Terrakotta-Kämpfer auf dem Holzweg

Das Opernfestival Avenches zeigt Verdis Frühwerk «Nabucco» als statisches Operntableau, aufgepeppt durch Computeranimationen mit dem Charme eines Bildschirmschoners.

Wenn das Bildschirmblut trieft: Szene aus «Nabucco»  in  Avenches.

Wenn das Bildschirmblut trieft: Szene aus «Nabucco» in Avenches. Bild: zvg

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Ja, wo sind wir denn da gelandet? In Jerusalem, in Babylon – oder etwa im zentralchinesischen Xi’an? Im Finale des zweiten Akts gerät manches durcheinander. Fürchterlich stolz steht Nabucco auf der Bühne der römischen Arena. Er schimpft über die «dummen Juden». Und seine Stimme schraubt sich in Halbtönen nach oben. «Nur einen Gott» gebe es: «Euren König!»

Es ist eine dramatische Schlüsselszene aus Verdis Frühwerk. Am Opernfestival in Avenches allerdings verpufft die Wirkung. Der Blick wird abgelenkt auf zwei Riesenleinwände, die Teil des Bühnenbilds sind: Sie zeigen die berühmte Terrakottaarmee als Computeranimation, roboterhaft, ballettös schreiten die Soldaten über die Leinwand. Und man fragt sich: Ist dies nun eine Anspielung auf den berüchtigten «Gottkaiser» Qin? Oder ist es ein Werbetrailer für die Ausstellung im Historischen Museum Bern?

Desaströser Ehrgeiz

Terrakotta ist der visuelle Grundstoff der Inszenierung. Die Bühne zeigt eine hufeisenförmige Terrakottastruktur, und deren erdige Farbe zieht sich weiter zu den Kostümen der gebeutelten Hebräer, die Maria Filippi entworfen hat, als Kontrast zur kühlen Klarheit der Babylonier. Regisseur Marco Carniti sucht das zeitlos Symbolische. Zerbrechlichkeit und Flüchtigkeit sind die Grundmotive der Inszenierung, gewonnen aus dem Libretto. Und Carniti dekliniert sie vielfältig durch. Zerbrechlich wirkt nicht nur das hebräische Volk, zerbrechlich wirken letztlich auch die beiden Protagonisten: Nabucco und seine vermeintliche Tochter Abigail, getrieben von desaströsen Ehrgeiz. Was hinter den Masken der Boshaftigkeit steht, die Regie deutet es an. Ein surreal überdimensionierter Thron und eine lächerlich grosse Krone weisen ins Psychologische.

Doch die Inszenierung bleibt in flüchtigen Ansätzen stecken. Und der Spielraum, den die karge Bühne auch interpretatorisch bieten würde, wird letztlich kaum genutzt. Freunde des klassischen Rampensingens kommen auf ihre Rechnung – andere eher nicht. Und dafür, dass Regisseur Marco Carniti beim Tanz zu Hause ist, wirken seine szenischen Tableaus erstaunlich statisch.

Geradezu nervtötend aber sind oft die Computeranimationen, die parallel zum Bühnengeschehen auf der Grossleinwand geboten werden: flackernde Kerzen, blutverschmierte Gitterstäbe, ein aufgehender Mond, eine zerbröckelnde Maske – das sind noch die konkreteren Sujets. Nicht selten sind es abstrakte Animationen mit dem Charme eines Bildschirmschoners, die dem musikalischen Rhythmus entgegenlaufen.

Konkurrenz nimmt zu

Was soll das? Eric Vigié, Direktor der Opéra de Lausanne und seit 2011 Intendant in Avenches, muss das Festival vorwärtsbringen, um es zu erhalten. Der Druck ist gross. In den letzten Jahren sind die Zuschauerzahlen kontinuierlich zurückgegangen. Und die Konkurrenz nimmt weiter zu. Dieses Jahr kommt mit «La Perla» in Pfäffikon ZH ein weiteres grosses Freilichtopernfestival hinzu, initiiert von Sergio Fontana, Gründer und früherer Leiter des Opernfestivals Avenches.

Eric Vigié will mehr Besucher aus der Romandie, aber auch ein jüngeres Publikum anlocken: Kinder können neuerdings gratis in die Arena, Besucher unter 25 Jahren zahlen bloss die Hälfte. Ob die Mischung aus Oper und computeranimiertem Abstraktkino ankommt? Ausverkauft war die Premiere jedenfalls lange nicht, und der Schlussapplaus war auch schon üppiger.

Am meisten Applaus erhielten zu Recht die Protagonisten: Sebastian Catana ist ein überzeugender Nabucco. Mit seinem warmen, gerundeten Bariton zeigt der Rumäne eine ambivalente Titelgestalt, schwankend zwischen Härte und Verletzlichkeit. Sopranistin Maria Billeri gibt eine Abigail von vehementer Boshaftigkeit, deren Fassade nicht erst im Schlussakt bröckelt. Die mörderischen Schwierigkeiten ihres Gesangsparts meistert sie respektabel, doch das Kraftvolle grenzt bei ihr ans Forcierte, und ihr Vibrato ist so exzessiv, dass Tonhöhen und harmonische Zusammenhänge im Forte kaum mehr erkennbar sind. Oren Gradus strahlt als Hohepriester Zacharias die nötige Autorität aus und wirkt sängerisch ebenso solide wie Maria Karall in der Rolle der Königstochter Fenena, während Rubens Pelizzari in der Tenorrolle des Ismael zum Forcieren neigt.

Eine Premiere ist die Produktion für das junge Freiburger Kammerorchester (mit diversen Zuzügern). Zwar kann der Klangkörper nicht ganz mit dem Orchestre de Chambre de Lausanne mithalten, das bei der letzten Festivalausgabe glänzte. Doch auch das Freiburger Kammerorchester (Leitung: Nir Kabaretti) überzeugt, gerade weil es in der Arena sinnfällig die grosse, laute Operngeste unterläuft. Am eindringlichsten beim Gefangenenchor im dritten Akt: So langsam und so leise-entrückt ist dieses Stück selten zu hören. Der Chor der Opéra de Lausanne und das Orchester zeigen, wie zerbrechlich Verdis Traummusik ist.

Weitere Vorstellungen: 9./12./13./16./18.7. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.07.2013, 14:15 Uhr

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