«Als Theaterleiter muss man mehr wollen, als geliebt zu werden»

Bern

Fünf Jahre sind vergangen seit der Fusion von Stadttheater und Orchester. Wo steht Konzert Theater Bern heute? Und: Wie lange hält es Stephan Märki noch in der Bundesstadt? Besuch beim Intendanten, der zuletzt mit seinem Ruf zu kämpfen hatte.

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Oliver Meier@mei_oliver

Ein Theaterstück über Stephan Märki, seine Jahre in Bern: Welchen Titel müsste es tragen? Der Hausherr findet die Frage «originell». Eine Antwort hat er nicht. Oder hat man sie überhört?

Lärmig ist es im Intendantenbüro an der Nägeligasse in Bern. Im Stadttheater gegenüber sind die Sanierungsarbeiten in vollem Gang. Das Theater als Baustelle: Märki schliesst das Fenster. Also noch einmal, die Sache mit dem Titel. Vielleicht: «Die verlorene Liebe des Stephan Märki»?

Der Intendant verzieht das Gesicht. «Als Theaterleiter muss man mehr wollen, als geliebt zu werden. Man muss auch eine Stadt nicht bedingungslos lieben. Man muss mit ihr arbeiten. Eine gewisse Distanz würde ich mir in diesem Job immer bewahren.»

Distanz. Ist es das? Er habe, heisst es aus seinem Umfeld, in Bern nie richtig «andocken» können, fühle sich zu wenig unterstützt, zu wenig gewürdigt. Nein, so will er das nicht sehen. Märki verweist darauf, dass das Theater zuletzt eine stattliche Subventionserhöhung erhalten hat.

Er verweist auf den Zuspruch des Publikums, auf die Abstimmungen. «Das Berner Stimmvolk hat das Theater mit grosser Mehrheit unterstützt, das ist nicht selbstverständlich.»

Ein Problem sei höchstens, dass sich Bern nicht dafür entscheiden wolle, Hauptstadt zu sein, sich lieber in der Selbstgenügsamkeit einrichte. «In diesem Umfeld ein Theater zu behaupten, das den Fokus auf zivilisatorische Missstände legt, ist gar nicht einfach.»

«Glutvolle Hassliebe»

In Weimar, seiner letzten Station, erhielt er den Übernamen «Tell». 13 Jahre blieb er dort, lange musste er kämpfen für «sein» Haus. Als man ihn loswerden wollte, in den Hinterzimmern der Politik, ging das Publikum auf die Strasse. Später, als er Weimar aus freien Stücken verliess, war von einer «glutvollen Hassliebe» die Rede.

Märki kam nach Bern, mit einem Revolverkoffer, den er zum Accessoire umfunktioniert hatte. Bis heute hat er den Koffer dabei, wo immer er auftaucht. Bis heute sieht er sich als Kämpfer: für ein Theater, wie es nur noch im Modell Stadttheater möglich sei. «Kontinuierliches Arbeiten mit den Menschen und für die Menschen vor Ort, ohne den Druck, alles zum Event hochzukochen.»

Märki hat seit seinem Antritt in Bern 2011 viel Energie in das investiert, was er selber «Grundlagenarbeit» nennt. Er übernahm einen Betrieb, der bloss auf dem Papier mit dem Orchester fusioniert war. Er musste ein funktionierendes Vierspartenhaus formen – streng beäugt vom Orchester, das auf seine erkämpfte ­Teilautonomie pochte. Er sorgte für einen neuen Gesamtauftritt, legte sieben Abteilungen zusammen, um den Besucherservice zu verbessern.

Doch kaum war der fusionierte Betrieb neu aufgestellt, kam ihm das Sanierungsprojekt in die Quere. «Kein Intendant beschäftigt sich gerne mit Bauprojekten. Aber es sind Investitionen in die Zukunft», sagt Märki. In Bern jedoch war es zum Haareraufen. Die Planung der Sanierung lief aus dem Ruder, musste kurzfristig neu getaktet werden. «Für ein Mehrspartenhaus, das auf mehrere Jahre hinaus plant, ist das eine Katastrophe.»

