Wenn sich der Vater in die eigene Tochter verliebt

Regisseur Gilles Tschudi inszeniert Max Frischs «Homo faber» im Theater an der Effingerstrasse. In die Rolle des vom Schicksal geprüften Homo Faber schlüpft der Berner Schauspieler Frank Demenga. Ein Probenbesuch.

Momente der Reue im Angesicht des Todes: Walter Faber (Frank Demenga) und seine Jugendliebe Hanna (Monica Budde).

Momente der Reue im Angesicht des Todes: Walter Faber (Frank Demenga) und seine Jugendliebe Hanna (Monica Budde).

(Bild: Severin Nowacki/zvg)

Helen Lagger@FuxHelen

Frank Demenga sitzt aufrecht in einem klapprigen Spitalbett. An seiner Seite die Schauspielerin Monica Budde, gekleidet wie in den Fünfzigerjahren. Mit einem Tuch tupft sie Demenga, der einen Mann kurz vor seinem Tod spielt, die Stirn ab. Frank Demenga verkörpert im Theater an der Effingerstrasse Max Frischs Romanfigur Walter Faber, einen Ingenieur, der sein Leben streng nach rationalen Prinzipien lebt.

Jedenfalls bis das Schicksal zuschlägt: Durch Zufall erfährt er auf einer Reise, dass seine Jugendliebe, die Jüdin Hanna, kurz nach der Trennung von ihm den gemeinsamen Freund Joachim geheiratet hat. Er beschliesst, diesen in Guatemala aufzuspüren, und muss entdecken, dass der sich erhängt hat. Bei einer späteren Schiffsreise lernt er ein junges Mädchen, das Hanna ähnlich sieht, kennen und verliebt sich in sie. Es ist seine eigene Tochter, von deren Geburt ihm Hanna nie etwas erzählt hat. Die Tragödie nimmt ihren Lauf.

An fast jedem Gymnasium gehört Max Frischs reichlich mit Bezügen zur griechischen Mythologie gespickter Roman «Homo faber» zum Pflichtstoff. Nach seiner Veröffentlichung im Jahre 1957 wurde er zum internationalen Erfolg. Doch was hat uns das Werk heute noch zu sagen? Ist Faber nicht ein Mann der Fünfzigerjahre, wie es ihn heute gar nicht mehr gibt?

Schauplatz Bett

Regisseur Gilles Tschudi ist überzeugt, dass der Konflikt zwischen Ratio und Schicksal ein universeller sei, ebenso wie die Geschlechterproblematik. Sabeth, die Tochter der beiden, dürfe nicht leben, weil Faber sie habe abtreiben lassen wollen und Hanna sie ihm verschwiegen und vorenthalten habe, ist er überzeugt. Dass Frischs Stoff als Film bestens funktioniert, hat Volker Schlöndorffs brillantes Werk aus dem Jahre 1991 bewiesen. Doch wie kann man auf der kleinen Bühne des Theaters an der Effingerstrasse alle Schauplätze des Romans lebendig werden lassen? «Wir haben eine sehr offene Bühnenarchitektur gewählt, bei der die Schauspieler nach allen Seiten hin auf- und abtreten können», erklärt Tschudi. Im Mittelpunkt stehe ein Bett, das mal zum Schiff, mal zum Pingpongtisch oder zum Strandstuhl mutiere.

Mitleid und Identifikation

Ebenda sitzt immer noch Frank Demenga und schaut voller Reue auf ein für den Zuschauer nicht sichtbares Meer, irgendwo in Griechenland. Macht es eigentlich Spass, diesen Griesgram Faber zu spielen? Es reize ihn immer, eine zwiespältige Figur zu spielen. Er selbst sei, abgesehen von seinem Äusseren, das sich gut für die Rolle eigne, sehr weit weg von diesem Menschen, so Demenga. Der Schauspieler ist überzeugt, dass das Publikum mit Homo Faber mitleidet. Er wisse ja nicht, dass er sich in seine eigene Tochter verliebt hat. In der Tat ein Schicksal, das man seinem ärgsten Feind nicht wünscht.

Premiere: 5. Oktober, 20 Uhr, im Theater an der Effingerstrasse, Bern.

Berner Zeitung

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