Am besten würde man die Augen schliessen

Oper

Sattes Orchester, starke Solisten. Doch das peinliche Regietheater von Ludger Engels macht den Genuss zunichte. Konzert Theater Bern markiert mit der Premiere von Richard Wagners «Tristan und Isolde» einen Tiefpunkt.

Sind das zwei Brathühner in Backfolie? Regisseur Ludger Engels macht Tristan (Daniel Frank) und Isolde (Catherine Foster) zur Lachnummer.

Sind das zwei Brathühner in Backfolie? Regisseur Ludger Engels macht Tristan (Daniel Frank) und Isolde (Catherine Foster) zur Lachnummer.

(Bild: Christian Kleiner)

«Kunst ist die totalste Freiheit», findet der zeitgenössische Künstler Jonathan Meese. Das Enfant terrible ist auch so frei, den Hitlergruss zu zeigen. Regisseur Ludger Engels nimmt dessen infantil geprägte Kunst zum Angelpunkt für seine Lesart von Richard Wagners Musikdrama «Tristan und Isolde».

Er darf sich für die Oper, die in Bern in einem Kunstatelier ihren kruden Lauf nimmt, viele Freiheiten nehmen. Das Resultat ist symbolisch überladenes Regietheater. Mit Engels’ unfreiwillig komischem Laienschauspiel verabschiedet sich Konzert Theater Bern denkbar schlecht in die Sommerpause.

Freie Nacht, langer Abend

Während am Samstag YB-Fans Freinacht feiern, müssen sich die Premierengäste im Stadttheater in Bern einen langen Abend durch ein wirres Regiekonzept quälen. Die Talsohle im Musiktheater schmerzt umso mehr, weil das Berner Symphonieorchester unter der Leitung von Kevin John Edusei Wagners Wucht zur Vollendung treibt und weil sich die Sängerriege in Topform befindet.

Im ersten von drei Aufzügen spannt Regisseur Ludger Engels den Bogen noch konzis und überzeugt mit authentischen Protagonisten. Für Rätsel sorgen einzig die herumgeisternden Damen.

Die Erklärung für die seltsamen Gestalten liefert Dramaturgin Katja Bury im Programmheft. Wagners Libretto stützt sich auf eine keltische Sage. Die Geschichte geht so: Isolde und ihre Magd Brangäne befinden sich auf der Überfahrt von Irland nach Kornwall. Die Holde aus dem Norden ist ein Friedenspfand für König Marke.

Dumm nur, hat sich Isolde in den Mörder ihres Verlobten verliebt – das ist Markes Zögling Tristan. Für die neu entflammte Kernschmelze sorgt Brangäne, die anstelle eines Todes- einen Liebestrank kredenzt. Von Tristans Freund Kurwenal kommt Zuspruch, von Markes Einflüsterer Melot der Dolchstoss, der Isoldes Liebestod heraufbeschwört.

Im ersten Bild herrscht noch Ruhe vor dem Kreativsturm. Alles wird gut, denken geneigte Opernfreunde, bevor sie in die erste von zwei Pausen geschickt werden. Beim zweiten Break sind die Gesichter länger und der Unmut sichtbar. War Engels nicht der Regisseur, der in Bern Richard Strauss’ «Salome» in den Schlamm setzte und den Chor in Verdis «Macbeth» mit Teddybären auf dem Kopf in einen Glaskasten zwängte?

Klecksereien aus Kornwall

Regietheater ist Risikotheater. Im Berner «Tristan» entgleist das Konzept im Verlauf des zweiten Aufzugs absichtlich. Es dauert nicht lange, bis die zentralen Figuren zum Farbtopf greifen und sich austoben wie in einer Kita. Es wird gekleckst, als ob es kein Morgen gäbe.

Tristan und Isolde befinden sich in einem Liebesrausch, der nur die Nacht kennt und sogar die Geschlechtergrenzen verwischt. Heide Kastler hat bei den Kostümen freien Lauf und steckt die beiden Liebenden in einen irrwitzigen Glitzer­anzug, der höchstens für eine ­Science-Fiction-Parodie wie «Barbarella» taugt.

Für den letzten Aufzug scheint sich Bühnenmeister Volker Thiele in einen psychedelischen Zustand geraucht zu haben. Ist das ein Hundehaufen in der Ecke? Was sagen uns der monströse Bergkristall und die blinkenden Todessterne an der Decke? Tenor Andries Cloete, der mehrere Parts souverän vereint, ist die treibende Künstlerkraft, die aus irgendwelchen Gründen frappante Ähnlichkeit mit Jean-Paul Gaultier hat.

Kaum verrutscht das Liebesduett im Malerrausch, kommen noch Miniberge aus Styropor und Schiffli-Symbole ins Spiel. Wenn Catherine Foster als Isolde den letzten Tristanakkord singt, mag man nur noch die Augen schliessen.

Musikalisch und gesanglich dagegen ist die Berner Produktion ein Fest. Catherine Fosters Sopran hat luzide Sprengkraft. Und Claude Eichenberger hält als Brangäne mit ihrem kraftvollen Mezzosopran locker mit. Zwar findet Daniel Frank als Tristan nicht auf Anhieb zum grossen Sprung, er führt seinen beweglichen Tenor aber allmählich in ekstatische Sphären.

Robin Adams ist ein leidenschaftlicher Kurwenal und stimmlich in Bestform. Kein Wunder, singt der Bariton an grossen Häusern. Die Linienführung von Kai Wegners Bass als König Marke ist nicht immer astrein, dafür vibriert der Bariton von Todd Boyce als Melot eindrücklich.

Kevin John Edusei schliesslich sorgt mit dem Berner Symphonieorchester für eine pulsierende Klangschichtung. Trotz donnernder Dynamik gibt er dem Wagner-Bombast genug Luft und Raum und bleibt in dieser atmosphärischen Dichte farblich stets transparent.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt