Verstörende Hochhaus-Tour

Die Gruppe Vor Ort jagt in ihrem neuen Stück «Winterkrieg im Galgenfeld» die Zuschauer durch das ehemalige Swisscom-Hochhaus im Galgenfeld. Beklemmend. 

Ein Bett mitten auf dem Hochhaus-Dach: Das Stück «Winterkrieg im Galgenfeld» zeigt Bilder, die sich einprägen.

(Bild: PD/Stefan Maurer)

18 Personen zwängen sich in den Lift im ehemaligen Swisscom-Gebäude im Berner Galgenfeld. «Hat jemand Platzangst?», fragt der Mann, der die Knöpfe bedient. Er warnt auf Französisch, man solle von der Lichtschranke fernbleiben, damit der Lift nicht stecken bleibe. Ansonsten: «C'est la catastrophe.» Sofort macht sich ein flaues Gefühl im Magen breit: Allzu lange würde man es hier nicht aushalten, ohne in Panik zu geraten.

Der Lift fährt los. Die Radiosendung «Echo der Zeit» ertönt. Der Moderator erzählt, was gerade in den USA geschehen sei: Die Zwillingstürme des World Trade Center seien nach einer terroristischen Attacke eingestürzt. In diesem Moment bleibt der Lift zwischen zwei Stockwerken stecken. Man ist in einem Hochhaus – wie das World Trade Center. Gefangen in einem Lift! Die Gedanken rasen. Das Herz auch. Zum Glück fährt der Lift nach nur wenigen Sekunden weiter. 

Totale Willkür

Das neue Stück «Winterkrieg im Galgenfeld» der Theatergruppe Vor Ort zieht die Zuschauer sofort mitten hinein in die Handlung. Die Berner entwickeln ihre Aufführungen jeweils vom Schauplatz her. Vergangenes Jahr zeigten sie am Wohlensee «Moby Dick». Nun macht Regisseur Dominique Jann das Hochhaus im Galgenfeld zur Bühne und präsentiert spektakuläre Bilder. Gleich nach der Lift-Episode wird das Publikum aufs Dach geführt. Dort steht ein Bett mitten im Schneegestöber, rundherum sind die Lichter von Bern und Ostermundigen zu sehen. Wunderschön!

Doch dann geht es gleich weiter. Der Schauspieler, der sich gerade noch mit seiner Liebsten auf dem Bett geräkelt hat, rennt davon. Die Zuschauer folgen ihm zahlreiche Treppen hinunter, vorbei an Soldatinnen, die bedrohlich in den Gängen stehen. So wird das Publikum diesen Abend quer durch das vielgeschossige Labyrinth des Hochhauses gehetzt. Mal von gespenstischen, mal von grellen Lichtern begleitet, mal von klassischer Musik, mal von Metall-Rock.

Von Dürrenmatt inspiriert

Man fühlt sich latent bedroht. Und ausgeliefert. Dafür sorgen die Soldatinnen und Wärter. Manchmal halten sie jemanden plötzlich zurück. Andere dürfen weiterlaufen. Wieso, ist unklar. Das Resultat ist, dass die Zuschauer sich offensichtlich bemühen, ja nicht aufzufallen und alles richtig zu machen. 

Das Stück fängt die Stimmung ein, die Friedrich Dürrenmatt in seiner Zukunftsvision «Der Winterkrieg in Tibet» beschrieben hat. Darin erzählt ein Söldner, wie er sich nach einem dritten Weltkrieg durch Stollen und unterirdische Gänge kämpft. Er weiss nie genau, wer Freund und wer Feind ist. Ähnlich ergeht es nun dem Berner Publikum. 

Doch das Stück vermittelt nicht nur das Gefühl, wie sich ein Krieg anfühlen muss. Tief unten im zivilschutzartigen Keller wird es plötzlich gastlich: Es gibt Tee und Kaffee. Eine Somalierin erzählt von ihren Erlebnissen in ihrer Heimat und von ihrer Ankunft als Flüchtling in der Schweiz. Sie warnt eindringlich: «Krieg darf hier niemals passieren.»

Schweiz als Gefängnis

Das Entspannen währt nicht lange. Das Publikum wird rausbeordert, zum nahen Gebäude der Hochschule der Künste Bern. Es geht tief hinunter in den ehemaligen Lagerraum. Er ist atemberaubend. Mit seinen hohen Decken und vielen Säulen wirkt er wie eine Kirche. Hier stehen Zivilschutzbetten in Sechserblöcken, die man ausprobieren soll. Es ist zwar bequem, aber sobald sich der Nachbar nur etwas bewegt, wackelt die eigene Schlafstatt mit. «Wie können Menschen in Asylzentren so bloss schlafen?», fragt man sich.

Zum ersten Mal kommt Dürrenmatt explizit zur Sprache: Ein Schauspieler zitiert aus dessen berühmter Rede, in der die Schweiz als Gefängnis bezeichnet wird. Der Schriftsteller erklärte die Schweiz kurzerhand zum Ort, an dem Wärter und Gefangene identisch seien. So täuschten sich alle über ihre Unfreiheit hinweg.  

Vor Ort zeigt an diesem Abend, wie die mögliche Antwort auf die Angst und das Einigeln lauten könnte: Draussen auf der Strasse tanzt die Gruppe Andrea von Gunten. Immer mehr Schauspieler machen mit, schliesslich animieren sie auch die Zuschauer dazu. Am Ende des Abends tanzen fast alle zusammen. Ein Gefühl von Zusammengehörigkeit erwacht.

Die Musik stoppt, die Schauspieler verschwinden. Das Publikum bleibt zurück. Man fühlt sich benommen, geschockt von so vielen Eindrücken zwischen mulmig und grossartig. «Winterkrieg im Galgenfeld» rüttelt im bestmöglichen Sinne auf.

Weitere Aufführungen bis 10.2.,Tickets/Infos: vorort.be

Berner Zeitung

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