Ein Kubus aus dem Nichts

Was von aussen als Selbstverständlichkeit erscheint, darauf ist man im Haus heute stolz: dass es gelang, den Dampfer Konzert Theater Bern trotz allem auf Kurs zu halten und mit dem Kubus eilends eine alternative Spielstätte zu zimmern.

So oder so: Die Geschichte hat viel Energie gekostet, auch beim Intendanten. Energie, die anderswo fehlte. Um in Bern «anzudocken» etwa, für sein Haus, seine Ideen zu werben.

Berns oberster Theatermacher wirkt bei öffentlichen Auftritten stets abgeklärt, auf manche aber auch kühl und reserviert, ja gar ein wenig arrogant. Vielleicht ist ihm das zum Verhängnis geworden beim grössten Fehler seiner Amtszeit. Als Berns hochgehandelte Schauspielchefin Iris Laufenberg nach Graz ging, kam der Intendant unter Druck. In Basel lobte man Stephanie Gräve über den grünen Klee.

Märki holte gerade mal zwei Referenzen ein, «das war zu wenig», so sagt er es heute. Und der Stiftungsrat nickte Märkis Wahl ungeprüft ab – in der Personalpolitik hatte er zuvor eine glückliche Hand bewiesen.

Die Unvereinbarkeit zwischen Märki und Gräve zeigte sich rasch. Ein halbes Jahr dauerte es, bis der Stiftungsrat die Konsequenzen zog. Was folgte, war ein Kommunikationsdesaster, wie es in Bern nur noch die Young Boys produzieren können.

Was folgte, war ein Kommunikationsdesaster, wie es in Bern nur noch die Young Boys produzieren können.

Eine Affäre «um nichts»?

Bis heute wundert sich Märki über die Kommunikationspolitik des Stiftungsrats. Bis heute wundert man sich im Stiftungsrat über die Uneinsichtigkeit Märkis, als es darum ging, in der Auseinandersetzung eine Lösung zu finden.

Vor allem aber wundert sich Märki, wie es kommen konnte, dass aus einem Personalentscheid eine öffentliche Grundsatzdebatte wurde, die sich «um nichts drehte», wie er findet, jedenfalls nicht um Fragen, wie sie sich in Weimar entzündet hatten: um das Sein oder Nichtsein eines Theaters von gesellschaftlicher Relevanz.

Die Affäre hat ihm zugesetzt, sie hat ihn gekränkt, sie hat ihn geärgert. Jetzt will er sie hinter sich lassen. Und muss doch damit rechnen, dass sie an ihm kleben bleibt. Der Schaden ist jedenfalls angerichtet: Die Affäre um Gräve hat den Gesamtblick auf die Leistungen Märkis in den letzten Jahren vernebelt.

Was kommt danach?

Noch läuft Märkis Vertrag zweieinhalb Jahre. Doch schon im Frühling 2017 wird sich der Stiftungsrat mit der Frage befassen müssen, was danach kommt. Und Märki, inzwischen 61, wird sich entscheiden müssen, ob er es noch einmal wissen will, in Bern.

Die Frage, wer 2017 an die Spitze des Stiftungsrats gelangt, dürfte Märkis Entscheid stark beeinflussen. Im Stiftungsrat spricht man sich für den bisherigen Vize Marcel Brülhart aus, den auch Märki favorisiert.

Doch Brülhart hat sich noch nicht entschieden. Märki kann ab 2018 ein totalsaniertes Stadttheater bespielen, muss aber auch beweisen, was stets suggeriert wurde: dass sich die neue Attraktivität positiv in den Publikumszahlen niederschlagen wird.

Kommt hinzu: Von 2017 bis 2019 wird das Kultur-Casino mächtig umgebaut, was neue Einschränkungen mit sich bringt. Märki, so scheint es, wird die Baustellen nicht los. Die fremdbestimmten und die selbst verschuldete.

Berner Zeitung

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