganzen Frust ihres harten Lebens zum Ausdruck.

Von Gott gestraft

Deborah ist mit Mendel Singer (Stéphane Maeder) verheiratet, einem Thoralehrer, den sie mehr und mehr verachtet. Gemeinsam hat das um 1900 in einem fiktiven Städtchen in Russland lebende Paar drei Kinder: den grobschlächtigen Jonas (Arne Lenk), den ehrgeizigen Schemarjah (etwas allzu überdreht: David Berger) und die kokette Mirjam (Mariananda Schempp).

Deborah bringt in einem grotesken Bühnenmoment ein viertes Kind zur Welt. Unter ihrem Rock schlüpft Menuchim (Lukas Hupfeld) hervor. Er ist ein verkrüppelter Epileptiker. Mit seiner Geburt beginnt das grosse Leiden. Wie dem Hiob in der Bibel ergeht es Mendel Singer. Obwohl er ein durch und durch gottesfürchtiger Jude ist, straft ihn scheinbar der Himmel. Jonas wird Soldat, Schemarjah entkommt dem Dienst, indem er sich nach Amerika verschleppen lässt, und Mirjam entwickelt sich zunehmend zum Vamp.

Ein Erzähler (Jürg Wisbach) berichtet von all diesen Ereignissen und schlüpft dabei in unterschiedliche Rollen, sei es in die des Rabbis oder in jene des Arztes, der die Familie impfen kommt. Dass die Singers als Juden einer diskriminierten Minderheit angehören, wird – genau wie in Joseph Roths Buchvorlage – nur subtil vermittelt. So haben die Singer-Brüder etwa verinnerlicht, dass es niemals gut ausgeht, wenn ein Bauer fragt und ein Jude antwortet.

Mendel erzählt einem Nachbarn stolz von seinem Sohn Jonas. «Wenn er kein Jude wäre, wäre er wohl längst Offizier.» Schliesslich kommt Besuch aus Amerika. Mac (Arne Lenk) überbringt Nachrichten von Schemarjah, der es in der neuen Heimat zu etwas gebracht hat und sich jetzt Sam nennt. Die Familie soll nachreisen. Doch Menuchim muss zu Hause bleiben, da Kranke nicht einreisen dürfen. Mendel entschliesst sich, mit Frau und Tochter zu fahren, als Mirjam sich mit einem Kosaken einlässt.

Tod und Wahnsinn

Nach der Pause ist die Familie in Amerika angekommen. Doch geändert hat sich an dem kargen Bühnenbild rein gar nichts. Das ist Programm. Klagt doch Deborah: «Es gibt mehr Juden hier als in Kluczysk. Haben wir den weiten Weg über das grosse Wasser nehmen müssen, um wieder nach Kluczysk zu kommen?» Bis zum überraschend versöhnlichen Ende wird die Familie noch weit schlimmer vom Schicksal gebeutelt als in Russland.

Tod und Wahnsinn brechen über die Singers herein. Der Aufbruch in das gelobte Land erweist sich als schwerer Fehler. Berks minimalistische Inszenierung bleibt eindringlich bis zum Schluss. Dass Roths Stoff höchst aktuell ist, versteht sich von selbst. Gierige Schlepper, verzweifelte Migranten und Identitätskrisen («Bin ich noch Mendel Singer?») sind allgegenwärtig.

Kommende Vorstellung: Samstag, 26.9, 19.30 Uhr , in der Vidmar 1, Liebefeld. www.konzerttheaterbern.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.09.2015, 07:13 Uhr

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