Zogg als sensibler Böser in «Via Mala»

Er ist neben der Via Mala aufgewachsen und spielt am Landschaftstheater Ballenberg den gewalttätigen Jonas Lauretz im gleichnamigen Stück von John Knittel. Warum Andrea Zogg ihn nicht nur als Widerling spielen will.

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Herr Zogg, Sie haben kürzlich die Verletzlichkeit des Lebens am eigenen Leib gespürt. Was ist passiert?
Andrea Zogg: Ich bin Anfang Juni unverschuldet in einen Auffahrunfall in Süddeutschland geraten – es hat mich richtig durchgeschüttelt. Im Moment selber, als ich am Ort des Unfalls stand, zwar nicht, aber als ich wieder daheim war, konnte ich die Nacht nicht schlafen. Das war furchtbar. Seither sind mir diese Bilder immer wieder erschienen.

Körperlich ist Ihnen nichts zugestossen?
Nein, zum Glück nicht.

Diese Bilder, die Ihnen durch den Kopf gehen: Geben Sie Ihnen eine andere Sicht auf die böse Figur des Jonas Lauretz, die Sie in «Via Mala» spielen?
Nein, es gibt keine andere Sicht auf den Jonas Lauretz. Wichtig ist für mich, dass ich ganz fein und sensibel mit dieser Figur umgehe. Gerade auch, weil sie so böse ist. Das «Sennentuntschi» im Fernsehen ist viel grauer gewesen (siehe auch Kasten «Zur Person»). Aber bei Knittels «Via Mala» ist es eine Konstellation schwarz auf weiss. Im Sinne von: Da gibt es gut, und da gibt es böse und dazwischen fast nichts. Es wäre langweilig, die Figur nur abgründig böse zu spielen. Ich bin darin bestärkt, jeden Satz ganz genau abzuklopfen und zu schauen: Wo ist der Lauretz laut, wo ist er böse, wo weinerlich, wo jovial, wo grob? Das sind all die möglichen Farben von so einer Figur.

Wollen Sie damit sagen, dass er dem Publikum mit dieser Bandbreite sogar eine gewisse Sympathie abgewinnen kann?
Das müsste eigentlich das Ziel sein. Er müsste einem mindestens auch leidtun – was aber bei dem Text sehr schwierig ist. Aber wenn das gelingt, wäre es natürlich ideal. Es wird sogar Momente geben – wenige zwar nur –, in denen das Gefühl aufkommt: Dieser Lauretz ist ein armes Schwein. Und so etwas wie der Gefangene seiner selbst.

Stand dieser Lauretz bei Ihnen schon lange auf der Liste der Rollen, die Sie mal anpacken wollten?
Er stand nicht auf der Liste, weil ich nicht an ein Theater gedacht habe. Aber als ich vom Stück gehört habe, war ich sofort begeistert. Ich bin ja nur 15 Kilometer von dieser Via Mala entfernt aufgewachsen, bin mehrmals durch diese Schlucht gefahren und in sie hinabgestiegen, habe das Buch gelesen und kenne den Film: So gesehen ist es schon so, dass ich diese Rolle wirklich auch spielen muss.

Lauretz wird hinter einer Holzbeige sozusagen auf offener Bühne umgebracht. Ist das für die Leute an einem milden Sommerabend überhaupt zumutbar?
Ich sage immer: Das Leben ist lebensgefährlich (grinst). Theater, auch Sommertheater, muss berühren. Das ist das A und O. Natürlich soll man nicht jeden Sommer ein so finsteres Drama machen wie dieses Jahr. Aber auch so ein Drama hat in einem Sommertheater Platz, finde ich. Das Fantastische an dem Stück ist, dass es das Publikum auf die Seite der nicht recht Handelnden bringt. Es beginnt, sich mit Recht, Gesetz und Moral auseinanderzusetzen. Da tauchen Fragen auf: Was gilt? Wie ist der Massstab? Wie muss man das bewerten? Das schafft dieser Stoff, indem er einen ganz Bösen zeigt, der die Lieben und Guten plagt, bis sich diese nicht mehr länger zu wehren wissen und den Lauretz umbringen wollen. Die Leute werden mit verschiedenen Eindrücken heimgehen. Und wenn sie die eine oder andere Träne verdrücken – dann ist das noch besser.

Die Situation ist so aussichtslos, dass man sich die Frage der Rechtsprechung stellt. Muss man zum Unrecht greifen, um eine Lösung zu finden?
Am Ende ist der Ausgang offen. Jeder muss für sich selber die Schlüsse ziehen und entscheiden: Jetzt gehen die Unterdrückten und Geplagten sehr wahrscheinlich ins Gefängnis und werden bestraft. Es gibt wirklich Fälle, die so extrem gewesen sind. Da sind die Leute sogar bedingt mit Strafen davongekommen. Das wäre hier sehr wahrscheinlich auch der Fall. Aber um bei der Rechtsprechung zu bleiben: Die judikative Säule ist eine sehr wichtige in unserem System. Man kann nicht einfach die Selbstjustiz in die Hand nehmen.

Trotzdem: Ein Mord auf der Bühne ist nicht alltäglich – erst recht nicht im ansonsten beschaulichen Ballenberg.
Wenn man Shakespeare macht, gibt es zum Teil noch viel mehr Morde (schmunzelt) Gut, die Figur des Lauretz kommt einem ja auch nicht nahe, zumindest nicht in dem Sinne, dass sie einem sympathisch wird. So ist es für die Zuschauer unter Umständen sogar eine Erlösung, wenn er umgebracht wird.

Die «Entsorgung» der Leiche muss ja auch irgendwie gelöst werden...
Die «Entsorgung» ist hervorragend gelöst von der Regie. Man kriegt den Mord mit, sieht ihn aber nicht direkt. Bis zum Abtransport ist Lauretz aber wieder sichtbar.

Harte Kost...
Ich stelle mir bei den Proben vor, wie das im Licht der Dämmerung sein wird. Je länger wir das Stück in den Sommer hinein spielen, desto dunkler kommt es mit den länger werdenden Nächten rüber. Stellen Sie sich vor, wenn es blitzt und es ein Wetterleuchten gibt (lacht)

Ein richtig schöner Sommerabend ist also gar nicht so ideal. Ein bedeckter Himmel und ein leises Donnergrollen wären von Vorteil...
Das darf es in diesem Fall ruhig sein. Aber Regen brauchen wir nicht (lacht).

Wie sieht es mit den weichen Ansätzen aus, die dieser Lauretz trotz allem auch noch hat? Zu seiner jüngsten Tochter Silveli hat er ein spezielles Verhältnis.
Dort kompensiert er etwas, das er sonst nicht in der Lage ist auszuleben, weil er sonst alles zerstören muss. Ich gehe davon aus, dass er das mit seiner Geschichte mitbringt. Er kann im Gegensatz zu anderen damit nicht umgehen. Allerdings ist auch die Zuwendung zu seiner jüngsten Tochter Silveli schräg. Die Szene mit Silveli folgt auf einen Versuch der Vergewaltigung seiner älteren Tochter Hanna. Hier gibt es einen Moment der Unsicherheit, bis er wieder Oberwasser gewinnt. Aber die Bezüge zu Silveli stehen schon dafür, dass ein Kern da ist, der eigentlich noch gut wäre. Lauretz hat keine Chance, sich zu entfalten. Er kippt schnell in seine alten Muster zurück.

Ihre Umgänglichkeit gegenüber den Laiendarstellern steht im Kontrast zur finsteren Figur, die Sie darstellen. Haben Sie kein Problem mit dem Switchen?
Ich trenne die beiden Seiten ganz klar. Ich weiss, dass es Schauspieler gibt, die sich enorm in ihre Rolle hineinsteigern und diese auf dem Set bei Filmarbeiten quasi weiterleben. Ich aber steige klar ein und klar wieder aus. Es ist aber nicht so, dass ich einfach eine Schublade ziehen würde. Ich suche auch nach der Frage: Wo ist der Choleriker in mir? Die Stimmung der Örtlichkeit kann abfärben. Wenn es grau und kalt ist und man in einem depressiven Stück eine depressive Rolle spielt: Da kann es sein, dass man selber ein bisschen melancholisch wird. Aber mit dem Ballenberg färbt die Landschaft mit den Menschen und dem Umfeld mit den Pferden ab – das ist so positiv, dass ich gar nicht Platz habe für schwarze und dunkle Gedanken.

Der Lauretz hat viel mit besagten Pferden zu tun. Wie ist Ihr Umgang mit diesen Tieren?
Hier hats mir total den Ärmel reingenommen. Der Umgang mit den Pferden fasziniert mich: Sie haben eine ungeheure Anmut und Kraft und sind jeden Tag anders drauf. Wenns heiss ist, sind sie schlaff, und wenn ein Wind kommt, sind sie plötzlich wieder hellwach. Man darf sie nicht aus den Augen lassen, darf auch keine Angst haben und muss absolut ruhig bleiben, weil sie alles spüren. Pferdetrainer Hermes Thöni hat mir erzählt, dass eines der Pferde einen Wagenunfall hatte, den er immer noch merkt.

Das Kutschenfahren muss ja auch gelernt sein...
Zuerst führte ich die Pferde von Hand. Beim zweiten Mal bin ich mit Hermes Thöni und den Pferden losgefahren – auf einem geraden Stück, ehe ich es dann erstmals allein versuchen durfte. Beim dritten Mal bin ich praktisch durch den ganzen Ballenberg gefahren.

Das hat Ihnen unheimlich Auftrieb gegeben?
Ja natürlich. Jetzt bin ich eine Stunde vorher beim Stall, wenn ich mit den Pferden arbeite. Wir fahren zusammen auf den Spielplatz. Das gibt mir Sicherheit, und es ist eine Erfahrungs- und Übungssache. Ich weiss: Ich muss immer aufpassen. Bis zur letzten Vorstellung werde ich im Umgang mit den Pferden nicht der Schauspieler sein. Dort bin ich der Mensch Andrea Zogg, der beim Stoppen Halt schreit. Sobald ich die Bremse angezogen habe, verwandle ich mich wieder in den Schauspieler. Ich gehe auch mit Respekt an die Premiere, weil die Nervosität grösser ist als sonst und die Pferde das spüren. Da muss man speziell aufpassen, dass nichts passiert.

Sie haben die Landschaft Ballenberg hervorgehoben. Was bedeutet sie Ihnen?
Die Landschaft ist verwandt mit jener in Graubünden, wo ich herkomme. Der Ballenberg ist eine Wohltat für die Seele. Er ist das Venedig des Berner Oberlandes. Wie kommen Sie darauf?

Man hat hier keine Autos, das Tempo und die ganze Aufgeregtheit sind weg. Welch ein Unterschied zum Mittelland: Du kommst aus einem Dorf raus und siehst schon die nächste Industrie!

Der Ballenberg ist also auch für die Arbeit förderlich.
Ich brauche einen guten Groove und keinen Regisseur, der mich schleisst. Eine gute Stimmung ist wichtig. Es kann schon mal Stress geben, aber er darf nicht zum System werden. Sonst mache ich zu. Damit es bei mir gut läuft, brauche ich eine Atmosphäre, wie sie hier vorherrscht. So fühle ich mich frei. Dann geht bei mir die Fantasie los. Wenn ich nur Angst habe, was ich falsch mache, dann bin ich verspannt. Bei Regisseur Reto Lang ist das gar nicht so. Er lässt uns Zeit zum Ausprobieren. Für mich ist hier der beste Ort dafür, Theater zu machen.

Wie geht das Zusammenspiel mit den Laien?
Ich habe selber als Laie 1981 angefangen – und zwar in meinem ersten Freilichtspiel in Chur, wo Profis und Laien zusammen waren. Ich kenne die Arbeit der Laien sehr gut und weiss genau, wie es ihnen geht. Auch dann, wenn es nicht funktioniert. Ich weiss, wie genial sie sein können – nicht alle und nicht alle gleichzeitig. Aber wenn sie mit der Sprache agieren können, die quasi in ihrem Körper steckt, ist es grossartig, was sie zeigen können.

Eva Mayer, die Laiendarstellerin, welche Martha – die Frau von Jonas Lauretz – spielt, ist auch eine Bündnerin. War das ein Aha-Erlebnis für Sie?
Ich weiss, dass sie von Churwalden kommt, wusste aber nicht genau, wer sie ist. Als ich Eva Mayer hier aber sah, habe ich mich erinnert. Sie sagte, wir würden uns von der 200-Jahr-Feier der Bündner Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft kennen. Das war 2003 im Zürcher Hauptbahnhof ein Riesenspektakel mit 700 Teilnehmern. Meistens kann ich mich an einzelne Teilnehmer nicht mehr erinnern, aber da wusste ich genau, was sie damals gespielt hatte. Da war sie ganz platt und ich entsprechend stolz (lacht).

Letztes Jahr spielten Sie am ersten Seelisberg-Rütli-Festival im Stück «Tell trifft Wagner» den Schweizer Nationalhelden. Die Tellspiele in Interlaken müssten Sie also auch interessieren...
Wenn ich Zeit und Gelegenheit habe, schaue ich mir so etwas gerne einmal an, auf alle Fälle. Die Tellspiele sind eine Institution, das weiss ich.

«Via Mala» von John Knittel in der Freilichttheaterfassung von Markus Keller. Aufführungen vom 9. Juli bis 23. August, jeweils von Mittwoch bis Samstag. Beginn um 20.15 Uhr. Eingang Ballenberg-West. Vorverkauf: Telefon 033 9521044. Infos: www.landschaftstheater-ballenberg.ch.

Berner Oberländer

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